Ein Fluss zuviel

CT-Spotlight: Industrie übertreibt das Wassersparen

01.05.2018 Was dem Pottler die Ruhr, ist dem Schwaben der Neckar. Dieser versorgt im Süden nicht nur den Winzer, der daraus Trollinger mostet, sondern auch die Fabrikle von Oberndorf bis Mannheim. In Summe würde das Neckarwasser ausreichen, um den Bedarf der kompletten Industrie in Deutschland zu decken. Diese ist bemüht, ihre Wasserkreisläufe zu schließen – wenn das geschafft ist, bleibt also eine drängende Frage: Was machen wir mit einem zweiten Neckar?

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Bild: dimdimich – adobe.stock

Ob Benz-Motoren aus Bad Cannstatt oder Lauffener Katzenbeißer Schwarzriesling, die wichtigsten Exportgüter aus Baden-Württemberg haben einen gemeinsamen Erfolgsfaktor: das Neckarwasser. Doch nicht nur Tüftler und Landwirte hat der 362 km lange Fluss schon seit Urzeiten inspiriert, sondern auch Dichter und Denker wie Hölderlin, Mörike, Schiller oder den etwas handfesteren Götz von Berlichingen.

Wenn 4,5 Mrd. Kubikmeter Wasser den Bach runter gehen, dann kommt einiges in Bewegung. Die deutsche Industrie macht aus derselben Wassermenge 1,7 Bio. Euro Umsatz, die württembergischen Winzer daraus ungefähr … – auf jeden Fall zu viel Viertelesplörre. Und unter den Bundesländern streiten sich Jahr für Jahr das Ländle und Bayern mit jeweils rund 330 Mrd. Euro um die Meisterschaft, nein, noch nicht im Fußball, sondern in Sachen Industrieumsatz.

Wir denken groß: Der neue Neckar heißt „Amazon pride“

Gehen wir nun einmal davon aus, dass das klappen könnte, dass die deutsche Industrie auf Sicht ihre Wasserkreisläufe komplett schließt und künftig weder auf Zu- noch auf Abflüsse angewiesen ist. Die Konsequenzen wären gravierend: Deutschland hätte einen Neckar übrig. Nicht auszudenken! Zunächst müsste ein Name dafür her. Und weil wir gelernt haben, groß zu denken, nennen wir ihn, sagen wir einfach einmal: „Amazon pride“. Denn schließlich ist die deutsche Industrie stolz wie Bolle, angliziert wie blöd und wächst unaufhaltsam. Sie kann also Jahr um Jahr noch mehr Wasser einsparen, d. h., der Fluss wird weiter anschwellen. Und weil´s ein richtiger Fluss mit Industrie, Winzern, Dichtern, alten Städten und allem drum und dran werden soll, entstehen jede Menge Jobs für Städteplaner. Schließlich brauchen wir Äquivalente zu Tübingen, Schtuagart – ähm, Stuttgart, Bad Wimpfen und Heidelberg.

Obwohl, Letzteres ist vielleicht keine so gute Idee, denn auch unser Verlag hat seinen Sitz in Heidelberg – und noch mehr Konkurrenz? Braucht kein Mensch. Also lassen wir das besser mit dem „Amazon pride“ und schlotzen lieber noch ein Viertele Trollinger, natürlich aus der Neckarschleifen-Steillage „Bahndamm Nordhang“.

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Heftausgabe: Mai/2018

Über den Autor

Armin Scheuermann, Chefredakteur CHEMIE TECHNIK
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