Mehr als Strom und Wärme

Contracting-Anbieter auf dem Weg zum Allround-Servicepartner

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04.06.2008 Die Energieversorgung in die Hand von Dienstleistern zu legen, ist an vielen Produktionsstandorten bereits geübte Praxis. Und obwohl das Thema Energiecontracting noch Potenzial hat, machen sich Contractingspezialisten inzwischen bereits an die nächste Stufe: Ver- und Entsorgungsdienstleistungen bis hin zum Facility Management anzubieten. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion im ESCO-Forum der Hannover Messe hat die Redaktion das Thema mit Anbietern und Anwendern diskutiert.

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Entscheider-Facts Für Betreiber



  • Steigende Energiepreise führen zu einer wachsenden Nachfrage nach Energiedienstleistungen.
  • Contracting-Dienstleistungen erstrecken sich bereits heute schon über weit mehr Leistungsbereiche als nur Wärme und Strom.
  • Mit dem Wunsch der Prozessbetreiber, lediglich in Kernkompetenzen zu investieren, gewinnen Full-Service-Angebote von der Versorgung über den Betrieb von Nebenanlagen bis hin zur Entsorgung und schließlich der umfassenden Standortbetreuung mehr und mehr an Bedeutung.

Was gehört zum Kerngeschäft eines produzierenden Unternehmens? Wohl kaum eine Frage hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Industrielandschaft derart bewegt und letztlich verändert, wie die nach den Kernkompetenzen. Und obwohl die Anbieter von Energiedienstleistungen gerade in der jüngsten Zeit nicht müde werden, ihre Aktivitäten mit Einsparpotenzialen zu verargumentieren, ist es doch häufig die Unternehmensstrategie – sprich: die Besinnung auf Kernkompetenzen – die letztlich dazu führt, dass Anlagen zur Energieversorgung an Dienstleister wie Contractingunternehmen ausgelagert werden.

Was für den Betreiber dabei rausspringt, hat die CTbereits in mehreren Trendberichten und Artikeln in den vergangenen Jahren beschrieben (Abruf unter www.chemietechnik.de, Stichwort „Contracting“). Beim diesjährigen ZVEI-Forum der in der ESCO (Energie-Service und Contracting) zusammengeschlossenen Firmen stand deshalb unter anderem die Frage im Mittelpunkt, welche Leistungen Anlagen- und Gebäudebetreiber neben Wärme und Strom noch von Contracting-Dienstleistern erwarten. Wie groß ist das Leistungsspektrum der Contracting-Partner? Wird der Dienstleister zu guter Letzt nicht nur die Nebenprozesse wie Energie- und Medienversorgung sowie die Entsorgung übernehmen, sondern gar den Produktionsstandort komplett betreiben? Und wird dies nicht zwangsläufig zur Konsolidierung der bislang mittelständisch geprägten Contracting-Branche hin zu wenigen großen Anbietern führen? Und last but not least: Wie sichern die Anbieter den Abnehmer vor Ausfallrisiken sowie den Risiken eines Unternehmensübergangs in Konsolidierungsprozessen ab? Fragen, die die Gemüter der Zuhörer und auch der Teilnehmer der Podiumsdiskussion unterschiedlich stark bewegten.

Risiken intensiv analysieren

Wie weit das Outsorucing von Nebenprozessen gehen kann, verdeutlichte beispielsweise Dr. Wolfgang Holzbach von der Abteilung Commercial Vehicle Tires beim Automobilzulieferer Continental in Hannover. Vor sieben Jahren legte der Produzent die Versorgung des Werkes Hannover-Stöcken mit Nutzenergien und Medien sowie den Betrieb der versorgungstechnischen Anlagen und das Energiemanagement in die Hand des Contracting-Anbieters Vattenfall (heute: Hochtief Energy Management). „Dem ging eine umfangreiche Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse – FMEA – voraus, und wir haben alle möglichen Risiken nacheinander abgesichert“, berichtet Holzbach. Zwar lassen sich solche Risiken vertraglich und versicherungstechnisch absichern, aber Stress entsteht durch Ausfälle allemal. „Solche Fragen müssen im beiderseitigen Einvernehmen geregelt werden“, bekräftigt Frank Riering, Leiter Geschäftsentwicklung bei Proenergy Contracting, und Dr. Peter Ackermann, Bereichsleiter bei Imtech Contracting ergänzt: „Eine sorgfältige Analyse ist unabdingbar.“

Wie groß das Sicherheitsbedürfnis des Betreibers ist, scheint allerdings sehr individuell zu sein: Während der Ausfall einer Gebäudeheizung durchaus über eine gewisse Zeit verkraftbar ist, stellen Produktionsprozesse höhere Anforderungen. „Wir können uns keine Ausfälle leisten, weil dann sofort große Mengen an Ausschuss entstehen würden“, erklärt Wolfgang Holzbach.

