Megaprojekte unter der Lupe: Shell vergibt Auftrag für schwimmende Gas-Raffinerie

Das Gas-Schiff

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28.06.2011 Es wird das Anlagenbau-Projekt des Jahrzehnts: Shell hat ein koreanisch-französisches Anlagenbaukonsortium (Samsung Engineering/Technip) beauftragt, das größte Schiff der Welt zu bauen. Es handelt sich um eine schwimmende Erdgas-Raffinerie, mit der ab 2017 das Prelude-Gasfeld vor der Küste Australiens ausgebeutet werden soll.

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Vier Fußballfelder lang und mit 600.000 Tonnen gleich sechs Mal so schwer wie der größte Flugzeugträger – die von Shell Mitte Mai beauftragte schwimmende Gasraffinerie wird das größte Schiff sein, das jemals auf Kiel gelegt wurde. Der Ölkonzern setzt damit massiv auf den wachsenden Markt für flüssiges Erdgas (LNG) und die Ausbeutung von Tiefsee-Gasfeldern. Trotz der massiven Investition – es werden über 8 Mrd. Euro sein – ist das Schiff günstiger als der Bau einer Pipeline. Und auch das ist ein Superlativ: Die schwimmende Raffinerie soll 2017 rund 200 km vor der Nordwestküste Australiens vor Anker gehen und dort 25 Jahre lang bleiben, um das erst 2007 entdeckte Prelude-Gasfeld auszubeuten.

„Unsere Technologie FLNG (Floating Liquified Natural Gas, d. R.) wird uns erlauben, Offshore-Gasfelder auszubeuten, deren Entwicklung sonst zu teuer wäre“, sagte Malcolm Brinded, bei Shell Executive Director, International Upstream: „Unsere Entscheidung, mit diesem Projekt voraus zu gehen, ist ein echter Durchbruch für die LNG-Industrie und liefert einen wichtigen Impuls für die weltweit wachsende Nachfrage nach sauberen Brennstoffen. Die FLNG Technologie ist eine spannende Innovation, die zur Beschleunigung der Entwicklung von Gas-Ressourcen führen wird.“ Die Anlage soll schwersten Wirbelstürme der Kategorie 5 Stand halten. Das Flüssiggas soll von Hochsee-LNG-Tankern aufgenommen werden. Zuvor wird das Erdgas in der schwimmenden Raffinerie auf -162 °C gekühlt, wobei sein Volumen um das 600-fache sinkt. Bisher geschieht dies bei der Gewinnung von Offshore-Gas mit Hilfe von Verdichterstationen, die sich an Land befinden.

EPC-Kontrakt für „Durchbruch in der Energiewirtschaft“

Der EPC-Kontrakt ging an das Technip Samsung Konsortium (TSC), die Ausführungsplanung soll vom TSC-Rechenzentren der Technip in Paris, Frankreich, und Kuala Lumpur, Malaysia, durchgeführt werden. Gebaut wird das Schiff auf der Samsung Heavy Industries Werft (SHI) in Geoje, Südkorea. Thierry Pilenko, Chairman und CEO von Technip, kommentierte: „Dieses Großprojekt ist ein echter Durchbruch für die Energiewirtschaft und eine wahre Revolution für die Offshore-Entwicklung von Erdgasfeldern. Im Rahmen unserer langfristigen Beziehung mit Shell und Samsung Heavy Industries, hoffen wir, dass dieses Projekt das erste von vielen sein wird.“

Das Prelude-Gasfeld wird auf eineKapazität von 3.000 Mrd. Kubikfuß geschätzt. Die künftige Tagesproduktion soll 110.000 Barrel Öl-Äquivalent pro Tag betragen. Jährlich sollen dann 5,3Mio. t. Flüssigkeiten gewonnen werden: 3,6 Mio t. LNG, 1,3 Mio. t Kondensat und 0,4 Mio. t LPG. Shell-Managerin Ann Pickard schätzt, dass sich durch das Projekt der Gasmarkt deutlich verändern wird: „Die Spielregeln in der Energiewirtschaft werden sich verändern. Wir werden diese Technologie erstmals in australischen Gewässern einsetzen und damit der ohnehin schon lebhaften australischen Gasindustrie eine neue Dimension hinzuzufügen.“
Brinded ergänzt: „Unser Ziel ist es, weltweit noch mehr FLNG-Projekte zu entwickeln. Unser Design passt für eine ganze Reihe von Gasfeldern, und unsere strategische Partnerschaft mit Technip und Samsung sollte es uns ermöglichen, zukünftige Projekte schneller zu entwickeln.“ Der Konzern sieht auch an anderen Orten der Welt Chancen für FLNG-Projekte. Das Prelude-FLNG Projekt wird das erste australische Upstream-Projekt, in dem Shell als Betreiber auftritt. Australien ist für den Öl- und Gaskonzern einer der wichtigsten Wachstumsmärkte, und das Unternehmen plant dort in den kommenden fünf Jahren Upstream-Investitionen in Höhe von mehr als 30 Mrd. US-Dollar. Shell plant weltweit rund 30 neue Upstream-Projekte.

Analogien zur Linde-„Barge“

Das Projekt erinnert an die 2005 vom deutschen Anlagenbauer Linde gebaute schwimmende Erdgasanlage, die im spanischen Cadiz gebaut und von einem Schleppschiff zur Insel Melkøya vor dem norwegischen Hammerfest gebracht wurde. Allerdings ist diese Barge mit einem Gesamtgewicht von etwa 35.000 t fast 20 Mal kleiner als das von Shell geplante Schiff.

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Heftausgabe: Juli 2011

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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