Renaissance Des Stroms

CT-Umfrage Entscheidungskriterien bei der Beschaffung von Durchflussmessgeräten

13.10.2008 Schöne neue Feldbuswelt. Ob Profibus, FF, Ethernet und zuletzt Wireless – die vergangenen Jahre waren geprägt von immer moderneren Signalübertragungstechnologien. Wir haben die aktuelle Bedeutung dieser Techniken sowie weitere Entscheidungskriterien bei Anwendern abgefragt. Mit verblüffenden Ergebnissen: Zeichnet sich bereits eine 4...20-mA-Konterrevolution ab?

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Kein anderes Element der Betriebsmesstechnik in verfahrenstechnischen Prozessen hat die Redaktion der CHEMIE TECHNIK in den vergangenen Jahren so intensiv untersucht wie die Durchflussmessung. Nach breit angelegten Umfragen unter Entscheidern auf der Seite der Planer und Betreiber sowie der Geräteanbieter in den Jahren 2001 und 2004 wollten wir im Sommer 2008 wieder wissen, wie sich die Bedeutung der Entscheidungskriterien für die Beschaffung von Geräten für die Bilanzierung von Flüssigkeitsströmen verändert. Im Juli befragten wir deshalb 149 Anwender von Durchflussmessgeräten schriftlich und erhielten 24 detaillierte Antworten. Und die Ergebnisse dürften Anwender und vor allem auch Hersteller aufhorchen lassen.

Auf den ersten Blick scheint es fast, als ob viele Anwender der stets neuen Kommunikationstechniken und der damit verbundenen Frage, was zukünftig zu „dem Standard“ werden wird, überdrüssig sind und sich vertrauter Technik zuwenden. Besonders eindrucksvoll wird dies anhand der Frage deutlich, welche Kommunikationskonzepte bei der Beschaffung von Durchflussmessgeräten bei Neuanlagen bevorzugt werden. Wurde hier vor dreieinhalb Jahren noch deutlich der Wunsch nach Ethernet-Lösungen geäußert und landeten Profibus PA sowie Foundation Fieldbus ganz oben, hat sich in der aktuellen Befragung die klassische 4…20-mA-Signalübertragung und die Option Hart-Protokoll ganz nach vorne geschoben – obwohl auch Profibus PA mit an erster Stelle genannt wurde. Und auch die Zweileiter-Energieversorgung der Geräte sowie die Ankopplung via Remote I/O legte gegenüber den früheren Befragungen deutlich zu. Verloren hat dagegen aus Sicht der Befragten der Kommunikationsstandard Foundation Fieldbus.

Stromsignal als „sicherer Hafen“?

Dass dieses Ergebnis nicht etwa ein Ausreißer ist, zeigt der Blick auf das Meinungsbild für Anlagenmodernisierungen: Auch hier dominieren Hart-Protokoll, Remote I/O und 4…20 mA mit Zweileiterspeisung. Hier haben Profibus PA und FF an Bedeutung verloren. Kaum verwundern dürfte dagegen, dass die klassischen Stromsignale als Zwei- und Vierleitergerät mit der Hart-Option bei Ersatzbeschaffungen dominieren und auch Remote I/O aufgrund der inzwischen großen installierten Basis an Bedeutung zulegt.

Und noch ein weiteres Ergebnis stützt diese Einschätzung: Der Aspekt „Schnittstelle“ hat aus Sicht der Anwender sowohl als Entscheidungskriterium als auch bei der Frage nach der Bedeutung von Entwicklungsschwerpunkten bei der Konstruktion von Durchflussmessgeräten an Bedeutung verloren. Auf lange Sicht rechnen allerdings 54% der Befragten, dass das 4…20-mA-Signal an Bedeutung verlieren wird.
Eher zurückhaltend zeigen sich die Befragten auch beim Aspekt „Drahtlos- bzw. Wireless-Kommunikation“. Nur 12,5 % der Befragten gaben an, diese Kommunikationsvariante bei Neuanlagen zu bevorzugen (Anlagenmodernisierung: 4,2 %). Geteilt sind die Meinungen auch bei der Frage, wie bedeutend die Funkkommunikation unter den technischen Entwicklungen ist: Ein Drittel hält diese für eher wichtig, 46 % für „eher unwichtig“ und 17% sogar für „unwichtig“. Den Herstellern und Protagonisten bleibt also noch einiges zu tun, den Nutzen für die Anwender zu kommunizieren. Die Beliebtheit von 4…20 mA sowie Hart dürfte hier ein wichtiger Aspekt sein – angesichts der enormen installierten Basis an Hart-fähigen Geräten scheint am wahrscheinlichsten, dass der Nutzen entsteht, wenn Diagnosefunktionen via „Wireless Hart“ zugänglich gemacht werden. Und für die entsprechenden Hersteller gibt auch Grund zur Hoffnung, denn immerhin 58 % der Befragten ist sich sicher, dass die Drahtlos-Kommunikation in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird.
Der Blick auf die generellen Entscheidungskriterien beim Kauf von Durchflussmessgeräten offenbart gegenüber den früheren Befragungen wenig Überraschendes. Das Argument Zuverlässigkeit steht weiterhin an erster Stelle und wird auch für die Zukunft mit steigender Bedeutung gesehen. Leicht aber stetig an Bedeutung verliert unter den befragten Anwendern (Schwerpunkt: Chemieindustrie) das Kriterium „Preis“. Am deutlichsten hat der Aspekt „einfache Bedienung“ zugelegt, während Genauigkeit, Reproduzierbarkeit und Installationskosten an Relevanz verlieren. Wie wichtig die Bedienung aus Sicht der Anwender ist, zeigte sich auch bei der Frage nach der Bedeutung technischer Entwicklungen. Eine einfache Bedienung steht bereits an zweiter Stelle. Für die Zukunft rechnen die Befragten mit einer steigenden Bedeutung der Wartungskosten und der Lebensdauer als Entscheidungsriterien.

