IT als Produktivitätsfaktor

Anlagenbau: Studie zeigt Investitionsschwerpunkteder Kontraktoren

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12.03.2009 Der Informationstechnik kommt im Anlagenbau angesichts des anhaltenden Ingenieurmangels große Bedeutung zu. In einer Studie wurde nun untersucht, welche Maßnahmen aus Sicht der EPC-Unternehmen besonders großen Erfolg versprechen.

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Als wichtigste Trends wurde von den in der Prozess- und Energieindustrie sowie in der Marine-Branche tätigen EPC-Unternehmen die Aspekte globale Arbeitsteilung, fortschrittliche Dimensionsprüfung, das Wissensmanagement sowie eine datenzentrische Projektdurchführung genannt. Dies geht aus einem neueren Projekt hervor, in dem ein Benchmarking der Investitionen von EPC-Unternehmen in digitale Technologien durchgeführt wurde. Die Technologien, nach denen gefragt wurde, reichen von Planungsautomatisierung über Konstruktionsplanung und digitale Vor-Ort-Geräte zur 3D-Positionsmessung bis hin zu Systemen für Materialwirtschaft, Beschaffung und ERP, und umfassen damit das gesamte IT-Spektrum für Planung, Fertigung, Konstruktion und Übergabe.

Spar Point Research untersuchte neue Technologien, die für mehr Produktivität, Qualität und Sicherheit von Arbeitsprozessen bei der Erstellung, Änderung und Verwaltung von Anlagen und technischen Produkten sorgen. Um festzustellen, in welchen Bereichen EPC-Unternehmen ihre IT-Investitionen ausbauen und welche Technologien warum die stärkste Wirkung auf Projektproduktivität und unternehmerischen Erfolg haben, wurden eine Reihe von Tiefeninterviews mit Führungskräften und Projektmanagern von EPC-Unternehmen mit einem Jahresumsatz von unter 100 Mio. US$ bis 20 Mrd. US$ durchgeführt. Das Ergebnis zeigt die unterschiedlichen Sichtweisen der Führungs- und der Projektebene.

Megatrends treiben IT-Investitionen

Der Unterschied zwischen der Sicht der Führungsebene und der Perspektive der Projektverantwortlichen war sehr aufschlussreich. So wird von Führungskräften die Notwendigkeit, ein globales Worksharing zu ermöglichen, am häufigsten als Megatrend genannt, der die IT-Investitionen in den kommenden fünf Jahren treiben wird (41 Prozent der befragten Führungskräfte).

Dagegen wurde auf Projektebene zumeist eine fortschrittliche Dimensionsprüfung als Megatrend identifiziert, d.h. von 50 Prozent der Befragten dieser Gruppe. Hierzu zählen 3D-Laserscanning, Photogrammetrie, Total Station Surveying, GPS/RTK, Sonar- und andere Digitaltechnologien und Prozesse für die 3D-Positionsmessung. Diese Lösungen dienen dazu, bestehende Gegebenheiten aufzuzeichnen, um Planung und Fertigung zu informieren und zu prüfen, ob die gefertigten und installierten Systeme dem planerischen Zweck entsprechen. Die befragten Projektleiter stimmen jedoch mit der Führungsebene überein, dass globales Worksharing und datenzentrische Projektumsetzung im Hinblick bei IT-Investitionen oberste Priorität haben.
Kurzfristig konzentrieren EPC-Unternehmen ihre IT-Investitionen auf die Umsetzung der wichtigsten Wegbereiter für globales Worksharing:

  • Gemeinsame Werkzeuge und Arbeitsprozesse im gesamten Unternehmen,
  • globale Konnektivität,
  • Mobilität durch webbasierte und drahtlose Anwendungen,
  • Wissensmanagement, um Einschränkungen bei der Belegschaft zu überwinden.

 

Die von Führungskräften am zweithäufigsten genannte Notwendigkeit ist das Wissensmanagement. Das heutige Arbeitspensum bedeutet eine erhebliche Belastung der Mitarbeiter – diese Entwicklung wird sich noch verschlechtern, wenn immer mehr ältere Mitarbeiter
in den Ruhestand treten und nicht genügend junge Kräfte zur Verfügung stehen, wodurch ein Mangel an Fähigkeiten entsteht. Daher sind Möglichkeiten, das Wissen älterer Experten zu erfassen und dann neuen Mitarbeitern und der gesamten Organisation in verständlicher Form zur Verfügung zu stellen, ein weiteres Kerngebiet von IT-Investitionen.

Datenzentrische Projektdurchführung und die Macht von 3D

Der Trend zum Wissensmanagement wird direkt gefolgt von der Entwicklung hin zu einer datenzentrischen Projektdurchführung. Immer wieder hörten wir von EPC-Unternehmen, dass die alten, dokumentenzentrischen Arbeitsprozesse nicht mehr ausreichen, um den heutigen Arbeitsanfall, enge Zeitvorgaben und Projektkomplexität zu bewältigen – selbst wenn diese „Dokumente“ in Form von 3D-Digitalmodellen vorliegen.

