Der Um-Baumann

Bayer nach dem Monsanto-Deal

29.09.2016 Es kommt selten vor, dass nach einem Übernahmedeal die Manager auf beiden Seiten gut Lachen haben. Im Fall Bayer/Monsanto scheint das so zu sein.

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Auf Bayer-Chef Werner Baumann wartet eine Menge (Integrations-)Arbeit. Bild: Bayer

Auf Bayer-Chef Werner Baumann wartet eine Menge (Integrations-)Arbeit. Bild: Bayer

Doch während Monsanto-Chef Hugh Grant sich nun entspannt zurücklehnen und mit 135 Mio. Dollar Abschiedsgeld rechnen kann, wartet auf Werner Baumann, Bayer, jetzt eine Menge Arbeit – allen anderslautenden Beteuerungen zum Trotz wird der Deal den Konzern aus Leverkusen deutlich verändern.

Davon können Profi-Pokerspieler nur träumen: Vier Milliarden US-Dollar in einem einzigen Spiel. Es ist die Summe, die Hugh Grant, CEO des US-Agrochemiekonzerns Monsanto durch zähes Verhandeln am Ende für seine Aktionäre herausbluffen konnte. Wohlgemerkt zusätzlich zu dem sowieso schon üppigen Übernahmeangebot, bei dem Bayer im Mai einen Aufschlag von 37 % auf den Börsenwert der Monsanto AG geboten hatte. Aber auch Bayer-Chef Werner Baumann sieht sich als Sieger: Am Ende scheint die Verhandlungsstrategie aufgegangen zu sein und die Kriegskasse musste nicht komplett geplündert werden.

30 % Gewinn im Agrochemie- und Saatgutgeschäft geplant

Und um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen und gleichzeitig Bayer-Aktionäre zu beruhigen, schraubte Baumann keine Woche später die Umsatz- und Renditeziele des Konzerns deutlich nach oben: Die Pharmasparte soll aufgrund gut laufender Blockbuster-Produkte bis 2018 nicht mehr „nur“ 30 % Gewinn abliefern, sondern 32 bis 34 %. Und auch in der Agrochemie soll die Rendite bereits im dritten Jahr nach Abschluss der Monsanto-Übernahme von derzeit 27 % auf über 30 % steigen.

Doch dazu müsste die Integration von Monsanto wie am Schnürchen klappen. Dass dies alles andere als selbstverständlich ist, weiß man bei Bayer aus eigener Anschauung: Auf derselben Analysten-Konferenz im September räumte Baumann ein, dass die Übernahme des Gesundheitspräparate-Geschäfts von Merck & Co. aus dem Jahr 2014 das Geschäft deutlich stärker gestört hatte, als ursprünglich angenommen.

Es bleibt die Frage, wie der Monsanto-Deal den Konzern aus Leverkusen verändern wird. Denn dessen Integration wird den Bayer-Vorstand in den kommenden Jahren stark beanspruchen. Gleichzeitig bleibt der Pharmamarkt mit Übernahmen und Fusionen stark volatil. Kritiker befürchten, dass die Arzneimittelsparte aus dem Management-Fokus geraten und vernachlässigt werden könnte.

Dazu kommen Vorbehalte gegenüber der Finanzierung des Deals: So wird die Nettoverschuldung des Konzerns auf das Vierfache des Ergebnisses (Ebitda) wachsen – Ratingagenturen haben bereits eine Abwertung der Bayer-Bonität um mehrere Stufen angekündigt. Und angesichts des derzeit schwachen Marktes für Agrarprodukte halten Marktbeobachter wie Bernstein Research den Kaufpreis für überteuert. Die Marktforscher schätzen, dass dieser 60 % über dem tatsächlichen Unternehmenswert von Monsanto liegt – auch deshalb, weil der Agrarmarkt in den USA bereits mit genetisch verändertem Saatgut des Unternehmens gesättigt ist und Monsantos Blockbuster Glyphosat inzwischen in großen Mengen in China produziert wird, analysierte im September beispielsweise die Financial Times.

