Flexibilität und Kooperation gefragt

Anlagenbau diskutiert Wettbewerbsdruck und EPC-Fähigkeit

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08.08.2017 Ein bisschen mehr geht immer – sowohl im Positiven, als auch im Negativen: Ein bisschen viel mehr Wettbewerbsdruck verspüren deutsche Anlagenbau-Unternehmen, so eine aktuelle Umfrage des VDMA. Und es wird in den nächsten Jahren noch schlimmer werden. Welche Antworten die Branche darauf findet, wurde auf dem 5. Engineering Summit im Juli diskutiert.

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Entscheider-Facts für Planer und Betreiber

  • Der Wettbewerbsdruck im deutschen Anlagenbau war bereits in den vergangenen Jahren hoch und wird in den kommenden drei Jahren noch deutlich weiter steigen.
  • Auf dem 5. Engineering Summit diskutierten Führungskräfte Lösungen, um dem Wettbewerbsdruck zu begegnen und sich für die Zukunft aufzustellen.
  • Um im globalen Wettbewerb mithalten zu können, muss der deutsche Anlagenbau künftig mehr denn je Effizienzpotenziale heben, neue Geschäftsmodelle etablieren sowie Methoden und Prozeduren anpassen.

Der deutsche Großanlagenbau ist Kummer gewohnt: Asien- und Russlandkrise zum Jahrtausendwechsel, Weltwirtschaftskrise 2009 und Energiewende haben über die vergangenen zwei Jahrzehnte ihre Spuren im Auftragseingang der Kraftwerks-, Metallurgie- und Chemieanlagenbauer hinterlassen. Zwischen 2008 und 2016 sank der Auftragseingang von 33 auf 19 Mrd. Euro. Doch ein Ergebnis der jüngsten Mitgliederumfrage verblüffte selbst Klaus Gottwald, den sturmerprobten Konjunkturexperten des Anlagenbauverbandes: Der sowieso schon hohe Wettbewerbsdruck wird in den kommenden drei Jahren noch einmal deutlich steigen – mehr als zwei Drittel der Mitgliedsunternehmen rechnen mit wachsender Konkurrenz auf den Weltmärkten. Und diesmal sind im Gegensatz zur Situation vor acht Jahren nicht Unternehmen aus Südkorea die schärfsten Wettbewerber, nun buhlen vor allem Anlagenbauer aus China, Westeuropa und den USA um die Großprojekte.

Kostensenkungen, aber kein Befreiungsschlag

Dr. Christian Bruch, Vorstandsmitglied beim Technologiekonzern Linde, sieht vor allem den niedrigen Ölpreis und die politischen Konflikte im Nahen Osten als Hemmnisse für Investitionen in neue Anlagen. „Das hat dazu geführt, dass in den vergangenen Jahren der Druck auf unsere Preise deutlich gestiegen ist“, so Bruch. Anbieter wie der Münchner Anlagenbauer haben zwar bereits reagiert, indem sie die Kosten für Engineeringleistungen und die Beschaffung von Anlagenausrüstung zu reduzieren suchen, doch ein richtiger Befreiungsschlag ist der Branche bislang nicht gelungen.

Auf dem 5. Engineering Summit, zu dem sich Anfang Juli in Mannheim über 300 Führungskräfte des Anlagenbaus getroffen hatten, wurde deshalb ein ganzer Strauß an Maßnahmen diskutiert, mit dem die Anlagenbauer ihr Geschäft robuster aufstellen wollen. Dazu gehören neben effizienteren Engineeringprozessen und deren Digitalisierung auch eine Erweiterung des Geschäftsmodells um Services und strategische Partnerschaften im internationalen Geschäft.

Letztere bieten neben Kostensenkungen vor allem die Chance, Risiken besser zu verteilen. Wie wichtig diese sind, stellte Christian Elsholz, Direktor beim Beratungsunternehmen PWC fest: In einer aktuellen Studie haben die Marktforscher untersucht, welche Maßnahmen notwendig sind, um die EPC-Wettbewerbsfähigkeit des Großanlagenbaus zu stärken. So sind Kooperationen vor allem für die Abwicklung von Megaprojekten mehr denn je notwendig. Für Tom Blades, Vorstandsvorsitzender bei Bilfinger, werden strategische Partnerschaften auch deshalb immer wichtiger, weil die Auftraggeber zunehmend nicht mehr das Produkt, sondern dessen Eigenschaften definieren. Spezial-Know-how verortet Blades in Zukunft nicht mehr beim Betreiber oder Engineeringpartner, sondern beim Lösungsanbieter.

Strategische Partnerschaften weitgehend noch Fehlanzeige

Dennoch ziehen bislang nur 50 % der befragten Unternehmen strategische Partnerschaften überhaupt in Betracht. Ein kritischer Punkt, so Linde-Vorstand Christian Bruch, ist die Definition der Schnittstellen zwischen den Kooperationspartnern. Und 65 % der in der PWC-Studie Befragten empfinden die frühzeitige Einbindung des Kooperationspartners als Herausforderung.