Mehr Lösungsvielfalt, weniger Gerätevielfalt

Gerätefamilien mit einheitlicher Bedienphilosophie werden weiterhin bevorzugt, genauso wie Lieferanten, die eine umfassende Angebotspalette haben. Und hier zeichnet sich ein Trend zur Spezialisierung ab. Drei Viertel der Befragten sind der Meinung, dass die Zahl spezieller Anwendungsprobleme bei der Durchflussmessung zunimmt. Allerdings führt dies nicht etwa zu einer größeren Gerätevielfalt bei den Betreibern, sondern die speziellen Aufgabenstellungen werden vielmehr über Anpassungsarbeiten mit lieferbaren oder vorrätigen Geräten gelöst. Ein Ergebnis, das deutlich macht, wie wichtig es für Anbieter in Zukunft sein wird, nicht nur Geräte sondern auch Lösungs-Know-how anzubieten.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um die Einführung von Merkmalleisten (Prolist) wollten wir wissen, wie der Aufwand bei der Auswahl und Beschaffung eingeschätzt wird und wie bei den verschiedenen Schritten zwischen Auswahl und Projektierung zwischen Betreibern, Planern, Einkauf und Herstellern kommuniziert wird. Immerhin 87 % sind – teilweise oder voll – der Meinung, das der Aufwand bei der Auswahl und Beschaffung von Geräten heute zu hoch ist.
Die Auswahl der Durchflussmessgeräte aus Katalogen geschieht heute bereits überwiegend elektronisch. 38% übermitteln auch die Anforderung an den Einkauf bereits auf elektronischem Wege, 33,3 % schicken dazu eine E-Mail und 21 % kommunizieren per Fax bzw. Papier. Gerätelieferanten werden in der Regel per E-Mail angeschrieben (63 %), erst 21% haben bereits einen elektronischen Workflow zu den Lieferanten implementiert. Doch meist ist dies eine Einbahnstraße – lediglich 8 % erhalten auch die Angebote elektronisch, meist (50 %) kommt das Angebot per Mail. Auch bei der Übernahme der Gerätedaten in die CAE-Planungstools überwiegt heute noch die Handarbeit. Lediglich ein Drittel überträgt diese bereits elektronisch.

Ultraschall clamp on im Aufwind

Natürlich wollten wir auch dieses Mal wieder wissen, wie die Bedeutung der unterschiedlichen Messprinzipien zur Durchflussmessung eingeschätzt wird. Und hier ist das Bild eindeutig: 81% rechnen damit, dass die von außen auf Rohrleitungen anzubringenden Clamp-on-Ultraschallgeräte zulegen werden, gefolgt von Geradrohr- und „bend tube“-Coriolisgeräten. An vierter Stelle folgen Ultraschall-Inline-Geräte. Eine interessante Entwicklung, wenn man die Ergebnisse mit der Sicht von vor vier bzw. sieben Jahren vergleicht (siehe Dossier unter www.chemietechnik.de/dossier). Magnetisch induktiv arbeitende Geräte sowie thermische Massemesser, Schwebekörper und Wirbelzähler werden mit gleichbleibender Bedeutung gesehen, während die Bedeutung von Wirkdruck (Blende), Turbinenrad-, Flügelrad- und Ringkolbenzähler sinkt.

Fazit: In den vergangenen sieben Jahren seit der ersten CT-Umfrage zum Thema Durchflussmessung hat sich einiges getan. Die überwiegend in der Chemie tätigen Anwender, die von uns aktuell befragt wurden, rechnen mit einer steigenden Bedeutung der Messprinzipien Ultraschall (clamp on und inline) sowie der Coriolisgeräte. Ganz wichtig ist den Anwendern der Aspekt „einfache Bedienung“ und bei den Entscheidungskriterien dominiert nach wie vor die Zuverlässigkeit. Bei den Schnittstellen, Feldbusstandards und Signalübertragungstechniken zeigt sich Ernüchterung – derzeit wenden sich die Anwender wieder verstärkt den Klassikern 4…20 mA mit Hart-Protokoll in Zweileitertechnik zu.

Heftausgabe: Sonderausgabe Prozessautomatisierung 2008

Über den Autor

Armin Scheuermann , Redaktion
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