Vom Gas aufgemischt

CT-Trendbericht: Folgen des Schiefergas-Booms für die Chemie

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28.03.2014 Das deutsche Erfolgsmodell zeigt Bremsspuren. Seit anderthalb Jahrzehnten gilt die Fokussierung auf Spezialchemie als Königsweg für hiesige Chemieunternehmen. Doch vor wenigen Wochen folgte der Dämpfer: Als Evonik Anfang März seinen Geschäftsbericht für das abgelaufene Jahr veröffentlicht hatte, war das Erstaunen groß: Der Konzern aus Essen konnte zwar über stabile Umsätze berichten, doch das Ergebnis war um 19 Prozent eingebrochen. Der Grund: Die Preise für viele der von Evonik hergestellten Spezialchemikalien waren stark unter Druck geraten: Einerseits hatten sich Märkte nicht wie erwartet entwickelt, andererseits haben Hersteller weltweit ihre Produktion ausgeweitet.

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Entscheider-Facts Für Planer und Manager

  • Die Veränderungen auf der Rohstoffseite sowie bei Absatzmärkten ändern die Chemie-Landkarte der Welt.
  • In den kommenden Jahren werden zahlreiche Investitionsprojekte abgeschlossen und Produktkapazitäten ausgeweitet werden. Das könnte den Druck auf die Preise deutlich erhöhen.
  • Die Konsequenzen dieser Verschiebungen sind bereits deutlich zu sehen: In den USA, im Mittleren Osten und in Europa.
  • In der deutschen Chemie wird sich der Trend zur Spezialisierung weiter verstärken.

Ähnliches berichtete Lanxess: Vorstandschef Axel Heitmann musste deswegen im Februar seinen Hut nehmen.
Handelt es sich um nicht repräsentative Einzelfälle oder die Vorboten einer mittel- bis langfristigen Entwicklung? Natürlich unterscheiden sich die Portfolios der Unternehmen und deren Absatzmärkte. Und andere Spezialchemie-Hersteller wie zum Beispiel Clariant berichten für denselben Zeitraum über glänzende Geschäfte. Dennoch zeichnen sich in der Chemie einschneidende Veränderungen ab – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das Beispiel Evonik zeigt, dass der Wettbewerbsdruck auch in der Spezialchemie wächst. Commodity-Hersteller aus dem Mittleren Osten haben angekündigt, ihre Wertschöpfungstiefe vergrößern zu wollen. Hersteller aus China planen dies ebenfalls. Sehr konkret sind bereits die Pläne des US-Chemieriesen Dow, weltweit (nach der BASF) die Nummer zwei im Chemiegeschäft. Dieser will sich künftig ebenfalls auf die Spezialchemie konzentrieren.

Den Amerikanern kommt dabei ein weiterer Aspekt zugute: konkurrenzlos günstige Energie- und Rohstoffpreise und ein mit dem Nafta-Raum enorm aufnahmefähiger Markt für Chemieerzeugnisse. Allesamt Faktoren, die für Chemieinvestoren eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben. Der US-Chemieverband ACC schätzt, dass die Chemieproduktion in den USA zwischen 2015 und 2020 jährlich um vier Prozent zulegen wird. Dass dies nicht unrealistisch ist, zeigt ein Blick auf die aktuellen Investitionen: Nach Recherchen des ACC wurden in der US-Chemie zwischen Januar 2010 und Februar 2014 Anlagenprojekte im Wert von 100,2 Mrd. US-Dollar angekündigt, die im Zusammenhang mit günstigem Schiefergas stehen. Diese sollen in einem Zeitraum bis 2023 Realität werden. Und der Zug nimmt erst Fahrt auf: Bis 2018, so die Schätzungen, wird die Chemie in den USA ihre jährlichen Investitionen gegenüber 2010 verdoppeln. 2013 wurden 42,4 Mrd. Dollar investiert, in den Jahren 2011 bis 2013 waren die Ausgaben um 14,9 Prozent, 16,9 Prozent und 10,0 Prozent gestiegen. „Die USA sind derzeit für Chemieinvestitionen der attraktivste Markt der Welt“, stellte T. Kevin Swift, Chefökonom des ACC, anlässlich der Vorstellung des Berichts im Dezember fest.

War die USA noch vor wenigen Jahren vom globalen Chemiewachstum abgehängt, schlägt sich der Schiefergas- und -ölboom inzwischen in der Chemie-Handelsbilanz nieder. Noch im Jahr 2011 mussten mehr Chemikalien eingeführt werden, als exportiert wurden. Im vergangenen Jahr hat sich die Handelsbilanz gedreht: Die Exporte überstiegen die Importe um 2,7 Mrd. Dollar – und das Ausfuhrplus könnte sich in den kommenden Jahren jährlich verdoppeln, bis 2018 soll der Exportüberschuss auf 30 Mrd. Dollar anwachsen. „Die amerikanische Chemie ist zurück im Spiel“, so Swift.

