BAVC: Chemie-Arbeitskosten in Deutschland sind an der Spitze

22.03.2013 Die Arbeitskosten in der westdeutschen chemischen Industrie beliefen sich im Jahr 2011 auf 48,95 Euro je Beschäftigtenstunde. Sie liegen damit im internationalen Vergleich nach wie vor an der Spitze, meldet der Bundesarbeitgeberverbandes Chemie (BAVC) in Wiesbaden in seinem Newsletter vom März.

Anzeige
BAVC: Chemie-Arbeitskosten in Deutschland sind an der Spitze

Insgesamt hat sich die Kostenposition der westdeutschen chemischen Industrie im Betrachtungszeitraum von 2008 bis 2011 nicht verbessert, heißt es beim Bundesarbeitgeberverband Chemie (Bild. BAVC)

Lediglich in Belgien müssen die Unternehmen höhere Arbeitskosten tragen, während viele etablierte Chemie-Wettbewerber mit niedrigeren Kosten kalkulieren können. Dies ist das Ergebnis der Auswertung des BAVC zum internationalen Arbeitskosten-Ranking für die chemische Industrie. Grundlage der Berechnungen ist die fortgeschriebene Arbeitskostenerhebung der Europäischen Union. Daneben wurden auch Daten aus Japan und den USA einbezogen.

Weltweiter Konkurrenzdruck
Für die exportorientierte deutsche Chemie-Industrie ist die Höhe der Arbeitskosten ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor, auch im internationalen Standortvergleich. Produktionsstätten treten immer dann in unmittelbare Konkurrenz zueinander, wenn Erzeugnisse – wie etwa chemische Produkte – weltweit handelbar sind.

Über Auslandsinvestitionen werden – sofern im Zielland ausreichend qualifiziertes Personal vorhanden ist – der Stand der Technik, das Know-how und damit auch das heimische Produktivitätsniveau international mobil. Bei der Wahl eines Produktionsstandortes sind deshalb die Kostenunterschiede beim Faktor Arbeit von großer Bedeutung.

Die hohen Chemie-Arbeitskosten in Deutschland sind nur tragbar, wenn sie durch eine entsprechend hohe Produktivität erwirtschaftet werden. Die Kostenstruktur der deutschen Chemie-Industrie steht also weiterhin unter Druck. Die Arbeitskosten dürfen nicht über Gebühr steigen, damit die preisliche Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibt.

Differenzierte Kostendynamik in der Eurozone
Auf Basis einer gemeinsamen Währung berechnet (Euro), informiert der internationale Vergleich der Arbeitskosten darüber, ob und in welchem Ausmaß sich die Kostenposition eines Landes gegenüber seinen Konkurrenten verändert hat. Im vorliegenden Betrachtungszeitraum von 2008 bis 2011 sind die Chemie-Arbeitskosten in Westdeutschland um 9 % auf 48,95 Euro je Beschäftigtenstunde angestiegen. In der ostdeutschen Chemie war der Zuwachs mit 15,9 % auf nunmehr 34,31 Euro stärker ausgeprägt. Im Euroraum wurde diese Zuwachsrate allein von der Slowakei übertroffen. Der im Vergleich zu Westdeutschland überproportionale Anstieg der Arbeitskosten in der ostdeutschen Chemie erklärt sich größtenteils aus der nunmehr vollständig realisierten Angleichung der Tarifentgelte.

Innerhalb der Eurozone hat sich die Kostendynamik in der 4-Jahres-Betrachtung im Vergleich zur westdeutschen Chemie unterschiedlich entwickelt. Während in Frankreich, den Niederlanden, Österreich, Irland, Finnland, Spanien, Portugal und Griechenland jeweils eine geringere Kostendynamik zu verzeichnen ist, stiegen die Chemie-Arbeitskosten in Belgien, Italien, der Slowakei und Slowenien stärker an als in der westdeutschen Chemie.

Entwicklung außerhalb der Eurozone
Unter Berücksichtigung von Währungseffekten stellt sich die Situation bei den Wettbewerbern außerhalb des europäischen Währungsraums sehr differenziert dar. Auf Euro-Basis haben die Arbeitskosten etwa in Japan im Betrachtungszeitraum – wechselkursbedingt – deutlich angezogen (plus 46,5 %). In nationaler Währung beträgt der Anstieg hingegen nur 6,6 %. In den USA fällt der Kostenzuwachs mit 6,2 % moderat aus. In nationaler Währung gerechnet sind die Arbeitskosten hier sogar konstant geblieben (plus 0,5 %). Im Vereinigten Königreich liegt der umgekehrte Währungseffekt vor: Hier sind die Chemie-Arbeitskosten auf Euro-Basis leicht gesunken (minus 2,2 %). In nationaler Währung beträgt der Kostenanstieg 6,6 %.

Auch in den EU-Ländern außerhalb der Eurozone sind gegenläufige Entwicklungen festzustellen. Während in der Tschechischen Republik (plus 14,1 %), Rumänien (plus 13,9 %) und Bulgarien (plus 27,7 %) starke Kostenzuwächse im 4-Jahres-Vergleich vorliegen, sind die Werte in Polen (minus 5,6 %) und Ungarn (minus 1,7 %) jeweils rückläufig.

Internationales Chemie-Ranking
Insgesamt hat sich die Kostenposition der westdeutschen chemischen Industrie im Betrachtungszeitraum von 2008 bis 2011 nicht verbessert. Die ostdeutschen Chemie-Arbeitskosten sind sogar stärker gestiegen als in vielen Vergleichsnationen. Setzt man die westdeutschen Arbeitskosten des Jahres 2011 mit einem Wert von 48,95 Euro je Stunde gleich 100, so verdeutlicht diese Indexbetrachtung den Kostenabstand im Ländervergleich.

Beim Spitzenreiter Belgien schlagen insbesondere die hohen Personalzusatzkosten zu Buche. Dort müssen die Arbeitgeber mehr als 30 % der Lohnsumme als gesetzliche Sozialversicherungsbeiträge abführen. Zudem greift eine Lohnindexierung, die Lohnerhöhungen unabhängig vom wirtschaftlichen Geschehen an die Inflationsentwicklung koppelt.

Der deutsche Kostennachteil gegenüber etablierten Chemie-Konkurrenten wie Frankreich, Italien oder den USA ist unverändert groß. In diesen wichtigen Industrieländern sind die Arbeitskosten spürbar geringer als in Westdeutschland. Gegenüber Frankreich beträgt der Abstand 5 Indexpunkte, gegenüber Italien sind es bereits deutliche 33 Punkte. Das spanische Kostenniveau liegt 42 % niedriger. Japan liegt 18 % unter dem westdeutschen Niveau, die Arbeitskosten in den USA sind sogar 31 % geringer.

Das Kostenniveau in der ostdeutschen Chemie-Industrie fällt mit 34,31 Euro je Stunde niedriger aus, ein Vorteil für die ostdeutschen Standorte etwa im Wettbewerb um Neuansiedlungen. Das Kostenniveau der benachbarten osteuropäischen Konkurrenz in Polen, Tschechien, der Slowakei oder Ungarn liegt allerdings mit 9 bis 12 Euro je Stunde nur bei etwa einem Drittel der ostdeutschen Chemie-Arbeitskosten.

(dw)

Loader-Icon