Seit deutlich mehr als 10 Jahren gelten 3D-Planungsinstrumente als unersetzlich für die Vermeidung physikalischer Kollisionen in Anlagen vor der Fertigung und Konstruktion. Wir haben jedoch festgestellt, dass die fortschrittlichsten Unternehmen inzwischen mit virtuellen 3D-Modellen als visuelle Portale arbeiten, mit denen die Anwender Detailplanungen einfach und intuitiv erstellen und darüber hinaus Abfragen von verlinkten Datenbanken durchführen können. Zudem haben sie Zugriff auf umfassende räumliche und nicht räumliche Informationen zu der Anlage.
Neben diesen Trends zeigte sich, dass die Konstruktions-Automatisierung wieder ein wichtiges Thema ist. Seit langem investiert die Branche in die Automatisierung von Front-End-Engineering & Design (FEED). Mittlerweile zeichnen sich endlich auch im Bereich Detailplanung entsprechende Lösungen ab: Anspruchsvolle Digitalwerkzeuge für Konstruktionsplanung und Stakeless Mass Grading und andere Werkzeuge für automatisierte Tätigkeiten vor Ort sowie Inbetriebnahme- und Anlaufplanung stehen immer mehr im Fokus.

IT-Lösungen für Projektdurchführung überholen Unternehmens-IT

Die Studie zeigt, dass die Budgets für IT-Lösungen für die Projektduchführung schneller wachsen als die Mittel für Unternehmens-IT. Durchschnittlich nannten die Befragten einen Anstieg des IT-Budgets von 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die IT-Ausgaben im Projektbereich nahmen im gleichen Zeitraum jedoch um 10 Prozent zu. Die Gründe sind offensichtlich: Für EPC-Unternehmen ist eine geringe Steigerung der geschäftlichen Effizienz durch den Kauf von ERP-Software weniger wichtig als Gewinne, die sich mit Werkzeugen erzielen lassen, die unmittelbar für eine pünktlichere, effizientere und wirtschaftlichere Umsetzung von Investitionsprojekten sorgen.

In Zukunft werden 3D-Arbeitsumgebungen allgegenwärtig sein – ein Faktor, der zur Überwindung personeller Engpässe beiträgt. Zwei Drittel aller Befragten sind der Ansicht, dass sich der Generationenwechsel der Arbeitnehmer auf die Innovation bei EPC-Unternehmen auswirken wird. Viele haben beobachtet, dass neu eingestellte Mitarbeiter tendenziell offen gegenüber neuen und anderen Arbeitsmethoden sind – und ihre mangelnde berufliche Erfahrung häufig durch Kenntnisse und produktive Nutzung neuester Digitalwerkzeuge wettmachen.
Andererseits nannten die meisten auf die Frage nach der wichtigsten Innovationsquelle in ihrem Unternehmen Projekte und Mitarbeiter, die direkt in Projekte eingebunden sind – 40 Prozent der Befragten sagten, dass dies die wichtigste Innovationsquelle ihres Unternehmens sei. An zweiter Stelle folgte die Antwort „überall“ – 27 Prozent waren der Ansicht, dass Innovation fest in ihrer Unternehmenskultur verankert sei und sich daher in jedem Bereich des Unternehmens ergeben könne. Die IT-Abteilung wurde von 17 Prozent der Befragten als wichtigste Innovationsquelle angegeben.
Die Untersuchung ergab, dass Investitionen in neue Digitaltechnologien selten ausschließlich auf der Grundlage von ROI-Berechnungen genehmigt werden. Natürlich müssen Investitionsanalysen durchgeführt werden, aber letztlich beruhen Entscheidungen auf dem gesamten Business Case und der intuitiven Beurteilung der Wertschöpfung, die mit der Investition in ein neues Werkzeug oder eine neue Methode einhergeht.

Nicht den Anschluss verlieren

Kommen wir auf die wichtigsten Erkenntnisse der Untersuchung zurück: Globales Worksharing, Wissensmanagement und datenzentrische Projektdurchführung erfordern die Implementierung von Informationstechnologien, die die Grenzen zwischen Organisationen, Disziplinen und Personen abbauen und so die Arbeitsergebnisse eines jeden Mitarbeiters für alle, die diese benötigen, zugänglich und nutzbar machen.

Immer wieder war ich überrascht und beeindruckt von dem Fortschritt, der schon heute im Hinblick auf die Ziele von morgen erreicht wird – beispielsweise von einigen führenden Unternehmen, die bereits Wissensmanagementsysteme implementiert haben. Einige der Befragten gaben an, dass sie bereits unternehmensweite Wissensdatenbanken eingeführt haben, die mit den neuesten Wiki- und Web-2.0-Technologien arbeiten. Ebenso sind Führungskräfte bestrebt, Ursachen von Reibungen zu beseitigen, die einem globalen Worksharing entgegenstehen. Bei alldem gilt offenbar: Besser sofort einsteigen, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Heftausgabe: März 2009

Über den Autor

Bruce Jenkins , Vorstand Research, Spar Point Research; Erstveröffentlichung: Insight 22/08
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