Oh nein, ein Kartell!

Abkommen des Monats – Wagenburg oder Selbsthilfegruppe?

18.08.2017 Wie man’s macht, man macht’s falsch: Konkurrenzkampf darf nicht zu aggressiv geführt werden, aber sich miteinander abzusprechen ist auch nicht in Ordnung. Ist es nicht generell besser, wenn sich Konzerne friedlich einigen?

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Teambuilding

Bild: ©goldencow_images – stock.adobe.com

Einige deutsche Autobauer zum Beispiel sollen sich in praktisch allen Bereichen – von Motoren über Abgasreinigung bis hin zum Duftbäumchen am Rückspiegel – untereinander abgesprochen und ein Kartell gegründet haben. Na und?

Eine Absprache soll die Größe der Adblue-Tanks in Dieselfahrzeugen betreffen. Adblue ist für Dieselfahrer in etwa das, was in der Schule der Spickzettel war: Bei einer Prüfung ist es ganz beruhigend, diesen dabei zu haben, aber benutzen will man ihn sowieso nicht. Deshalb müssen die Harnstoff-Tanks auch nicht besonders groß sein. Aber eine Absprache zur Größe? In der Chemieindustrie feiert man eine ähnliche Einigung als Standard: IBC sind doch auch alle gleich groß.

Auch Ölindustrie und Petrochemie schlagen sich schon mindestens seit den 1960er Jahren mit einem Kartell herum und fahren damit gar nicht mal so schlecht. Irgendjemand muss doch diesen hysterischen Ölpreis stabil und unter Kontrolle halten. Man mag sich gar nicht ausmalen, was ansonsten alles passieren könnte. Womöglich werden am Ende die unkonventionellen Fördermethoden zu unwirtschaftlichen Fördermethoden, und das kann doch wirklich niemand wollen.

Regenerative Breitseite aus dem Nichts

Weder die Öl-, noch die Autoindustrie haben es besonders leicht dieser Tage. Jahrzehntelang hatten sie so einen guten Lauf, Peak Oil und Abgasnormen waren ferne Schreckgespenster. Doch dann traten diese neuartigen „regenerativen Energiequellen“ auf den Plan – ganz plötzlich und offenbar völlig unerwartet: eine volle Breitseite aus dem Nichts. Anders lässt sich die Überraschung der fossilen Verbrenner nicht erklären. Nachvollziehbar ist auch das folgende Zögern, ob sich der regenerative Kram überhaupt durchsetzen kann. Man investiert schließlich nicht in eine Technologie ohne Zukunft.

Doch dann war der Zug plötzlich abgefahren – übrigens ein größtenteils elektrisch betriebenes öffentliches Verkehrsmittel und damit weitere Konkurrenz fürs Auto. Zu schnell abgefahren, um noch aufzuspringen. Was folgte, ist lediglich der Reflex einer bedrohten Art, sich schutzsuchend zusammenzurotten. Rohmaterial für eine Wagenburg ist in diesem Fall ja reichlich vorhanden. Doch was die Autoindustrie daraus baut, ist kein Kartell, sondern eine Selbsthilfegruppe.

Weitere CT-Spotlights.

Heftausgabe: August 2017

Über den Autor

Ansgar Kretschmer, Redaktion
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