Ohne Shorts nach Rio

Business-Knigge: Brasilien

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18.09.2008 Ganz im Gegensatz zum weit verbreiteten Klischee des ungezwungenen, leichtlebigen Brasilianers geht es dort geschäftlich oftmals sehr formell zu. Im Smalltalk geht es häufig um Fußball und Kritik sollte in Geschichten verpackt werden. Wer eine Geschäftsreise nach Brasilien antritt sollte also vieles beachten – und wer geschäftlich nach China, Indien oder in ein anderes Land dieser Welt reist, sollte weitere Tipps der Serie: Business Knigge in den folgenden Ausgaben der CHEMIETECHNIKnicht verpassen.

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Entscheider-Facts Für Weltenbummler



  • Im Geschäftsleben in Brasilien ist konservatives Auftreten Pflicht. Männer tragen Anzug und Krawatte, Frauen klassische Kostüme.
  • Typische Smalltalk-Themen sind Fußball, Essen, Familie, Shopping-Centers und Popmusik. Umweltprobleme hingegen sollten nicht angesprochen werden.
  • Kritik wird in Geschichten und Beispiele verpackt und gilt als Beleidigung. Auch ein „Nein“ drücken Brasilianer indirekt aus.
  • Verhandlungen werden in portugiesisch gehalten. Wer die Sprache nicht spricht, sollte einen Dolmetscher engagieren.
  • Der jeitinho brasileiro, der kleine Trick, ist eine Problemlösungsstrategie für den Notfall und fester Bestandteil der brasilianischen Kultur.

Das Geschäftsleben in Brasilien sieht anders aus als es von dem Urlaubsland erwartet wird. Die Shorts und das Hawaii-Hemd sollten zuhause bleiben. Im Business sind für Herren gebügelte Hemden und Hosen Pflicht. Auch geschlossene Schuhe sind trotz größter Hitze erst einmal Standard. Vor allem in São Paulo, Rio de Janeiro und dem Süden Brasiliens sollte dies beachtet werden. Viele Männer tragen beruflich prinzipiell Anzug und Krawatte. Geschäftsfrauen tragen elegante Kostüme. Durchscheinende Blusen, zu tiefes Dekolleté und vor allem sichtbare Achsel- und Beinbehaarung sind für Damen generell tabu. Kurze Hosen trägt man in der Freizeit.

Cafezinho trinken

Gemeinsam Cafezinho (brasilianisch für Kaffee) trinken und essen gehen haben für Netzwerke selbstverständlich besondere Bedeutung. Exklusive und neu eingerichtete Churrascarias sind beliebte Lokale für Geschäftsessen. Die für Brasilien typischen Grillrestaurants gibt es in jeder Preislage. Einladungen nach Hause bekommt man eher selten, und sie bedeuten normalerweise, dass der Gastgeber ein besonderes Interesse an dem betreffenden Gast hat. Wer selbst Geschäftspartner zum Essen einlädt, sollte lieber ein erstklassiges Restaurant wählen. Über Geschäftliches wird dann normalerweise erst am Ende gesprochen. Aber Achtung: Bei Tisch die Nase putzen und Zahnstocher benutzen gilt als unkultiviert.

Gesprächsthema Nr.1: Fußball

Nicht nur bei Tisch wird in Brasilien gerne und viel erzählt. Typische Gesprächsthemen sind Fußball, Essen, Familie, Shopping-Centers und Popmusik. Das muss man wissen: Seleção ist der Name der brasilianischen Fußballmannschaft. Auch die Naturwunder Brasiliens, wie der Amazonas, sind ein gutes Smalltalk-Thema. Bemerkungen oder Fragen zu Umweltproblemen in Brasilien hingegen provozieren allzu leicht Verwirrung oder gar betretenes Schweigen.

Finger weg von der Kritik

Brasilianer sind allgemein sicher spontaner, optimistischer und vielleicht auch lebenslustiger als Deutsche. Viele reagieren daher aber auch sehr emotional und nehmen jede Art von Kritik leicht persönlich. Kritische Bemerkungen, etwa zu Infrastrukturproblemen, der Kriminalität in Rio oder der Korruption, sollte man daher lieber vermeiden. Das Verhältnis zum südlichen Nachbarn Argentinien ist ebenfalls ein Glatteis-Thema. Auch sachliche und dringend notwendige Kritik wird nie direkt geäußert, wie dies in Deutschland üblich ist. Das klingt für brasilianische Ohren rechthaberisch und beleidigend. Negatives oder Kritik wird besser in Geschichten und Beispielen verpackt.