Dass sich der Chemieboom auf Basis von billigem Schiefergas bereits in den Bilanzen zeigt, hat das Marktforschungsinstitut Bernstein-Research festgestellt. So soll bereits im Jahr 2011 der Gewinn von Chemieunternehmen, die Ethan-Cracker betreiben, um 6 Mrd. Dollar gestiegen sein. Das waren vor zwei Jahren rund 14 Prozent der gesamten Gewinne der US-Chemieunternehmen. Den  aus der Preisdifferenz zwischen billigem Gas und teurem Öl entstehenden Wettbewerbsvorteil nutzen inzwischen auch ausländische Chemiekonzerne und investieren in den USA. So hat die BASF im texanischen Port Arthur einen Cracker von Naphta auf Ethan umgerüstet. PVC-Hersteller in Europa geraten aufgrund der unterschiedlichen Kostensituation unter massiven Druck amerikanischer Hersteller. Das Marktforschungsunternehmen IHS schätzt, dass sich die Produktion von Kunststoffen und Grundchemikalien in den USA bis 2020 verdoppeln wird, während Europa ein Drittel dieser Produktionskapazitäten verlieren wird. Ein Indiz ist auch die jüngste Ankündigung des Chemieriesen BASF: Konzernchef Kurt Bock berichtete im Februar, dass der Anteil der Investitionen in Deutschland in den kommenden fünf Jahren von einem Drittel auf ein Viertel sinken wird.

Die Chemieproduktion wandert nach China
Zu ähnlichen Ergebnissen in Bezug auf die globale Entwicklung der Chemieindustrie kommt auch eine Studie, die der deutsche Chemieverband VCI gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut Prognos durchgeführt und im März 2013 veröffentlicht hat. Demnach wird die Chemieproduktion weltweit bis zum Jahr 2030 jährlich um 4,5 Prozent wachsen – und damit deutlich stärker, als in den Jahren vor der Wirtschaftskrise (2000 bis 2008: 3,5 Prozent).  Doch die Unterschiede zwischen den einzelnen Chemieproduzenten sind enorm: Während in Deutschland mit einem Zuwachs von jährlich 1,8 Prozent erwartet wird, soll der Studie zufolge, die Chemieproduktion in China jährlich um 7,1 Prozent, in den USA um 3,3 Prozent und in anderen Industrieländern um 2,5 Prozent wachsen. Bis 2030 wird fast die Hälfte aller Chemieerzeugnisse in China produziert werden.

Im Hinblick auf die USA sind die Erwartungen der VCI-Studie allerdings deutlich verhaltener als die des ACC. Interessant ist außerdem, dass der arabische Raum in der deutschen Studie keine Erwähnung findet. Doch allein in Saudi-Arabien werden derzeit Raffinerie- und Chemieprojekte im Wert von über 120 Mrd. US-Dollar realisiert. In dem Königreich ist es erklärtes Ziel, die Downstream-Industrie zügig auszubauen. 2012 exportierte Saudi-Arabien Chemieprodukte im Wert von 25 Mrd. Euro – seit 2010 stiegen die Chemieexporte jährlich um fast 25 Prozent.

Der Staatskonzern Saudi Aramco hat sich vorgenommen, bis 2020 zum weltweit größten Energie- und Chemiekonzern aufzusteigen. Seit 2011 erweitert der Ölmulti sein Portfolio im Rahmen des „Accelerated Transformation Program“. Derzeit arbeitet das Unternehmen an der Fertigstellung von fünf neuen Raffinerien, die alle 2018 in Betrieb gehen sollen und neben Kraftstoffen auch Petrochemieprodukte liefern werden. Mit einem Budget von 20 Mrd. US-Dollar ist der Konzern am Sadara-Petrochemiekomplex beteiligt, der als eines der größten Projekte in der Geschichte der Chemie ab 2016 Spezialchemikalien für die Kunststoffherstellung liefern soll. Der Chemiekonzern Sabic arbeitet derzeit an der Errichtung von acht neuen Chemieparks.

Größtes „Asset“ der saudischen Chemie ist der enorm niedrige Gaspreis. Erdgas kostet 0,75 USD/mmBTU. In den USA fallen dafür 4 USD an, in Europa 10 USD. Allerdings werden in Zukunft große Anstrenungen notwendig sein, um die Effizienz der Anlagen zu steigern. Die zunehmende Förderung von Schiefergas in unterschiedlichen Regionen der Welt hat die Weltmarktpreise für Ethan und Propan gedrückt und verringert dadurch die Wettbewerbsvorteile der saudischen Chemie. Sollte es China gelingen, die eigenen Schiefergasreserven zu mobilisieren, würde der Golfstaat in einem wichtigen Absatzmarkt geschwächt. 

