Optimum gesucht

CT-Umfrage: Operational Excellence beginnt in der Planungsphase

13.10.2008 Ein großer Teil der späteren Betriebskosten einer Anlage wird bereits in der Planungsphase – vom Conceptual Design bis zum Detail Engineering – festgelegt. Doch wie ist es um das Bewusstsein der Betreiber für diesen Aspekt bestellt? Welche Rolle spielt die Prozessoptimierung derzeit? Und:Wer profitiert derzeit am meisten vom Boom im Anlagenbau? Diese und weitere Fragen zu Trends im Anlagenbau haben wir 1200 Betreibern gestellt.

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Soviel gleich vorweg: Die Optimierung von Produktionsprozessen ist derzeit das beherrschende Thema in Chemie- und Pharmaindustrie. Zu diesem Ergebnis kommt eine breit angelegte Umfrage der Redaktion unter 1200 Entscheidern in der Chemie- und Pharmaindustrie. Wir hatten im Juli schriftlich Manager, Betriebs- und Herstellungsleiter sowie Ingenieure, Planer und Verfahrensentwickler um Ihre Einschätzung zu Trends in Anlagenprojekten und der Bedeutung des Themas Operational Excellence gebeten. Mit dem Ergebnis: Unter den 62 Antwortenden herrscht die einhellige Überzeugung, dass Aspekte der Prozessoptimierung zukünftig stärker in Anlagen-Planungsprozesse Einzug halten müssen.

65% der Teilnehmer gaben an, dass die Optimierung von Produktionsprozessen in ihrem Unternehmen derzeit stark im Fokus stehen, 33% bejahen dies teilweise und lediglich 2% verneinen diese Aussage. Und dies hat Konsequenzen: Bei 67% der Umfrage-Teilnehmer gibt es derzeit konkret benannte Projekte zur Prozessoptimierung, die Gründe dafür sind vor allem das Sichern und Steigern der Qualität und Kostensenkungen.

Planung ist wichtiger Hebel zur Optimierung

Bei den Konzepten, die zur Optimierung angewandt werden, steht insbesondere das kontinuierliche Verbessern (KVP) hoch im Kurs (50%). Je ein Viertel gab an, mit den Methoden Prozesssimulation, TPM, Kaizen und Six Sigma zu arbeiten. Dagegen sind Front Loading, Lean Six Sigma oder die Wertstromanalyse weniger bekannt. Einerseits lässt sich daraus folgern, dass für die Prozessbetreiber noch eine große Palette an Optimierungswerkzeugen zur Verfügung steht, die im Ergebnis auch eine Differenzierung vom Wettbewerb erlaubt. Gleichzeitig bedeutet dies allerding auch ein interessantes Betätigungsfeld für Berater und Schulungsanbieter.

Bei den Antworten auf die Frage, wie hoch das Erfolgspotenzial von Maßnahmen zur Prozessoptimierung eingeschätzt wird, steht die Schulung der Mitarbeiter an erster Stelle, direkt gefolgt vom Basic Engineering. D.h. ob Betreiber oder Planer – die Erkenntnis, dass bei der frühen Festlegung der Prozessparameter ein großer Hebel zur Senkung der späteren Betriebskosten vorhanden ist, scheint auf breiter Front vorhanden zu sein. Ein Aspekt, der insbesondere für die Kontraktoren im Anlagenbau von großer Bedeutung ist, da diese die Chance haben, sich durch entsprechende Kompetenzen bei der Auftragsvergabe ins richtige Licht zu setzen.
Bestätigt wird diese Feststellung auch durch das Ranking weiterer abgefragter Maßnahmen: Dass das Detail Engineering deutlich weniger Bedeutung hat, ist folgerichtig. Allerdings erstaunen zwei Ergebnisse: Einerseits gab ein Drittel der Befragen an, dass IT-Tools zur Produktionsoptimierung eher unwichtig sind, und auch der Automatisierung messen 19% der Teilnehmer weniger Bedeutung zu, lediglich 29% halten Automatisierungsmaßnahmen für sehr wichtig. Dies ist vor allem deshalb erstaunlich, da das Thema Operational Excellence in den vergangenen Jahren vor allem von Systemintegratoren und Lieferanten der Automatisierung stark in die Öffentlichkeit getragen wurde (siehe dazu auch das Interview mit Dr. Norbert Kuschnerus, Bayer Technology Services und Namur-Vorstand auf Seite 18).

Lieferanten sind die Gewinner

Und last but not least wollten wir wissen, wie sich angesichts eines in der Geschichte bislang beispiellosen Booms im Anlagenbau die Rollenverteilung zwischen Betreibern als Auftraggeber, Kontraktoren und Lieferanten von Anlagenkomponenten verändert hat. Und das Ergebnis dürfte kaum verwundern: Betreiber als Auftraggeber sind in diesem Feld heute in einer deutlich schwächeren Position als noch vor fünf Jahren. Die Situation und Rolle der Lieferanten hat sich dagegen in den letzten Jahren deutlich verbessert. Aber auch die Anlagenplaner haben in diesem Dreieck an Gewicht gewonnen und sind in der Lage, weniger lukrative Aufträge abzulehnen oder Vertragskonditionen zu ihren Gunsten zu gestalten.

Ob sich die Risikoverteilung durch die gute Auslastung im Anlagenbau jedoch nachhaltig verändert hat, ist dagegen weniger eindeutig: 35% stimmen dieser Sichtweise zu, 23% teilen diese Einschätzung nicht und 42% halten diese Ansicht teilweise für zutreffend. Eindeutig ist dagegen, dass die termingerechte Beschaffung von Anlagenkomponenten heute oft schwierig ist. Und da zahlreiche Projekte bereits entschieden und angestoßen sind und sich deren Laufzeit zumTeil auf bis zu vier Jahre erstrecken wird, gibt es wenig Hoffnung, dass sich diese Situation in absehbarer Zeit nachhaltig bessern wird. Und noch ein weiteres Ergebnis stützt diese Bewertung: Ein Gutteil der Befragten würde mehr Anlagenprojekte durchführen, findet aber nicht genügend Fachpersonal.

Fazit: Die Optimierung von Produktionsprozessen ist derzeit für die meisten Chemie- und Pharmaunternehmen ein wichtiges Thema. Dazu werden unterschiedliche Konzepte angewandt und auch neue Methoden bieten noch Chancen. Betreibern und Planern ist klar, dass Aspekte der Prozessoptimierung zukünftig stärker bereits in die Planungsphase von Anlagenprojekten Einzug halten müssen. Und: Durch die hohe Auslastung im Anlagenbau sind Betreiber heute in einer schwächeren Position als noch vor fünf Jahren, wogegen sich Kontraktoren und vor allem die Lieferanten von Anlagenkomponenten gestärkt sehen.

Schulung der Mitarbeiter wird als Schlüssel zur Prozessoptimierung gesehen

Heftausgabe: Sonderausgabe Prozessautomatisierung 2008

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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