Am Puls der Veränderungen

Achema reflektiert die aktuellen Entwicklungen und Trends in der Chemischen Technik

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08.06.2015 Same procedure as every year? Wer alle drei Jahre die Achema in Frankfurt besucht, könnte zu dieser Meinung gelangen. Doch weit gefehlt: Die diesjährige „Ausstellungstagung für chemisches Apparatewesen“ findet in einem sich rasant verändernden Umfeld statt: Globale Megatrends wie Demografie, Energie- und Rohstoffbasis sowie technologische Trends wie die Vernetzung der Produktionssysteme lassen wie kaum zuvor erahnen, wohin die Reise der Prozess­industrie gehen kann.

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Entscheider-Facts


Für Entscheider

  • Die Chemieindustrie wird in den kommenden zwei Jahrzehnten überproportional wachsen. Allerdings ändern sich die Spielregeln in den Märkten.
  • Die Rohstoffbasis der Chemie hat sich nachhaltig verändert - wo über Jahrzehnte Erdöl die gemeinsame Basis war, wird zunehmend regional diversifiziert: Erdgas, Erdöl, Kohle und Biorohstoffe.
  • Der Trend zur Spezialisierung wirkt sich auf die Technologien aus: Ein Trend geht hin zu modularen Anlagen und  der Vernetzung von Anlagenkomponenten im Sinne der Industrie-4.0-Konzepte.

Die Chemieindustrie wird in den kommenden zwei Jahrzehnten überproportional wachsen. Nach Daten des europäischen Chemieverbandes Cefic wird sich das Produktionsvolumen bis 2030 gegenüber 2014 auf ein Volumen von 6.300 Mrd. Euro nahezu verdoppeln. Mit einem Wachstum von 4,1 Prozent könnte die Chemie sich deutlich dynamischer entwickeln, als der Durchschnitt der globalen Volkswirtschaften. Die Gründe dafür sind vielfältig – die wachsende Weltbevölkerung, aber auch der Hunger der Schwellenländer nach Wohlstand sind zwei der wichtigsten Treiber. Und die Chemie ist hier ein wesentlicher Enabler: Ob durch Dünger oder Pflanzenschutzmittel die Erträge auf den limitierten Anbauflächen gesteigert werden sollen, oder Hightech-Kunststoffe die Massenproduktion von Konsumgütern ermöglichen – in der Regel bilden Produkte der Chemie die Grundlage.

Ein wesentlicher Trend dabei ist die zunehmende Fokussierung der Hersteller auf höherwertige Produkte: Klassische Grundchemikalien-Produzenten machen sich auf, in immer stärkerem Maße auch Zwischenprodukte (Intermediates) anzubieten. Unter den Anbietern höherwertiger Chemie heißt die Strategie: Fokussierung auf Spezialchemikalien. Der dazu notwendige Transformationsprozess ist bereits voll im Gang. Ablesen lässt sich das an den Übernahmeaktivitäten in der Branche: In den Industrieländern in Europa und Nordamerika zeichnet sich ein deutlicher Trend in Richtung höherer Wertschöpfung ab: Der Verkauf der Chlorsparte durch Dow oder die Abspaltung des Kunststoffgeschäfts bei Bayer mögen hier als Beispiele dienen.

Was noch vor drei Jahren schwer einzuschätzen war, hat für die Rohstoffbasis der Chemieproduzenten auf der ganzen Welt inzwischen nachhaltige Konsequenzen: die Ausweitung der Schiefergas- und -ölproduktion in den USA. Innerhalb von weniger als einem Jahrzehnt hat das als „Fracking“ bekannte Bohrverfahren die Kräfteverhältnisse auf den Kopf gestellt und den Ölpreis im vergangenen Jahr auf eine rasante Talfahrt geschickt. Was Otto-Normalverbraucher allenfalls an der Tankstelle erfährt, hat für die Chemie gravierende Konsequenzen. Gleich mehrere Petrochemieunternehmen haben in den USA ihre Naphta-Cracker auf Ethan umgerüstet. Gleichzeitig führt das billige Erdgas dazu, dass in den USA eine regelrechte Chemie-Bonanza ausgebrochen ist. Das US-Beratungsunternehmen IHS rechnet damit, dass sich die nordamerikanische Chemie- und Kunststoffproduktion bis 2020 verdoppeln wird, während die Produktion in Europa im selben Zeitraum um ein Drittel schrumpfen soll.

Nach Recherchen des  US-Chemieverbands ACC wurden in der US-Chemie zwischen Januar 2010 und Februar 2014 Anlagenprojekte im Wert von 100,2 Mrd. US-Dollar angekündigt, die im Zusammenhang mit günstigem Schiefergas stehen. Diese sollen im Zeitraum bis 2023 Realität werden. Und der Zug nimmt erst Fahrt auf: Bis 2018, so die Schätzungen, wird die Chemie in den USA ihre jährlichen Investitionen gegenüber 2010 verdoppeln.

Heftausgabe: Juni 2015
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Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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