Manchmal liegt es an restriktiven Rahmenbedingungen für Finanzierungen und der fehlenden Bereitschaft, alternative Finanzierungsleistungen anzubieten, wenn deutsche Anbieter in EPC-Projekten nicht zum Zuge kommen. „In jeder vierten Projektanfrage werden Finanzierungslösungen durch den Auftraggeber angefragt“, nennt die PWC-Studie die Dimension.

Auch die Politik hat die große Bedeutung des EPC-Geschäfts für die deutsche Industrie mittlerweile erkannt. Helfen soll künftig unter anderem die jüngst im Bundeswirtschaftsministerium neu geschaffene Geschäftsstelle „Strategische Auslandsprojekte“. Um den Großanlagenbau zielgenau zu unterstützen, sind jedoch weitere Aktivitäten notwendig, die in der Studie klar benannt werden. „Die Kunden erwarten zunehmend, dass der EPC-Anbieter die Finanzierung mitbringt. Wir sehen daher insbesondere bei der Ausweitung der Finanzierungsmöglichkeiten weiteren Handlungsbedarf“, fasst Thomas Waldmann, Geschäftsführer der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau, die Erwartungen der Industrie zusammen.

„EPC“-Modell noch zeitgemäß?

Doch ist EPC, d. h. das Anbieten von Planungsleistungen, die Beschaffung von Ausrüstung und die anschließende Baustellenabwicklung überhaupt noch eine Option für den deutschen Anlagenbau? Zumindest nicht alle Anbieter , sondern erwägen im Einzelfall ihr Engagement in internationalen EPC-Projekten. „Wir machen außerhalb unseres konzerninternen Geschäftes kein EPC-Projekt um jeden Preis mehr. Unser Ziel ist es, auf Basis einer eigenen starken Technologie einen möglichst großen Umfang an Lieferungen und Leistungen zu verkaufen und damit einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Billiganbietern zu erzielen. In diesem Zusammenhang haben wir unser Risikomanagement deutlich verbessert, um unkalkulierbare Risiken rechtzeitig zu erkennen“, erläutert Helmut Maschke vom Anlagenbauer Air Liquide Global E&C Solutions Germany, der als Vice President für die Region Central Europe verantwortlich ist. „Politische Unterstützung ist wichtig, aber das wird nicht reichen, um den deutschen EPC-Anlagenbau in der Welt wieder groß zu machen“, so Maschke.

Eine Sonderrolle unter den Auftraggebern nehmen Chemieunternehmen ein, für die eigene Technologien ein Wettbewerbsfaktor sind. „Wir können die Verantwortung für das, was wir bauen, nicht an EPC-Unternehmen delegieren“, ist Dr. Joachim Thiel, Senior Vice President Engineering & Maintenance Europe, BASF, überzeugt: „Owners Engineering-Einheiten wünschen sich vor allem flexible Partner, die Projekte nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt unterstützen können. Der Wunsch nach Flexibilität gilt gleichermaßen auch für Servicepartner – auch die erwartet der Betreiber vor Ort und zu lokal wettbewerbsfähigen Preisen“, so Thiel.

Geschäftsmodell um Services erweitern

Für die klassischen EPC-Anlagenbauer gewinnen betriebsnahe Services als Ergänzung zum klassischen Geschäftsmodell immer stärker an Bedeutung. Der Industriedienstleister Bilfinger, der immerhin ein Drittel seines Umsatzes auch mit Engineeringleistungen tätigt, schätzt, dass der Servicemarkt in Europa, Nordamerika und dem Mittleren Osten zwischen 2016 und 2020 jährlich um 2,6 % von 231 auf 256 Mrd. USD wachsen wird. 46 % des Geschäfts entfällt auf Nordamerika, 38 % auf Europa. „Bis 2020 wird es in diesen Regionen 33.000 Anlagen geben, die älter als zehn Jahre sind“, konkretisiert Bilfinger-CEO Tom Blades. Knapp die Hälfte dieses Marktes (43 %) sieht der Industriedienstleister in den Branchen Chemie und Pharma.

Doch auch im Metallurgie-Anlagenbau sind Services ein wachsendes Geschäft – Anbieter wie der deutsch-japanische Primetals Konzern haben neben den Umsatzchancen auch die strategischen Aspekte im Blick: „Service ist mehr als Ersatzteile – neue Konzepte bieten die Chance, Kunden enger zu binden“, sagt Karl Purkarthofer, Senior Vice President und Global Head of Metallurgical Services bei Primetals Technologies. Zu den neuen Bindungspunkten gehören neben den bewährten „physischen“ wie beispielsweise „Embedded Service Engineers“, vermehrt auch „digitale“ Verbindungspunkte wie e-Services, smart components oder smart maintenance.