Die deutsche Gesellschaft für Außenwirtschaft, GTAI, geht davon aus, dass die saudiarabische Petrochemie nur dann wachsen wird, wenn viele neue Gasvorkommen gefunden und nutzbar gemacht werden. Ähnliches gilt für die weiteren Golfstaaten, darunter Katar, den viertgrößten Gasproduzenten der Welt. Bis 2018 sollen dort über 15 Mrd. USD in Petrochemieanlagen investiert werden. In der chinesischen Chemie könnte ein aktueller Regierungsbeschluss einen Veränderungsprozess in Gang setzen. Da Erdgas für die Industrie künftig höher besteuert wird, wird der Einsatz billiger Kohle als Chemierohstoff attrativ.

Chemieindustrie vor Konsolidierung?
Ein interessantes Schlaglicht auf die Zukunft der Chemie setzte im vergangenen November das Beratungsunternehmen A.T. Kearney. In einer Studie untersuchten die Marktforscher fällige Verbindlichkeiten der weltweiten Chemieunternehmen. Ergebnis: Der Chemie stehen turbulente Zeiten bevor. Bis 2016 werden Kredite in Höhe von 33 Mrd. USD fällig und könnten eine Restrukturierungswelle auslösen. Die Logik: In Folge der Schiefergasförderung in den USA schrumpfen die Margen. In Verbindung mit den zu tilgenden Schulden könnte dies eine Welle von Unternehmensverkäufen nach sich ziehen.

Kombiniert man die Informationen aus Verbindlichkeiten der Chemie – A.T. Kearney zufolge müssen 27 Chemieunternehmen mit einem Umsatz von mehr als 1 Mrd. USD in den nächsten fünf Jahren rund 110 Mrd. USD zurückzahlen – mit der Erwartung, dass ab 2016 die aus den oben beschriebenen Investitionsprojekten folgenden zusätzlichen Produktionskapazitäten auf den Markt kommen, scheint klar: Die Chemieindustrie steht vor enormen Umwälzungen. Für die deutsche Chemie steigt der Druck hin zur Spezialisierung.

Aktuelle Studien
Konsolidierung, Spezialisierung
Geht es nach dem Beratungsunternehmen A.T. Kearney stehen der Chemieindustrie weltweit turbulente Zeiten bevor. Das hohe Transaktionsvolumen der Jahre 2006 bis 2008 zieht demnach eine Welle von Kapitalrückzahlungen nach sich, die zwischen 2013 und 2016 fällig werden. Dies facht Übernahmen und Veräußerungen in der Branche an. Zusätzlich werden die Erhohlung der US-Industrie infolge des Schiefergasbooms und der Finanzierungsbedarf für neue Cracker und Chemieanlagen diesen Prozess beschleunigen. In Kombination mit schrumpfenden Margen wird der Markt laut der Studie neu geordnet werden. Betroffen sind mindestens 27 Chemieunternehmen mit einem Umsatz >1 Mrd. US-Dollar.
Vor einem Jahr hatte der Chemieverband VCI zusammen mit Prognos eine Studie vorgelegt, wonach sich der in Europa und Deutschland zu verzeichnende Trend hin zur Spezialchemie weiter verstärken wird.

Im Rahmen der Artikelserie „Öl und Gas“ analysieren wir in Exlusivbeiträgen in der CHEMIE TECHNIK die aktuellen Entwicklungen im Öl- und Gasmarkt und deren Auswirkungen auf die Chemie. Bereits erschienen sind:
CT1-2/2014: Trendbericht Öl- und Gasindustrie
CT1-2/2014: Trendbericht Anlagenbau-Projekte Chemie, Öl, Gas
CT3: Wie Schiefergas die Energielandkarte prägt
CT4: Konsequenzen des Öl- und Gasbooms für die Chemie (dieser Artikel)
Die Beiträge sind unter www.chemietechnik.de abrufbar.

Für die kommenden Ausgaben sind folgende Themen geplant:
CT5: Was treibt den Öl- und Gaspreis?
CT6: Anlagenbau-Megaprojekte
CT7: Special „Equipment für die Öl- und Gasindustrie“

Die Trends im Anlagenbau Öl und Gas sowie der Chemie sind auch Thema des 3. Engineering Summit (1.-2. Juli 2014, Mannheim). Mehr Infos unter www.engineering-summit.de

Zu den aktuellen Zahlen des US-Chemieverbandes ACC (Dez. 13) gelangen Sie hier.

Die VCI-Prognos-Studie finden Sie hier.

Zur CT-Meldung zur Evonik-Bilanz gelangen Sie hier.

Die Pressemeldung zur Studie von A.T. Kearney finden Sie hier.

Top3052014

 

Heftausgabe: April 2014

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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