Nachwuchs für den Vorsprung

Automatisierungsbranche wächst ungebremst

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13.10.2008 Auch in 2008 ist ein erfolgreicher Anlauf der Automatisierungsbranche geglückt: Mehr Umsatz, mehr Aufträge, mehr Exporte und mehr Arbeitsplätze. Energieeffizienz und Klimaschutz sind zwei wesentliche Triebfedern, die die Nachfrage nach Automatisierungstechnik steigern. Als Bremse könnte in Zukunft der Fachkräftemangel wirken. Hierbei ist es weniger der verlorene Umsatz, sondern vielmehr die vertane Zeit für Innovationen, die den Erfolgskurs der Branche bedrohen könnten.

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In den kommenden Jahren wird vor allem die Energieeffizienz den verstärkten Einsatz von Automation erzwingen“, beschreibt Dr. Gunther Kegel, Vorsitzender des Vorstands des ZVEI-Fachverbands Automation, die Aussichten für die Automatisierungsbranche. Die Unternehmen verzeichnen für 2007 ein Umsatzplus von knapp elf Prozent gegenüber dem Vorjahr und konnten über 15Prozent mehr Aufträge akquirieren.

Auch 2008 wird die Branche wachsen, prognostiziert der Fachverband Automation auf der Mitgliederversammlung im September. „2008 wird ein weiteres gutes Jahr für die Messtechnik und Prozessautomatisierung mit einem Wachstum der weltweiten Märkte von neun bis zehn Prozent,“ stellt Michael Ziesemer, Mitglied des Vorstands des ZVEI-Fachverbands Automation, in Aussicht. Das überdurchschnittliche Wachstum schlägt sich auch in den Beschäftigtenzahlen nieder. Ziesemer erklärt, dass in der Prozessautomatisierungsbranche mehr als 3700 neue Arbeitsplätze geschaffen worden seien. Insgesamt habe die Automatisierungsindustrie 2007 etwa 15000 neue Stellen geschaffen und damit im Vergleich zum Vorjahr über sieben Prozent mehr Menschen in Arbeit gebracht.

In Rohstoffverarbeitung investieren

Trotz hohem Eurowechselkurs konnte die Prozessautomatisierung inDeutschland bei einem Produktionswachstum von sechs Prozent den Umsatz 2007 um sieben Prozent steigern. Der Import an Automatisierungstechnik stieg um fast zehn Prozent. Dabei weist der ZVEIden Importen deutscher Firmen aus eigenen ausländischen Produktionsstätten eine wachsende Rolle zu.

Die Energiebranche sei ein wichtiger treibender Motor, wie Michael Ziesemer berichtet. Von der klassischen Öl- und Gasförderung bis zur Bioethanolherstellung reichen die Projekte. „Ein anderer Wachstumsfaktor liegt in den Rohstoffen. Die Preise für Kupfer, Stahl und Aluminium sowie für Öl und Gas sind sehr hoch. Damit werden auch Investitionen in deren Verarbeitung attraktiv“, so Ziesemer. „Das spült Geld in die Kassen unserer Kunden und führt insbesondere die Prozessautomatisierung geradezu zu einer Sonderkonjunktur.“ Auch für die Kraftwerkstechnik, die Chemie-, Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie sind die Aussichten sehr gut, nur Papier- und Zellstoffindustrie stagnieren.

Mittlerer Osten wächst am stärksten

Der Weltmarkt Automatisierung ist nach Angaben des ZVEI 2007 um etwa sieben Prozent von 237Mrd.Euro auf 253Mrd.Euro gewachsen. Unternehmen inDeutschland fragten 2006 knapp 8 Prozent der weltweit produzierten Automationstechnik nach und haben einen Anteil von etwa 13 Prozent an der Produktion. Für 2007 erwartet der ZVEI keine signifikanten Änderungen der Zahlen. Insgesamt verzeichnen alle Regionen der Welt einen Zuwachs. Nur in Japan und den USA lässt das Wachstum bei der Prozessautomatisierung nach, während sich der Mittlere Osten als wachstumsstärkste Region entwickelt hat. Zwar war noch im Frühjahr das Wachstum geringer als aktuell für 2008 prognostiziert, doch bleibt der ZVEI bei der Einschätzung, dass das Wachstum in 2009 sich leicht abschwächen wird, auf weltweit sieben bis acht Prozent.