Bayer-Chef Werner Baumann rechnet freilich anders: Er geht davon aus, dass der Weltmarkt für Saatgut und Agrochemie bis 2025 auf 120 Mrd. Euro wachsen wird. Bei einem Marktanteil von 30 % würde Bayer dort dann jährlich 40 Mrd. Euro umsetzen. Und bei einer Marge von wiederum 30 % blieben dann Jahr für Jahr 12 Mrd. Euro Gewinn aus diesem Geschäft – wenn die Rechnung aufgeht, wäre der Monsanto-Deal in fünf bis sechs Jahren bezahlt. Auf der Habenseite steht zudem die Tatsache, dass es zwischen Bayer und Monsanto kaum Überlappungen gibt und sich die Unternehmen nicht nur regional, sondern auch bei den Produkten ergänzen. Doch da Bayer-Monsanto fast ein Drittel des globalen Saatgut-Marktes beherrschen wird, ist mit einer strengen Prüfung durch Wettbewerbsbehörden und Regierungen zu rechnen – und diese sind zahlreich: Etwa 30 verschiedene Gerichtsbarkeiten werden mitsprechen wollen.

Wenn die Behörden schließlich grünes Licht für die Übernahme geben, wird die Integration der Geschäfte und Mitarbeiter die größte Herausforderung werden – und hier hatte schon vor Jahren ein Bayer-Manager im Zusammenhang mit der Einstellung internationaler Mitarbeiter den wichtigsten Erfolgsfaktor auf den Punkt gebracht: „Culture always wins!“.

 

Zum Übernahmepoker – Chronik des Bayer-Monsanto-Deals in CT-Meldungen

21. März – Erste Gerüchte: Nach dem gescheiterten Übernahmeversuch von Syngenta hat Monsanto, laut Angaben der Nachrichtenagentur Reuters, Interesse an einer Übernahme der Bayer-Agrarchemiesparte Crop Science.
13. Mai – Noch mehr Gerüchte: Sowohl Bayer als auch BASF sind unterschiedlichen Quellen zufolge an einer Übernahme des US-amerikanischen Saatgut-Herstellers Monsanto interessiert.
19. Mai – Ende der Gerüchte – jetzt ist es offiziell: Vertreter von Bayer haben Mitglieder der Geschäftsführung von Monsanto Company getroffen, um vertraulich über eine einvernehmliche Übernahme von Monsanto zu sprechen.
23. Mai – Das Angebot: Bayer bietet 62 Mrd. US-Dollar für Monsanto – der größte Übernahmeversuch, den ein deutsches Industrieunternehmen  bisher gewagt hat.
25. Mai – Die Ablehnung: Der US-Saatgutkonzern weist das Angebot als „finanziell unangemessen“ zurück, Bayer will weiter verhandeln.
03. Juni – Der Aufschlag: Bayer sichert sich eine Brückenfinanzierung in Höhe von 60 Mrd. Euro, die bei Bedarf auf insgesamt 75 Mrd. Euro erhöht werden kann – und läutet damit die zweite Runde in der Übernahmeschlacht ein.
14. Juni – Monsanto lässt Bayer zappeln – und verweigert den Einblick in die Bücher.
14. Juli – Gegenoffensive: Aus dem Monsanto-Umfeld kommen Gerüchte, dass das Unternehmen über den Kauf der BASF-Agrarsparte nachdenkt.
15. Juli – Die Gegenoffensive zeigt Wirkung: Bayer legt nach und erhöht sein Angebot von 122 auf 125 US-Dollar pro Monsanto-Aktie.
18. August – Ein bisschen Einblick: Monsanto gewährt Bayer einen, wenn auch selektiven, Zugang zu vertraulichen Informationen.
06. September – Bayer legt nach – und erhöht das Angebot auf 127,5 US-Dollar pro Aktie und bietet damit 65 Mrd. US-Dollar.
14. September – Am Ziel: Werner Baumann (Bayer) und Hugh Grant (Monsanto) haben sich geeinigt. Kaufpreis: 66 Mrd. US-Dollar.

Heftausgabe: Oktober 2016

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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