Continental baut Pilotanlage für Naturkautschuk aus Löwenzahnwurzeln

21.10.2013 Der Reifenhersteller Continental, Hannover, und das Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und angewandte Ökologie (IME) in Aachen stehen mit ihrem gemeinsamen Entwicklungsprojekt für industrialisierbaren Kautschuk aus Löwenzahn für die Reifenproduktion vor dem Durchbruch.

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Continental baut Pilotanlage für Naturkautschuk aus Löwenzahnwurzeln

Wissenschaftler von Fraunhofer IME in Aachen haben den russischen Löwenzahn von einer Wild- in eine Nutzpflanze verwandelt, die besonders viel Naturkautschuk liefert (Bild: Fraunhofer IME)

In den vergangenen Jahren konnte im Labor durch moderne Züchtungsmethoden und anlagentechnische Optimierung hochwertiger Naturkautschuk aus Löwenzahnwurzeln hergestellt werden. Continental und das Fraunhofer IME haben vor kurzem mit dem Bau einer Pilotanlage, die Naturkautschuk im Tonnenmaßstab produzieren kann, beim IME am Standort Münster begonnen. Gleichzeitig werden mehrere Hektar einer besonders kautschukhaltigen Löwenzahnsorte angebaut. Um den Rohstoffgehalt und die Blüteeigenschaften zu optimieren, züchten die Forscher parallel dazu neue Sorten, die einen höheren Kautschukanteil und Biomasseertrag aufweisen.

Nikolai Setzer, Mitglied des Continental-Vorstands und Leiter der Reifen-Division: „Wir investieren in dieses vielversprechende Material-Entwicklungs- und Erzeugungs-Projekt, weil wir überzeugt davon sind, dass wir dadurch unsere Reifenproduktion langfristig weiter verbessern können“, sagte Nikolai Setzer, der im Continental-Vorstand für die Division Reifen verantwortlich ist. „Denn die Kautschuk-Gewinnung aus der Pusteblumenwurzel ist deutlich wetterunabhängiger möglich als die vom Gummibaum und eröffnet aufgrund Ihrer agrarischen Anspruchslosigkeit ganz neue Potentiale – insbesondere für heute brachliegende Anbauflächen.“ Durch den Anbau in geringerer Entfernung zu den Continental-Produktionsstandorten würde zudem sowohl die Umweltbelastung als auch der Logistikaufwand nennenswert sinken, sagte Setzer. Die ersten Testreifen mit Gummi-Mischungen aus Löwenzahn-Kautschuk sollen bereits in den kommenden Jahren auf öffentlichen Straßen erprobt werden.

„Wir haben uns in den letzten Jahren ein großes Know-how in Sachen Löwenzahn-Züchtung aufgebaut. Mit Hilfe von DNA-Markern wissen wir nun, welches Gen für welches molekulare Merkmal verantwortlich ist. Die Züchtung von besonders ertragreichen Pflanzen ist so wesentlich effizienter möglich“, beschreibt Projektleiter Prof. Dr. Dirk Prüfer rückblickend die Arbeiten am Münsteraner Standort des IME. Vorausgegangen waren mehrjährige Forschungsaktivitäten, in deren Rahmen die Wissenschaftler nachweisen konnten, dass der aus dem selbst gezüchteten Löwenzahn gewonnene Kautschuk nicht nur dieselbe Qualität hat wie sein Pendant aus dem Gummibaum, sondern diese neue Variante sogar ertrag-reicher und robuster ist.

Dr. Boris Mergell, Leiter der Material- und Prozesstechnik für Reifen von Continental: „Mit diesem Löwenzahn-Projekt machen wir einen großen Schritt auf dem Weg zu unserem langfristigen Ziel, die Produktion von Pkw-, Lkw-, Spezial- und Fahrrad-Reifen komplett ohne fossile Materialien zu erreichen.“ Mergell, der auch das Kooperationsprojekt als Leiter der Material- und Prozessentwicklung für Reifen bei Continental betreut, sagte weiter: „Wenn es uns gelingt, den Löwenzahn-Kautschuk in großen Mengen mit mindestens denselben Leistungseigenschaften wie der herkömmliche vom Kautschukbaum geerntete herzustellen, dann können wir uns deutlich unabhängiger von der jährlichen Erntesituation in den subtropischen Anbaugebieten machen.“ Im Vergleich zu diesem kann er jedoch günstiger geerntet, besser gezüchtet und in Deutschland als nachwachsender Rohstoff angebaut werden – auch auf für bisherige Nutzpflanzen nicht geeigneten Flächen. Wo in Europa der großflächige Anbau vorgenommen werden soll, steht aber noch nicht fest.

Besonders ertragreiche Pflanzen gezüchtet
„Wir haben uns in den letzten Jahren ein großes Know-how in Sachen Löwenzahnzüchtung aufgebaut. Mit Hilfe von DNA-Markern wissen wir nun, welches Gen für welches molekulare Merkmal verantwortlich ist. Die Züchtung von besonders ertragreichen Pflanzen ist so wesentlich effizienter möglich“, beschreibt Projektleiter Prof. Dr. Dirk Prüfer die Forschungsarbeiten am Münsteraner Standort des IME.

Dort konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass der aus Löwenzahn gewonnene Kautschuk dieselbe Qualität hat wie sein Pendant aus dem Gummibaum. Das Team um Prüfer sammelte erstmals umfangreiches Datenmaterial zu einzelnen Sorten, zu deren Kautschukgehalt und zu den biologischen Mechanismen der Herstellung. Mit Hilfe dieses Wissens gelang es ihnen Sorten zu züchten, die besonders ertragreich, robust und einfach anzubauen sind. „Die größte Herausforderung war, das Wildkraut in eine Nutzpflanze zu verwandeln. Mittlerweile weisen einige unserer Sorten einen deutlich gesteigerten Kautschukgehalt auf. Diese werden wir jetzt noch weiter stabilisieren«, schildert Prüfer.

Zur Produktion lässt sich ausschließlich die russische Variante unserer heimischen Pflanze verwenden. Nur diese Art weist Kautschuk in großen Mengen in ihrem weißen Latexsaft auf. Gegenüber dem Gummibaum hat der Löwenzahl 3 entscheidende Vorteile: Die Vegetationsperiode dauert nicht mehrere Jahre, sondern nur ein Jahr. Danach können die Pflanzen sofort geerntet und weiter optimiert werden. Gleichzeitig ist sie weniger anfällig für Schädlinge. Und schließlich benötigt sie kein subtropisches Klima und kann auf heimischen Äckern angepflanzt werden.

(dw)

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