Kolumne Bits & Bites

Bits & Bites: Dieter Schaudel´s Kolumne mit Biss: „Automatisierungskultur“

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13.07.2010 Ich habe Beißhemmung. Ich kann einfach nicht auf die angeblich unfähigen Ingenieure von BP verbal einschlagen. Sicher, es ist furchtbar, dass und wie es zu dem schrecklichen Unglück der ‚Deepwater Horizon‘ im Golf von Mexico und dessen Folgen gekommen ist. Ja, da waren Ingenieure beteiligt, die entweder Risiken falsch eingeschätzt haben oder die sich nicht trauten, diese laut zu nennen und nötigenfalls die Arbeit zu verweigern. Aber der wahre Grund für diese Katastrophe (und auch für die Häufung der Brände in amerikanischen Raffinerien in den letzten Jahren) scheint mir ein firmenspezifisches und ein kollektives Ethik- und Kulturversagen zu sein mit der Folge, dass „der Ingenieur“, „der Fachmann“, der „Know-how-Träger“ dort und in manchen anderen großen Unternehmen der Prozessindustrie immer weniger zählt. Dass der Profit vor dem Menschen kommt. Dass nicht nur manche Banker gierig sind.

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Juli 2010

Dieter Schaudel nimmt in der CT-Kolumne „Bits & Bites“ zu aktuellen Themen der Automatisierungstechnik Stellung. Schaudel war im Vorstand der Endress+Hauser Gruppe der CTO und CIO. Heute ist er freier Innovationsberater in Freiburg im Breisgau

Wer sich jetzt in Mitteleuropa zurücklehnt und denkt: „Ja ja, die Amis und die Multis, das haben wir kommen sehen“, der macht m.E. einen schlimmen Fehler. Denn wir sind nicht viel besser! In vielen Gesprächen mit Automatisierern aus großen und kleineren Firmen höre ich immer wieder: „Bei uns wird die Technik abgebaut“, „Bei uns werden die 55-jährigen in Frührente geschickt“, „Bei uns wird auf Teufel komm raus outgesourct“. Und ich höre auch: „Bloß nicht auffallen, sonst bin ich der Nächste.“ Erst unlängst wieder, am Rande der Automation 2010 in Baden-Baden, habe ich von Leidenden (mit „d“) Stories gehört, die selbst ich nicht für möglich hielt.

„Auf dem Kongress Automation kam ich mir vor wie sonntags in der Kirche: Diejenigen, welche die Botschaften empfangen sollten, waren einfach nicht da“

Bleiben wir bei der Automation 2010. Dieser Kongress soll ja mitten im Jahr der Leuchtturm sein für alle deutschsprachigen Automatisierer: „Das wissen wir! Das können wir! Das tun wir!“ Er war professionell vorbereitet und organisiert. Er bot ein höchst attraktives Programm quer über fast alle Ausprägungen der Automatisierungstechnik. Meine hochgespannten Erwartungen an die Eröffnungsreden vom GMA-Vorsitzenden Dr. Bettenhausen und vom Gastredner Roland Bent wurden übererfüllt. Aber ich kam mir vor wie sonntags in der Kirche: Diejenigen, welche eigentlich die Botschaften empfangen sollten, waren einfach nicht da – wenigstens die meisten von ihnen. Kein Vorstand aus einem mittleren oder großen Werk der Prozessindustrien. Kaum ein Vorstand oder Geschäftsführer einer der bedeutenderen Herstellerfirmen. Viele professorale Leuchten aus der Wissenschaft fehlten sichtbar. Und schon gar kein Prominenter aus dem politischen, publizistischen oder kommunalen Umfeld war zu sehen. Eine treue Gemeinde von Gläubigen war unter sich. Einziger Lichtblick: Dank Sponsoring konnte eine sichtbar präsente Anzahl Studierender zum Kongress zu gelockt werden. Und als Tüpfelchen auf dem i nahmen die Medien aus der VDI-GMA-Pressekonferenz offenbar als wichtigste Botschaft mit, dass es „der Automatisierungsbranche“ wieder wirtschaftlich besser ginge …

Viele Automatisierer haben offensichtlich den Satz „Tue Gutes und rede darüber“ noch nicht verinnerlicht. Sie haben nicht verstanden, dass die Macht der Medien in unserer Gesellschaft inzwischen größer ist als die der Politik, der Verbände, Vereinigungen oder Organisationen. Sie haben nicht zur Kenntnis genommen, dass es kaum Journalisten in den für die breite Öffentlichkeit bestimmten Medien gibt, die „Automatisieren“ verstehen. Sie sehen nicht, dass die Spitzen von Verbänden wie ZVEI oder BDI voll auf „Elektromobilität“ abgefahren sind. Wenn‘s aufwärts geht, verstärken die Hersteller von Automatisierungstechnik ihre Corporate-Design-Abteilungen zu Lasten ihrer Öffentlichkeitsarbeit. Und wenn sie schon „Öffentlichkeitsarbeit“ betreiben, dann oftmals entweder durch dilettierende Autodidakten oder durch Ingenieure auf dem Abstellgleis. Viele Automatisierer sehen nicht, wie sie selbst – mit Abonnement- und Werbeanzeigenkündigungen – dazu beitragen, dass ihre fachbezogenen Publikationen zunehmend schwächeln – was dabei herauskommt, kann in USA bereits besichtigt werden. Und in diesem Szenario soll die Botschaft unters Volk, Automation sei Leitdisziplin, Automation stehe für „Technik mit und für den Menschen“, Automation löse gesellschaftliche Herausforderungen? Niemals!

„Zu Hause muss gelingen …“


Der Schweizer Dichter Jeremias Gotthelf hat es geschrieben: „Zu Hause muss gelingen, was wirken soll im Vaterland.“ Übersetzt heißt das: Welcher Automatisierer traut sich, seinem Vorstand oder Geschäftsführer klar zu machen, dass seine Anlage ohne Automatisierung nicht oder nur höchst unwirtschaftlich läuft? (Ganz sicher rate ich nicht dazu, mal „den Stecker zu ziehen“ um zu demonstrieren, was Nicht-Automatisierung vermag – aber wirken würde es!) Wer sagt seinem Wahlkreisabgeordneten, dass es ohne Innovationen in der Automatisierung künftig in Mitteleuropa keinen Wohlstand mehr geben wird? Roland Bent hat die Beispiele und die Konsequenzen deutlich benannt. Wer sagt den Universitäts- und Hochschulrektoren und den Staatssekretären in den Wissenschaftsministerien, dass wir mehr und bestens ausgebildete Automatisierungsingenieure aus unseren Hohen Schulen benötigen? Ich sehe kaum einen …

Es geht nicht um Eitelkeit, nicht um Standesdünkel, nicht um Zunftdenken. Sondern es geht um den harten „Wettbewerb um die besten Köpfe“! Wenn jeder (!) das Seine tut, in seine Welt hinauszutragen „Automation ist Zukunft“, dann kann es nur besser werden. Aber aufs Tun kommt es an!

dieter.schaudel@schaudelconsult.de

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Heftausgabe: Juli 2010

Über den Autor

Dieter Schaudel, Schaudel Consult
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