„Deutlich näher am Geschäft“

CT-Interview mit den Engineering-Chefs von Bayer und Covestro

11.11.2015 Für das Engineering bei Bayer ist es der Beginn einer neuen Zeitrechnung: Die Abspaltung der Kunststoffsparte zum 1. September und die ab Januar greifende neue Konzernorganisation bei Bayer. 40 Prozent der Ingenieure und Naturwissenschaftler hat Bayer Technology Services (BTS) an Covestro abgegeben. Und auch die rechtliche Eigenständigkeit und der Name werden aufgegeben: Ab Januar 2017 wird aus BTS die Unternehmensfunktion „Engineering & Technology“. Was aus dem Bayer-Engineering wird und wie das Projektgeschäft bei Covestro organisiert wird, erklären die Engineering-Chefs Dr. Jürgen Hinderer, BTS, und Christian Wissel, Covestro Deutschland AG, im CT-Gespräch.

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CT: Mit der Abspaltung der Kunststoffaktivitäten in die neue Covestro hat Bayer Technology Services den Polymeranlagenbau abgegeben. Und zum 1. Januar wird aus dem Unternehmen BTS eine Bayer-Unternehmensfunktion – eine ziemliche Zäsur. Was ändert sich für das Engineering?
Hinderer: Die gravierendste Änderung ist eine gesellschaftsrechtliche: Als „Engineering & Technology“ werden wir ein integraler Bestandteil der Bayer AG sein und konzentrieren uns ausschließlich auf die technolo­gischen Belange des Life-Science-Konzerns Bayer mit seinen drei operativen Divisionen Pharmaceuticals, Consumer Health und Crop Science. Wir werden mit aller Kraft den steigenden Investitionsbedarf der drei Geschäftsfelder sicher, termin- und kostengerecht und in der geforderten Qualität umsetzen. In 2016 planen wir bei Bayer weltweit Investitionen in Anlagen und Gebäuden in Höhe von 1,7 Milliarden Euro. Vor drei Jahren hat Bayer die gleiche Summe inklusive des damaligen Polymergeschäftes investiert. Damit verliert auch das externe Geschäft für Bayer Technology Services seine strategische Bedeutung.
Wissel: Covestro ist seit dem ersten September ein eigenständiges Unternehmen, das sich von den Bayer-Gedanken trennen wird. Das Engineering war bei Bayer und BTS ein wertgeschätzter Dienstleister, aber doch ein Dienstleister. Jetzt bilden wir zusammen mit den anderen Kollegen bei Covestro die Firma, wir sind jetzt auch deutlich näher am Geschäft.

CT: Mit welchem Engineering-Modell wird das Covestro-Engineering künftig Projekte abwickeln?
Wissel: Wir haben eine große Bandbreite – entsprechend unserem Projektportfolio. Von Brownfield über Turnarounds und Revamps bis hin zur Neuanlage auf der grünen Wiese. Ich glaube nicht, dass wir nur ein Modell haben werden. Wie wir den Scope of Work in der Bearbeitung aufteilen, hängt davon ab, welche Aufgaben und Arbeitslast wir haben und was der Markt hergibt. Das Abrechnungsmodell – Lump-Sum oder Reimbursable – wird mit vom Markt bestimmt. Derzeit ist es zum Beispiel schwierig, Lump-Sum-Projekte unterzubringen, weil die Kalkulation über Aufschläge dies meines Erachtens nicht unterstützt. Das Project Engineering von Covestro wird auf jeden Fall sehr stark in den frühen Projektphasen eingebunden sein – von der Verfahrensentwicklung zum Basic Engineering. Bei der Abwicklung und dem Detail Engineering werden wir uns Partner suchen. Damit haben wir große Projekte in der Vergangenheit sehr erfolgreich durchgeführt.

CT: Gibt es eine generelle Leitlinie für die Wertschöpfungstiefe – z. B. keine Abwicklung selbst machen?
Wissel:
Nein. Das hängt von der Marktlage ab und von der Frage, wie wir unsere eigene Kompetenz erhalten können. Denn man kann nur dann mit den Lieferanten und Partnern richtig zusammenarbeiten, wenn man eigene Kompetenz hat.
Hinderer: Wir haben zu wenige Ingenieure, um den eben genannten Investitionsbedarf in unseren Wachstumsmärkten mit den bisherigen Abwicklungsmodellen umzusetzen. Früher hatten wir innerhalb eines Projektes Verträge mit vielen Engineering-Servicepartnern, wir haben eher kleinere Detail-Engineering-Pakete vergeben und diese auch oft selbst gemanagt. Künftig wird es bei Bayer für externe Dienstleister deutlich mehr Chancen geben. Und wir werden alle Abwicklungsmodelle nutzen – bis hin zur kompletten Engineering-Procurement-Construction (EPC)-Vergabe. Welches zur Anwendung kommt, richtet sich nach dem jeweiligen Projekt. Wir sehen in Zukunft eine sehr stark differenzierte Projektlandschaft: vom Bau eines Gewächshauses bis zur Biotech-Anlage, von der Feinchemieanlage bis hin zur Großinvestition für Herbizide mit einem Volumen von mehreren Hundert Millionen Euro an mehreren, internationalen Standorten. Das bedeutet: Wir werden uns auf Kernaufgaben fokussieren und suchen nach Partnern für die verschiedenen Abwicklungskonzepte.

CT: Für BTS wird der Scope also kleiner. Wie sieht das für Covestro aus?
Wissel:
Gefühlt bleibt dieser gleich – wir haben immer noch die gleichen Aufgaben im Bereich der Polymer-Anlagen und -Infrastruktur. Der Scope der verschiedenen Projektphasen, die Ziele und die Sicherheitsanforderungen bleiben erhalten.

Heftausgabe: November 2015
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Armin Scheuermann, Redaktion
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