Feine Zeiten?

Die deutsche Chemie zieht Halbjahres-Bilanz

10.08.2016 Im Vergleich zu den Ölkonzernen, deren Einnahmen in den vergangenen Monaten um 50 und mehr Prozent eingebrochen sind, lesen sich die Zahlen für das 2. Quartal 2016, die deutsche Chemieunternehmen Ende Juli veröffentlicht haben, eigentlich gar nicht so schlecht.

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August 2016

VCI-Präsident Marjin Dekkers sieht die Politik im Zugzwang, der Chemie neue Impulse zu geben.

Aber eben schlecht genug,  sodass der Branchenverband VCI sogleich Alarm schlug und bessere Rahmenbedingungen für seine Mitglieder forderte. Unter anderem verbuchte das größte Chemieunternehmen der Welt, die BASF, für das vergangene Quartal ein auf 1, 7 Mrd. Euro gesunkenes Ebitda (-336 Mio. im Vergleich zum Vorjahr). Nach Segmenten aufgeteilt, verlor der Konzern im Chemiegeschäft alleine rund 17 % an Umsatz. Das Geschäft mit Öl und Gas verhagelte dem Ludwigshafener Chemieriesen mit 83 % Verlust dann endgültig die Bilanz.

Der Gesetzgeber als Innovationsbremse

Auf die gesamte deutsche Chemie bezogen stagnierte die Produktion in diesem Jahr bisher; der Umsatz sank sogar um 3,5 %. Für das Gesamtjahr erwartet der Verband der Chemischen Industrie allerdings dann wieder eine leichte Erholung und einen letztendlichen Umsatzrückgang von 1,5 % bei einem Produktionsplus von 0,5 %. Laut VCI-Präsident Marjin Dekkers fehlen der Chemie derzeit schlicht „positive Impulse – wirtschaftlich wie politisch.“ Unsicherheiten, hervorgerufen unter anderem durch die beschlossene, aber bisher nicht endgültig geklärte Energiewende, erzeugten Zurückhaltung bei Investitionen, die sich dahingehend äußern, dass deutsche Chemieunternehmen mit 8,6 Mrd. Euro rund 1,5 Mrd. mehr ins Ausland als heimische Projekte steckten. Abgesehen davon gibt es laut Dekkers hierzulande zu hohe bürokratische Hürden und Regulierungen und gleichzeitig fehlende steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung – an der falschen Stelle zu viel Staat, an der anderen zu wenig also. Als Lösungsvorschlag präsentierte Dekkers einen sogenannten „Innovation-Check“, der künftig Gesetze vor ihrer Verabschiedung auf Innovations- und Verbraucherfreundlichkeit hin untersuchen soll.

Die Chemie ist tot – es lebe die Spezialchemie

Kann das die Lösung sein, oder versucht die Branche am Ende nur eine Entwicklung in die Zukunft zu verschieben, die im Grunde seit vielen Jahren Konsens ist? Denn bei Betrachtung der Zahlen ist die Laufrichtung recht eindeutig: Die deutsche Chemie verliert Jahr für Jahr im klassischen Petrochemie-Geschäft, hat aber gleichzeitig konstant Zuwächse in den Bereichen Pharma und Feinchemie. Als aktuelles Beispiel sei hier Bayer genannt: Deren Vorstandsvorsitzender Wegmann konnte für das 2. Quartal 2016 nicht nur Positives bei Umsatz und Gewinn verlautbaren – sondern hob die bisherige Umsatz-Prognose für das Gesamtjahr noch einmal um 1 Mrd. auf jetzt 47 Mrd. Euro an. Und auch der nähere Blick auf die Ergebnisse der BASF bestätigen das Bild: Verheerende Verluste bei Oil & Gas. Ein um 342 Mio. Euro gesunkenes Ebit im Bereich Chemicals. Dafür stieg das Ebit im Bereich Performance Products um 231 Mio. auf 1,1 Mrd. Euro. Ähnlich sieht das Bild bei Functional Materials & Solutions aus; hier legte das Ebit um 102 Mio. auf jetzt 991 Mio. Euro zu.

Die Schweiz als Vorbild?

Das 2. Quartal 2016 ist kein singuläres Ereignis, sondern fügt sich nahtlos in eine seit vielen Jahren laufende Entwicklung: Deutsche Unternehmen wachsen in der Tiefe der Wertschöpfungskette, beim Geschäft mit den Basischemikalien verlieren sie. Grund hierfür sind allerdings weniger Bürokratie und mangelnde Förderung, sondern die Tatsache dass die klassischen Förderländer immer mehr dazu übergehen, vor Ort Chemiekomplexe zu errichten und damit zumindest die vorderen Teile der Wertschöpfungskette ins eigene Land holen. Durch das hierdurch entstehende Überangebot, das sich durch die schwächelnde Weltwirtschaft noch zusätzlich verschärfte, leidet nicht nur, aber eben auch Deutschland. Dieses Überangebot wird voraussichtlich kein temporäres Problem bleiben, da beispielsweise mit dem Iran ein weiterer großer Basischemikalien-Hersteller in den Startlöchern steckt. Eine Zukunftsvision für die Chemie zwischen Rhein und Oder könnte dann vielleicht das Schweizer Modell sein: Die Eidgenossen setzen seit jeher auf die Schwerpunkte Pharma und Feinchemie. Und fahren damit nicht schlecht.

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Heftausgabe: August 2016

Über den Autor

Philip Bittermann, Redaktion
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