Ernährung digital

CT-Spotlight: Analoges Essen hat ausgedient

10.09.2017 „Essen und trinken wir morgen digital?“ Diese Frage hat der Elektrokonzern Siemens in einem Internet-Blog aufgeworfen. Eine schöne Vision, mit der sich ganz ganz viele Probleme lösen lassen. Und die, konsequent zu Ende gedacht, manches Berufsbild verändern wird – auch das des Proktologen.

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Cooking recipe from tablet

Bild: alphaspirit – Fotolia

„Die Digitalisierung hat unser Leben entscheidend verändert. Essen und trinken müssen wir in jedem Fall – aber werden unsere Speisen und Getränke morgen vielleicht digital sein? Werden wir unser Essen nicht mehr im Supermarkt kaufen, sondern selbst drucken?“ – Es sind Fragen von existenzieller Bedeutung, mit denen der „Mediaservice Industries Blog“ des Münchner Siemens-Konzerns gleich im Einstieg seine Leser ködert.

Ignorieren wir also einfach einmal die anschließenden Ausführungen, in denen das Unternehmen diese Fragen dann unbeantwortet lässt, aber auf die eigenen Produkte zur digitalen Wertschöpfung eingeht. Lassen Sie uns vielmehr die Implikationen der Fragen betrachten: Im Gegensatz zur analogen (=altbackenen) Welt bedeutet „Digitalisierung“ die Repräsentation von physischen Objekten auf digitale Weise. Ein digtialisierter Apfel (ob ein angebissener Mackintosh oder eine im Ganzen erhaltene Goldparmäne) besteht also nicht aus Wasser, Kohlehydraten, Fruchtzucker und Ballaststoffen, sondern aus Nullen und Einsen. Dermaßen atomisiert, ja sogar auf die Elementarteilchen reduziert, lässt sich aus dem Digitapfel alles Mögliche machen: Mit dem richtigen Algorithmus kann daraus eine Banane, ein Tofuschnitzel oder ein Filetsteak werden. Und wenn Steaks kein physisches, Methan ausstoßendes Rind mehr erfordern, dann lässt sich auch das Klimaproblem ganz nebenbei per Digitalisierung lösen.

Um digitale Steaks zu produzieren, brauchen wir künftig also keine Äcker pflügenden Landwirte mehr, sondern solche, die nach Algorithmen graben.

Gehirn- statt Schweineschmalz: Digitales Essen wird digital verdaut

Auch für die Zubereitung digitaler Gerichte ist kein Schweine-, sondern lediglich Gehirnschmalz erforderlich. Der Abwasch von Töpfen und Pfannen entfällt, Spülmaschinen und Geschirreiniger werden ebenfalls obsolet. Der Beruf des Kochs bleibt zwar erhalten, doch dessen Handwerkszeug verändert sich entscheidend: Brat­algorithmus statt Pfanne und mathematisches Geschmacksmodell statt Probierlöffel.

Und weil digitales Essen auch digital verdaut wird, entfallen Stoffwechselerkrankungen und Verdauungsprobleme. Die Berufsbilder der Internisten und Proktologen ändern sich analog. Sie beschäftigen sich dann nur noch mit halbgaren, digitalen Ausscheidungen.

Weitere CT-Spotlights.

Heftausgabe: September 2017

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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