Technische Perspektiven

Einen Trend sieht der ZVEIin der Entwicklung vernetzter Automatisierungssysteme. „Nehmen wir die Integration der Leitsysteme mit den MES-Systemen als Beispiel. Die Vernetzung geht hoch bis auf ERP-Ebene, also SAP-Ebene. Empfängt das SAP-System einen Auftrag, stößt dieser die Vorgänge bis zur Rezeptursteuerung im MES-System und dann die entsprechende Regelung und Steuerung der Anlage über das Leitsystem an. Das nenne ich eine gesamthafte Lösung“, legt Ziesemer dar. Jedoch werde diese Entwicklung durch unklare Schnittstellendefinitionen behindert. Von der VDI-Richtlinie 5600 werde dahingehend eine entsprechende Klarheit erwartet. „Interessant ist der MES-Weltmarkt allemal mit ca. 20Mrd. US-Dollar und einer Wachstumsrate von ca. fünf Prozent nur in der Prozessindustrie.“

Auch für das Plant Asset Management steigt der Bedarf an Automatisierungstechnik. Die Feldbusse entwickeln sich in den Projekten nur langsam und noch immer findet sich in über 80Prozent der Projekte das Hart-System. Die Anknüpfung der Wireless-Technik schreitet ebenso langsam voran und Michael Ziesemer betont: „Bevor das wirtschaftlich breit an Bedeutung gewinnen wird, werden noch viele Jahre vergehen.“ Sinn mache der Einsatz dort, wo Messstellen in entlegenen Außenbereichen oder in räumlich weit verbreiteten Strukturen eingesetzt werden müssen. Wireless Hart werde an Bedeutung gewinnen, wobei für die Zukunft interessant sein werde, welcher Standard sich durchsetzen wird.

Energieeffizienz als Konjunkturmotor

Energie einzusparen ist nicht mehr nur ein Schlagwort, sondern ein echter Wettbewerbsvorteil. Es geht einerseits darum, denEnergiebedarf zu senken wie auch die Kohlendioxidemission zu reduzieren. Die Automatisierung von Prozessanlagen „leistet hierfür nicht nur einen Beitrag, sie ist der wichtigste Treiber“, betont Michael Ziesemer. Im Fokus stünden neben den Hauptprozessen auch die Nebenprozesse wie Lüften oder Pumpen, die Einsparpotenziale zwischen 30 und 70Prozent böten. Eine im vergangenen Jahr vom BDI vorgelegte Studie belegt, dass der Austausch von alten nicht geregelten Elektromotoren durch Frequenzumrichter und moderne Motoren höchster Effizienzklasse sich bereits im Durchschnitt nach ein bis zwei Jahren amortisiere und danach bares Geld gespart werde, legt Dr. Gunther Kegel dar. Und Michael Ziesemer ergänzt: „Die Projekt-Pipelines unserer Kunden sind gut gefüllt. Dabei kommt uns zugute, dass unsere Kunden zunehmend erkennen, dass sie mit moderner Messtechnik und Prozessautomatisierung ein großes Energie-Effizienzpotenzial in ihrenAnlagen heben können.“

Fazit: Nach einigen guten Jahren kann die Automatisierungsbranche auch 2007 sehr zufrieden sein. Alle Kennzahlen stehen deutlich im Plus und bereits erteilte Aufträge lassen für 2008 einen positiven Abschluss erwarten. Zwar verteuern hohe Rohstoffpreise die Produktion, machen jedoch Investitionen in deren Verarbeitung interessant. Dazu verstärken die hohen Energiepreise die Entwicklung von energieeffizienten Prozessen, die vor allem eine moderne Automatisierung erfordern. Als Bremse könnte sich der Fachkräftemangel auswirken, denn „für Innovationen braucht es vor allem eines: gut ausgebildete Ingenieure“, unterstreicht Dr. Gunter Kegel. „Die Frage ist nicht nur, wieviel Umsatz uns dadurch entgeht, sondern vielmehr: Wieviel Zeit haben wir wichtigen Innovationen nicht widmen können?“

Heftausgabe: Sonderausgabe Prozessautomatisierung 2008

Über den Autor

Dr. Etwina Gandert, Redaktion
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