Getriebene des Größen-Trends

Bayer-Monsanto: Gründe und Hintergründe

31.05.2016 Wie macht man sich als „Neuer“ ganz schnell einen Namen? Nun, die größte Übernahme in der deutschen Industriegeschichte ist gewiss kein schlechter Einstieg. Doch so profan sind die Gründe, die den neuen Bayer-Chef Werner Baumann zu dem milliardenschweren Übernahmeangebot für den Saatgut-Konzern Monsanto treiben, natürlich nicht. Ob die Rechnung aufgeht?

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Die Aktionäre sind skeptisch: Gleich in zwei Etappen fiel der Kurs der Bayer-Aktie. Zunächst unmittelbar nachdem sich erste Gerüchte verdichtet hatten, dass Bayer an Monsanto „dran sei“. Und in der Spitze bis zu 16 %, nachdem die Pläne öffentlich geworden waren. Die Bedenken der Anteilseigner fußen auf einer einfachen Rechnung: Mindestens 55,5 Mrd. Euro für ein Umsatzplus von 13,7 Mrd. Euro? Über ein Drittel (37 %) Aufschlag auf den Wert von Monsanto vor dem Übernahmeversuch – und vielleicht sogar noch 1,6 Mrd. Euro mehr, falls Monsanto erst bei 136 US-Dollar pro Aktie akzeptiert, wie Analysten schätzen? Und auch die Refinanzierung über Synergien scheint mühsam – diese wird von der Bayer-Spitze auf 1,5 Mrd. Euro pro Jahr geschätzt – beginnend allerdings erst drei Jahre nach der geplanten Übernahme.
Dazu kommt die Skepsis, dass der gute Name, den sich Bayer nicht zuletzt in den vergangenen Jahren aufgrund seiner Life-Science-Strategie in der Öffentlichkeit erworben hat, Schaden nehmen könnte: Monsanto hat vor allem in Europa aufgrund seiner Gentechnik-Strategie, dem „Lock-in“-Geschäftsmodell in Sachen Saatgut und nicht zuletzt durch sein Glyphosat-Produkt „Round­up“ einen schlechten Ruf. Gemeinsam mit dem Ölkonzern Shell führt Monsanto das Sigwatch-Ranking der Unternehmen an, die am meisten Kritik von Nicht-Regierungsorganisationen auf sich ziehen. Außerdem liefert Monsanto aktuell schlechte Zahlen: Stellenstreichungen und eine nach unten korrigierte Gewinnprognose für 2016 brachten den Konzern jüngst in die Schlagzeilen.

„Fenster der Gelegenheit“ für Bayer
Doch genau dies könnte das „Fenster der Gelegenheit“ für Bayer aufstoßen: „Wir sind seit Langem von Monsanto beeindruckt und teilen die Überzeugung, dass durch ein integriertes Geschäft erheblicher Wert für die Aktionäre beider Unternehmen entstehen würde“, kontert Bayer-Vorstandschef Werner Baumann. Konkret imponieren den Leverkusener beispielsweise die Erfolge des US-Unternehmens in der Biotechnologie und bei der Digitalisierung der Landwirtschaft. Zudem rechnet der Konzern mit einem rapide steigenden Bedarf an Agrochemie und neuem Saatgut, weil einerseits die Weltbevölkerung wächst, andererseits der Klimawandel neue Ansätze in der Landwirtschaft notwendig macht.
Mit der Übernahme entständen ein führendes Geschäft mit umfangreichem integriertem Angebot an landwirtschaftlichen Produkten und eine erstklassige Forschungspipeline, um Lösungen für Landwirte zu entwickeln. Innerhalb der ersten drei Jahre erwartet Bayer Synergien im Gegenwert von 1,5 Mrd. US-Dollar und auch in den Folgejahren seien weitere positive Effekte durch das integrierte Produktangebot zu erwarten.

Bisher größte Übernahme in der deutschen Industrie
Der mutige Schritt zur bis dato größten Übernahme in der deutschen Industriegeschichte würde das Unternehmen Bayer deutlich verändern: Erzielte der Konzern im vergangenen Jahr noch fast die Hälfte seines Gesamtumsatzes von 46 Mrd. Euro und zwei Drittel seines Gewinns (6,3 Mrd. Euro) mit Arzneimitteln, würde der Leverkusener Konzern mit einem Schlag zum größten Agrochemiehersteller der Welt – und die Sparte wäre zudem die Nr. 1 im Unternehmen. Ein Strategieschwenk mit Konsequenzen. So kumulierte Bayer zuletzt seine Investitionsmittel vor allem im Pharmageschäft – und spaltete auch deshalb die Kunststoffsparte in die im Oktober 2015 an die Börse gebrachte Covestro AG ab.

Strategiewechsel von Pharma hin zur Crop Science?
Ob das so von langer Hand geplant war? Eine wesentliche Rolle dürfte bei der Entscheidung das aktuelle Übernahmekarussell in der Chemie – und ganz besonders bei der Agrochemie – gespielt haben: Im Dezember hatten Dow Chemical und Dupont ihre Fusion beschlossen, wodurch ein neuer Player im Pflanzenschutz entsteht – mit einem erwarteten Umsatz von 16 Mrd. Euro die
Nr. 1 der Branche. Wenige Wochen später wurde bekannt, dass sich der chinesische Chemieriese Chemchina mit der Übernahme der schweizerischen Syngenta an die Spitze der Agrochemie setzen will. 38,5 Mrd. US-Dollar wird sich das Unternehmen die Transaktion kosten lassen. Und „Marktführer“ zu sein, ist und bleibt für Vorstände ein wesentliches Unternehmensziel. Dazu kommt, dass die Übernahme für Bayer auch aus Portfolio-Gesichtspunkten Sinn macht: Bislang hat der Leverkusener Konzern kein eigenes Saatgut-Angebot.
Doch der Preis ist hoch – nicht nur gemessen in Euro, sondern vor allem auch in Sachen Strategie. Die Übernahme schränkt den Spielraum für Investitionen und Übernahmen im margenstarken Pharmasegment ein.
Was den Anteilseignern von Bayer im Magen liegt, sind nicht nur das Imageproblem und der Kaufpreis, sondern nicht zuletzt dessen Finanzierung. Denn neben Krediten soll die Übernahme zu lediglich einem Viertel aus eigenen Mitteln finanziert werden. 75 % sollen dagegen über Schulden – sprich: eine Kapitalerhöhung – finanziert werden. In der Folge wären Bayer-Anteile dann für bestehende Anleger weniger wert. Finanzexperten befürchten schon jetzt teils drastische Sparrunden und den Verkauf einzelner Sparten, eine Ratingagentur drohte gar mit einer Herabwürdigung der Kreditwürdigkeit des Konzerns.

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Heftausgabe: Juni 2016

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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