Für die Anlagenbauer eröffnet vor allem die digitale Service-Anbindung die Chance, neue Geschäftsmodelle wie Just-in-Time-Ersatzteile, Lebensdauer-Contracting oder umfangreiche Servicepakete für sich zu erschließen. „Doch um erfolgreich zu sein, sind neue Fähigkeiten notwendig: sowohl beim Personal als auch technologisch“, ist Purkarthofer überzeugt. Um diese Ressourcen zu erschließen, plädiert der Metallurgie-Spezialist dafür, eine Kultur der „offenen Organisation“ zu etablieren. Diese soll die Kooperation mit innovativen Start-ups ermöglichen und einen schnellen Zugang zu externem Know-how eröffnen.

Digitalisierung als Differenzierungsmerkmal

Notwendig wird dies auch im Hinblick auf das Megathema Digitalisierung: Deren Bedeutung ist inzwischen von der Branche verstanden worden – sie könnte künftig zu einem Differenzierungsmerkmal gegenüber dem Wettbewerb werden. In der aktuellen Studie „Potenziale von Industrie 4.0 im Großanlagenbau“, die der VDMA und das Beratungsunternehmen Maexpartners auf dem Engineering Summit präsentierten, rechnen 72 % der Befragten damit, dass sich mit neuen, digitalen Produkten und Dienstleistungen höhere Umsätze erzielen lassen. 2015 waren erst 50 % der Anlagenbauer dieser Meinung gewesen.

Digitalisierung wird, durchgängige und standardisierte Schnittstellen vorausgesetzt, auch als Effizienztreiber gesehen. Doch bei Weitem nicht nur: Auch klassische Ansätze, die Methodenkompetenz zu steigern, bieten noch große Effizienzpotenziale. So ist es den Planern beim Chemiekonzern Evonik gelungen, durch ein Redesign der Projektabwicklung nicht nur Projektziele (Qualität, Kosten, Termine) zu sichern, sondern auch die Investitionskosten deutlich (10 bis 15 %) zu senken. „Prozessentwicklung und Engineering werden als ein zusammenhängender Prozess durchgeführt“, erläutert Dr. Wilhelm Otten, Head of Business Line Process Technology & Engineering, Evonik Technology & Infrastructure. Im Gegensatz zur klassischen Projektvergabe werden die Projektziele dabei von der Geschäftseinheit (Auftraggeber) und dem Engineering gemeinsam entwickelt. Otten: „Gemeinsam mit der Geschäftseinheit definieren wir eine Basisanlage, die die minimalen Erfordernisse des Geschäfts erfüllt. So können wir den Projektumfang systematisch minimieren.“

Effiziente Projekte durch Kooperation

Im Außenverhältnis zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer plädiert auch Wolfram Gstrein, Geschäftsführer von VTU Engineering Deutschland, für angepasste Lösungen, um zu einem effektiven Contracting zu kommen: „Der Vertrag sollte lediglich den Rahmen für die Arbeiten setzen und an die Projekterfordernisse angepasst sein“, so Gstrein. Bei einer zu hohen Detaillierung droht sonst eine Claim-Management-Kultur, die den Projektzielen zuwiderläuft. „Soft facts“, so Gstreins Überzeugung, erzeugen einen Wettbewerbsvorteil: „Wirkliche Steigerungen in Effektivität und Effizienz werden nur durch eine engere Kooperation und Einstellung zwischen Kunden und Auftragnehmern erreicht – begleitet durch eine intelligente Nutzung von Prozeduren und Softwarewerkzeugen.“

Ein Aspekt, den auch Mesut Sahin, Geschäftsführer von MMEC Mannesmann sieht: Der Anlagenbauer hat seine Projektabläufe verschlankt – 146 ehemals allgemeingültige Project Procedures wurden an drei verschiedene Projektarten angepasst – mit dem Ergebnis, dass künftig nur noch neun Prozeduren auf alle Projekte angewendet werden müssen.

Fazit: Die Beispiele verdeutlichen: Um im globalen Wettbewerb mithalten zu können, muss der deutsche Anlagenbau künftig mehr denn je Effizienzpotenziale heben, neue Geschäftsmodelle etablieren sowie Methoden und Prozeduren anpassen. Die Kunst wird darin bestehen, die Flexibilität der Mitarbeiter zu fördern und sich flexibel auf die volatilen Rahmenbedingungen einzustellen.

Bildergalerie 5. Engineering Summit.

Heftausgabe: August 2017
Armin Scheuermann ist Chefredakteur der CHEMIE TECHNIK

Über den Autor

Armin Scheuermann ist Chefredakteur der CHEMIE TECHNIK
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