Unverbesserliche Optimisten

CT-Spotlight – Warum Großprojekte aus dem Ruder laufen

16.11.2015 Eine Insel ohne Berge, nur das weite tiefe Meer, ohne Tunnel und Geleise, ohne Eisenbahnverkehr… im Vergleich zu Chevron, Shell und Exxonmobil hatten es Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer gut: Auf ihrer Insel gab es bereits alles, was den Investoren im Gorgon-Projekt fehlte. Aber erklärt das, warum Letzteren die Kosten so aus dem Ruder gelaufen sind?

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November 2015

Bild: DURIS Guillaume – Fotolia

Bei Projekten der öffentlichen Hand hat das ja Methode: Hätte man den Entscheidungsträgern – sagen wir mal bei Stuttgart 21 – von vornherein reinen Wein eingeschenkt – die Vorschlagenden wären wahrscheinlich schon vor der Abstimmung geteert und gefedert worden. Ob Bahnhof, Militärtransporter oder Offshore-Windpark: Im Durchschnitt werden öffentliche Großprojekte in Deutschland stets um 73 Prozent teurer als geplant. Aber bei privaten Investoren?

Im Gorgon-LNG-Projekt auf der Barrow-Insel im Nordwesten Australiens sind die Kosten von geplanten 37 Mrd. US-Dollar auf 54 Mrd. Dollar gestiegen – die Anlage wird erst 18 Monate nach geplantem Start in Betrieb gehen. Was wenige wissen: Das ist ganz normal. Auch im Öl- und Gasbereich sind Zeit- und Kostenüberschreitungen usus: Nach einer Studie von Ernst&Young kommt es bei 64 Prozent aller Projekte zu Kostenüberschreitungen, drei Viertel verspäten sich. In 205 Projekten haben die Marktforscher Mehrkosten von 500 Mrd. Dollar bilanziert.

Die Professorin Dr. Genia Kostka von der Hertie School of Governance erklärt das Phänomen, das vor allem Projekte jenseits der 500-Mio.-Euro-Marke befällt, mit einer Kombination aus technologischen, wirtschaftlichen, politischen und psychologischen Faktoren: Über-Optimismus bei den Entscheidern, strategische Täuschung und mangelnde Governance vor der Entscheidung oder sogenannte Pionierrisiken, wenn technologisches Neuland betreten wird.
Ist man selbst nicht Teil des Projektes, ist die Ursache schnell zur Hand: „Die haben´s einfach nicht drauf.“ Doch auch diese Erklärung greift zu kurz: Denn dann müsste es doch auch Großprojekte geben, die für die Hälfte des Budgets fertig werden. Dass dies nie passiert, lässt auf ein tief liegendes psychologisches Muster schließen: Imgrunde sind wir allesamt unverbesserliche Optimisten. Trost spenden der Blick aus zeitlichem Abstand und das Update eines alten Sprichworts: Auch BER* wurde nicht an einem Tag erbaut. [as]

*Hauptstadtflughafen BER: geplante Kosten: 1 Mrd. Euro; aktuelle Prognose: 6 Mrd. Euro; geplanter Flugbetrieb: ab 2007; aktuelle Prognose: 4. Quartal 2017

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Heftausgabe: November 2015

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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