Vom Farbmischer zum Pharmaschwergewicht

150 Jahre Industriepark Höchst

05.08.2013 Keine Frage – 1863 war ein Jahr mit vielen Ereignissen, die bis heute nachwirken. Auf politischer Ebene waren es sicher die Schlacht um Gettysburg, Wendepunkt des US-amerikanischen Bürgerkriegs, sowie Ferdinand Lassalles „Offenes Antwortschreiben“, Gründungsdokument der SPD, deren Auswirkungen unsere Gesellschaft bis heute prägen. Aber auch der Industriestandort Deutschland begeht in diesem Jahr gleich zweimal ein 150igstes Jubiläum der Sonderklasse: Die Gründung des Bayer-Konzerns (siehe CT 06/13 „Geschichte zum Jubeln“) sowie des Industrieparks Hoechst. Damals besser noch bekannt als Theerfabrik Meister Lucius & Co.

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Ursprünglich als Fabrik für Teerfarbstoffe auf Steinkohlebasis gedacht, dauerte es nicht lange, bis die Gründer das Produktportfolio nicht nur im Bereich der synthetischen Farbstoffe erweiterten, sondern auch verschiedene Vorprodukte selbst herstellten. 1883 dann, 20 Jahre nach der Gründung, war das Unternehmen nicht nur mittlerweile eine an der Börse gehandelte Aktiengesellschaft, sondern bot mit Kairin, ein fiebersenkendes Mittel, auch erstmalig ein Medikament an. Noch im selben Jahr folgte mit dem Schmerzmittel Antipyrin der erste „Blockbuster“ für das noch junge Unternehmen. Es sollte den Grundstein für eine Vielzahl folgender Analgetika bilden.

Nobelpreis für einen Irrtum?
Seitdem brachte das Unternehmen kontinuierlich immer neue, teils revolutionäre Wirkstoffe auf den Markt. Mit Salvarsan hatten Mediziner beispielsweise zum ersten Mal in der Geschichte der Arzneimittelforschung einen Wirkstoff gegen Syphilis zur Verfügung. Gleichzeitig begründete das Medikament die Entwicklung der modernen Chemotherapie. Das wohl geschichtsträchtige Präparat ist wohl aber Tuberkulin. Nicht zuletzt, weil seine Entwicklung auf Robert Koch zurückgeht. Dieser glaubte im Jahr 1890 mit Tuberkulin einen Wirkstoff gegen Tuberkulose gefunden zu haben – ein Irrtum, wie erst später feststand. Denn anders als von Koch vermutet, löst die Protein-Mischung lediglich eine Hautreaktion bei Personen aus, die bereits mit dem Tuberkulose-Bakterium in Berührung kamen. Als es zu ersten Todesfällen kam und Koch gezwungen war, die Zusammensetzung seines „Heilmittels“ zu veröffentlichen, wurde die Unwirksamkeit der Öffentlichkeit und nicht zuletzt auch ihm bekannt. Auch Kochs zweiter Versuch, ein Heilmittel für Tuberkulose auf den Markt zu bringen, sieben Jahre später, war nicht von Erfolg gekrönt. Diesen beiden Fehlschlägen zum Trotz: Kochs Verdienst um die Tuberkulose-Forschung war und ist ein Meilenstein – und wurde 1905 mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt.

Mehr zum Jubiläum und der Geschichte des Industrieparks lernen Sie hier.
Den Beitrag „150 Jahre Bayer“ finden Sie hier.

Heftausgabe: August 2013

Über den Autor

Philip Bittermann, Redakteur
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