Verantwortung klar zugeordnet

Und bereits beim Thema Versorgungssicherheit wird deutlich, dass der Bezug unterschiedlicher Leistungen aus einer Hand für den Betreiber Vorteile bringt: Eine einzige Schnittstelle bringt eine klare Zuordnung der Verantwortung mit sich. „Versorgungssicherheit ist unsere Kernkompetenz“, bringt es Dr. Jobst Klien, Geschäftsführer der Hochtief Energy Management auf den Punkt. Ein weiterer Aspekt ist die Optimierung über verschiedene Prozesse hinweg: „Koppelprozesse, wie beispielsweise die Nutzung der bei der Druckluftkompression entstehenden Wärme, lassen sich nur dann sinnvoll optimieren, wenn ein Dienstleister unterschiedliche Nebenprozesse betreibt“, erklärt Frank Riering. „Sinn des Contractings ist es schließlich auch, die Anzahl der Schnittstellen für den Betreiber zu reduzieren“, pflichtet Peter Ackermann bei.

Ein weiteres Beispiel für die umfassende Ver- und Entsorgung schilderte Jens Zinke, Leiter der Niederlassung Berlin beim Contracting-Dienstleister Getec. Der Anbieter ver- und entsorgt das Gelände der Messe Berlin, bis hin zur Abwasserentsorgung, der Regenwassernutzung und der Instandhaltung der Gebäude, z.B. der Lichttechnik. „Mit unserem Know-how konnten wir für den Kunden signifikante Einsparungen erzielen“, berichtet Zinke.

Geht Know-how verloren?

Doch geht dem Betreiber mit der Auslagerung der Nebenprozesse an Dienstleister nicht wichtiges Know-how verloren? fragt ein Zuhörer in die Runde. „Wir haben diesen Verlust wissentlich in Kauf genommen“, antwortet Dr. Wolfgang Holzbach für die Anwenderseite. Im Gegenteil – denn während es dem Prozessbetreiber kaum möglich ist, in Themen wie z.B. der Kanalsanierung, technologisch auf dem aktuellen Stand zu bleiben, fließt dieses Know-how dem Standort durch den spezialisierten Contracting-Partner zu. „Unsere Kunden sind überzeugt, dass durch uns zusätzliches Know-how ins Unternehmen kommt“, bestätigt dazu Peter Ackermann. Aber auch die Frage nach der Geheimhaltung sensibler Verbrauchs- und Qualitätsdaten der Betreiber ist ein wichtiger Aspekt. „Geheimhaltungsabkommen sind absolut üblich“, erklärt dazu Jobst Klien.

Contractor als Standortbetreiber?

Dass der Trend für Contracting-Anbieter hin zu immer umfangreicheren Leistungspaketen geht, ist für die Diskussionsteilnehmer ohne Frage. Werden die Dienstleister in der Konsequenz irgendwann einmal komplette Standorte übernehmen und betreiben? Für die kleinen und mittelständischen Anbieter erscheint dies bislang undenkbar. Doch die großen Facility-Management-Dienstleister stellen sich derzeit so auf, dass auch diese Spielart des „Full Service“ denkbar wird. „Alles, was nicht Kernkompetenz eines Betreibers ist, wird in Zukunft aus einer Hand zu bekommen sein“, bestätigt Klien den Trend. Klien: „In Frankreich und Großbritannien ist dies bereits geübte Praxis, in Deutschland beginnt man gerade damit, diesen Gedanken aufzugreifen.“ Und Dr. Peter Ackermann ergänzt: „Der Gedanke des Full-Service-Contracting wird in dieser Richtung weiterentwickelt.“

Fazit: Contracting-Dienstleistungen erstrecken sich bereits heute schon über weit mehr Leistungsbereiche als nur Wärme und Strom. Mit dem Wunsch der Prozessbetreiber, lediglich in Kernkompetenzen zu investieren, gewinnen Full-Service-Angebote von der Versorgung über den Betrieb von Nebenanlagen bis hin zur Entsorgung und schließlich der umfassenden Standortbetreuung mehr und mehr an Bedeutung.

„Alles, was nicht Kernkompetenz eines Betreibers ist, wird in Zukunft aus einer Hand zu bekommen sein“
Dr. Jobst Klien, Geschäftsführer der Hochtief Energy Management
„Mit unserem Know-how konnten wir signifikante Einsparungen erzielen“
Jens Zinke leitet die Niederlassung Berlin beim Contracting-Dienstleister Getec
„Eine sorgfältige Risikoanalyse ist unabdingbar“
Dr. Peter Ackermann ist Bereichsleiter bei Imtech Contracting
„Fragen des Risikos müssen im beiderseitigen Einvernehmen geregelt werden“
Frank Riering ist Leiter Geschäftsentwicklung bei Proenergy Contracting
„Wir können uns keine Ausfälle leisten, weil dann sofort große Mengen an Ausschuss entstehen würden“
Dr. Wolfgang Holzbach, Abteilung Commercial Vehicle Tires beim Automobilzulieferer Continental

Heftausgabe: Juni 2008

Über den Autor

Armin Scheuermann , Redaktion
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