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„Bis 2060 wird sich die Stromnachfrage verdoppeln“

13.10.2016 Willi Meixner, CEO der Siemens Divsion Power and Gas, geht von einem drastisch steigenden Strombedarf der Menschheit in den kommenden Jahrzehnten aus: „Bis 2060 wird sich die Stromnachfrage verdoppeln“, erklärte Meixner auf dem World Energy Congress (WEC) 2016 in Istanbul.

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Bei geschätzten 9,5 Mrd. Menschen bis Mitte des Jahrhunderts verdoppelt sich auf der Erde der Strombedarf. (Bild: Fotolia)

Während der Eröffnungsveranstaltung des weltweit wichtigsten Energieforums beschrieb Meixner die Herausforderung einer bezahlbaren, verlässlichen und sauberen Stromversorgung mit möglichst niedrigen CO2-Emissionen. Er betonte, die steigente Stromnachfrage „bedeutet, dass es in einer digitalisierten Welt zwingend notwendig sein wird, Ressourcen, Kapital und Menschen eng zusammen zu bringen.“ Meixner diskutierte gemeinsam mit hochrangigen Vertretern aus Unternehmen und Organisationen wie der International Energy Agency und dem World Wide Fund For Nature (WWF) über das Thema „Scenarios 2060: The grand transition“.

Steigende Nachfrage, fallende Preise

Die steigende Nachfrage nach effizient erzeugtem Strom wird zu einem deutlichen Ausbau der globalen Kapazitäten führen. Nach Berechnungen von Siemens werden bis 2030 fast die Hälfte der zusätzlich benötigten Kapazitäten auf dezentrale Energiesysteme entfallen. Weltweit wird Windenergie und der Photovoltaik hierbei eine bedeutende Rolle zukommen, da sich die Stromerzeugungskosten bei erneuerbaren Energien als Ergebnis von staatlichen Markteingriffen verringert haben. Die installierte Leistung ist seit dem letzten WEC im Jahr 2013 daher signifikant angestiegen. Der Preis für Photovoltaikstrom sank von 2000 bis 2015 um sieben Prozent pro Jahr. Bei Offshore-Wind werden bis 2020 die Preise im Vergleich zu 2015 voraussichtlich um ein Drittel fallen.

Allerdings werde der Ausbau erneuerbarer Energien alleine nicht ausreichen: „Bei dem steigenden Bedarf werden wir die gesteckten Klimaziele nur erreichen, wenn wir die bereits existierende Kraftwerksflotte Schritt für Schritt von Kohle auf Gas umstellen“, sagte Meixner. „Würden wir den Schalter umlegen und weltweit alle Kohle- durch Gaskraftwerke ersetzen, so würde sich der CO2-Ausstoß um 40 Prozent verringern.“

Auch aus wirtschaftlicher Sicht sei eine solche strukturelle Veränderung sinnvoll: So gehen Experten davon aus, dass der Gaspreis bis mindestens 2025 auf dem gegenwärtig niedrigen Niveau bleiben wird. Gleichzeitig könnten durch Erdgasverflüssigung (Liquefied Natural Gas = LNG) auch solche Regionen Gas als Energieträger einsetzen, in denen eine Anbindung per Pipeline nicht sinnvoll ist. Unkonventionelles Gas habe großes Potential, den herkömmlichen Energiemix weiter zu verändern. Um alle Energiequellen zu integrieren, sei der Ausbau der bestehenden Verteilnetze in sogenannte Smart Grids unverzichtbar. Nur so lasse sich der Energiefluss in mehrere Richtungen steuern und Versorgungsschwankungen durch die Zuschaltung gespeicherter Energie ausgleichen.

In 35 Jahren dreimal so viel Energie wie China

Als Beispiel nannte Meixner ein Siemens-Projekt auf Isabela, der größten Galapagos-Insel. Das Unternehmen errichtet dort ein Photovoltaik-Bioenergie-Hybridkraftwerk. Zum Projektumfang gehören eine Photovoltaikanlage, eine Anlage, die sowohl mit Jatrophaöl als auch Dieselkraftstoff betrieben werden kann, und ein Energiespeichersystem mit einer Speicherkapazität von 3,3 Megawattstunden.

Mehr als 55 Staaten haben inzwischen das Abkommen des Pariser Weltklimagipfels ratifiziert. Damit verbunden ist ein Maßnahmenkatalog, der zu einer deutlichen Verringerung der CO2-Emissionen führen soll. Ziel des Weltklimagipfel ist es, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten. Neben dem Erreichen der Klimaziele sollen möglichst viele Menschen Zugang zu Strom erhalten. Derzeit hat rund eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu elektrischer Energie; damit fehlen vielfach die Voraussetzungen für nachhaltige Bildungs- und Entwicklungsperspektiven. Hinzu kommt, dass nach Schätzungen der Vereinten Nationen die Weltbevölkerung zur Mitte des Jahrhunderts auf bis zu 9,5 Milliarden Menschen steigen soll. Meixner verdeutlichte die Herausforderung: „Um alle Menschen in Zukunft verlässlich mit bezahlbarer elektrischer Energie zu versorgen, müssen wir in den nächsten 35 Jahren den dreifachen Energieverbrauch von China in unsere Energiesysteme integrieren.“

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