Gefühlssache Zeit

Das Zeitempfinden unterscheidet sich innerhalb Brasiliens fast so sehr wie transatlantisch. In Südbrasilien, vor allem in São Paulo, ist man geschäftlich um Pünktlichkeit bemüht. Bei privaten Verabredungen lässt man sich in der Stadt, die einem Sprichwort nach niemals innehält, gerne Zeit. Die Wahrnehmung im Norden und Osten des Landes, beispielsweise in Salvador da Bahia, ist da jedoch ganz anders. Im Gegensatz zum deutschen „Zeit ist Geld“ ist Pünktlichkeit dort vor allem eine Frage des Gefühls. Wer glaubt, pünktlich zu sein, entschuldigt sich für die einstündige Verspätung nicht. Und wenn man im Büro das Gefühl hat, der Besucher habe nun lange genug gewartet, bittet man ihn eben herein. Aber Vorsicht: Von Deutschen wird selbstverständlich Pünktlichsein erwartet.

Jeitinho brasileiro, der kleine Trick

Auch wenn die Besprechung mit Verspätung beginnt, wird zunächst einmal Smalltalk betrieben, statt gleich zur Sache zu kommen. Das mag dem europäischen Besucher umständlich und unproduktiv vorkommen, aber er sollte nicht vergessen: Vieles wird indirekt ausgedrückt, um Konflikte oder gar Konfrontationen zu vermeiden. Und nach langen Verhandlungen, bei denen zunächst keine Lösung in Sicht kommt, finden Gesprächspartner oft eine unbürokratische, pragmatische Alternative. So greifen sie zum „jeitinho brasileiro“, dem „kleinen Trick“, der beiden weiterhilft. Man erwartet einfach, dass der andere sich flexibel zeigt, schließlich landet jeder einmal in einer schwer lösbaren Situation, sei es, dass ein Stempel fehlt, ein Flugticket dringend gebraucht wird, der Preis nicht gehalten werden kann oder sich die Lieferung verspätet. Der jeitinho ist eine Art Problemlösungsstrategie auf den letzten Drücker und fester Bestandteil der brasilianischen Kultur. Die damit verbundene Umgehung von Regeln oder Vorschriften sind Alltag in Brasilien.

Fala português?Sprechen Sie portugiesisch?

Apropos Verständigung: Mit Deutsch kommt man nicht sehr weit. Es ist auch nicht üblich, Verhandlungen auf Englisch zu führen. Wer kein Portugiesisch spricht, sollte also lieber einen Dolmetscher engagieren. Auch Prospekte und Präsentationsmaterialien sollten auf Portugiesisch vorliegen. Brasilianer sprechen im Übrigen mehr mit dem Körper als Deutsche. Sie gestikulieren und fassen den Gesprächspartner auch einfach einmal an. Beispielsweise berühren sie oft den Arm des Anderen, um einen gewissen Punkt hervorzuheben. Das ist lediglich eine freundliche Geste, von der man sich nicht irritieren lassen darf. Ein anderer Aspekt dieses Kommunikationsstils ist die Vorliebe der Brasilianer, den Sachverhalt in Anekdoten und kurze Erzählungen zu verpacken. Als Deutscher verliert man dabei schnell den Überblick.

„Ja“ und doch nicht „Ja“

Die deutsche Kultur ist eine „Entweder-oder-Kultur“. Ein „Nein“ bedeutet in aller Regel einfach „Nein“. In Brasilien dagegen wird viel „zwischen den Zeilen“ gesprochen, da Antworten, die zu direkt oder ablehnend sind, als grob oder verletzend empfunden werden könnten. Man vermeidet es, „Nein“ zu sagen und antwortet deshalb ausweichend, oft erst einmal einfach mit „Ja“ oder „Vamos ver!“ („Wir werden sehen“). Dieser Kommunikationsstil kann Deutsche manchmal durchaus zur Verzweiflung treiben. War das „Ja“ jetzt eine List, eine glatte Lüge oder ein Lapsus? Kulturexperten nennen das, was den Beteiligten in dieser Situation abverlangt wird, die „Ambiguitätstoleranz“, zu deutsch: die Fähigkeit, mit Widersprüchen klarzukommen.

Heftausgabe: September 2008
Gláucia Maria de Queiroz,  Geschäftsführerin, AGM Training & Consulting

Über den Autor

Gláucia Maria de Queiroz, Geschäftsführerin, AGM Training & Consulting

Gláucia Maria de Queiroz, Geschäftsführerin, AGM Training & Consulting

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