Anlagenbau-Träume aus tausend und einer Nacht

Die Öffnung des Irans und seine möglichen Folgen

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03.09.2015 Es dauerte nur wenige Minuten, dann reagierte der Weltmarkt auf die Mitteilung über eine Einigung mit dem Iran in der Atomfrage. Der Preis für das Barrel Öl der Nordsee-Sorte Brent kostete zeitweise weniger als 57 US-Dollar, die Sorte WTI fiel sogar auf 50,5 US-Dollar, was einem Verfall um drei Prozent entspricht. Der Grund: Der Iran verfügt – nach Schätzungen – über die viertgrößten Ölreserven der Welt; seine Gaslagerstätten sollen sogar nur noch von denen Russlands übertroffen werden.

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Entscheider-Facts Für Anlagenbauer

  • Durch die verhängten Sanktionen entstand im Iran ein Investitionsstau, den das Land nun alsbald abarbeiten möchte. Im Gegenzug zur Vergabe von Aufträgen erwartet die Regierung allerdings Investitionen.
  • Vor allem im Petrobereich ist der Leidensdruck des Irans groß, da die stark gefallenen Preise eine verbesserte Wertschöpfungstiefe nötig machen.
  • Hierdurch droht der ohnehin an Basischemikalien übersättigte Markt noch einmal belastet zu werden. Für deutsche Unternehmen könnte dies aber von Vorteil sein, da diese sich ohnehin zur Spezialchemie entwickeln.

Die Befürchtung von Analysten lautete nun, dass ein Iran mit Zugang zum Weltmarkt wieder mehr Öl und Gas fördern und verkaufen, und damit das aktuelle Überangebot an diesen Rohstoffen noch einmal verschärfen könnte. Die europäische Politik hingegen sieht einen Gas exportierenden Iran positiv, würde er es der Union doch ermöglichen, die aktuelle Abhängigkeit von Russland zumindest etwas abzuschwächen. Zum aktuellen Zeitpunkt sind das aber eher akademische Überlegungen, denn bevor etwas in dieser Richtung Realität annehmen könnte, muss der Iran erst einmal in seine veraltete und hierdurch ineffiziente Infrastruktur investieren. Es ist die Stunde der Anlagenbauer.

Spiel um Milliarden
Rund 80 Mrd. US-Dollar will das alte Persien in den nächsten zehn Jahren in petrochemische Projekte investieren – so die Aussage von Bijan Zangeneh, dem iranischen Öl-Minister, als eine deutsche Delegation, angeführt von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, ihren Antrittsbesuch nach erfolgreich beendeten Nuklearverhandlungen im Juli in Teheran antrat. Die National Iranian Petrochemical Company hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 100 Projekte definiert, die sie alsbald angehen möchte und an deren Ende ein jährlicher Ausstoß von petrochemischen Produkten in einer Menge von 120 Mio. t/a stehen soll. Darunter befinden sich alleine fünf Worldscale-Cracker, die insgesamt jährlich 5,3 Mio. t Ethylen und größere Mengen verschiedener Polymere produzieren sollen. Alleine 10 Mrd. US-Dollar an Investitionen seien nötig, um Gas Richtung Europa transportieren zu können. Bei solchen Aussagen kommt der globale Anlagenbau natürlich ins Schwärmen, und so sehen die meisten Branchenvertreter vor ihrem geistigen Auge bereits auf einem großen Stück dieser Investitionstorte ihren Namen stehen. Dass dies dann auch deutsche Namen sein werden, steht zu diesem Zeitpunkt allerdings keineswegs fest, denn die Projekte stehen und fallen natürlich mit ihrer Finanzierung – und an dieser Stelle erwartet der Iran Unterstützung seitens deutscher Unternehmen. Und baut auch sogleich Druck auf: Man wolle auch mit anderen Ländern sprechen.

Geopolitik entscheidet mit
Frankreich beispielsweise schickte bereits Anfang 2014, als das Genfer Interimsabkommen geschlossen war, eine 116-köpfige Delegation nach Teheran; darunter auch Vertreter von Total. Und nicht zuletzt China habe in Form des Mineralölunternehmens Sinopec ebenfalls bereits Interesse an Investitionen bekundet. Es droht sich also ein regelrechtes Wettrennen um die besten Startplätze zu entwickeln, bei der chinesische Unternehmen am Ende die Nase vorn haben könnten; stehen sie doch im Ruf, notfalls finanzielle Unterstützung des Staates zu erhalten, wann immer nationale Interessen groß genug sind. Und den Iran als Partner zu gewinnen, könnte eben ein solches Interesse darstellen. Im Rennen um die Gunst der Iraner sollte man die Rechnung auch nicht ohne die bevölkerungsreichste Demokratie der Welt machen: Indien würde gerne eine Hafen-Infrastruktur an der Küste Irans errichten, mit der sich das dortige Erdgas verschiffen lässt. Hierdurch erhofft sich das Land günstige Energie und nicht zuletzt auch mehr Unabhängigkeit von China und Pakistan, die Indiens Zugang zum energiereichen Russland kontrollieren. Der Iran wiederum erhofft sich Milliarden-Investitionen, mit denen er neben Schiffshäfen auch die Infrastruktur in Form von Schienennetz und Flughäfen ausbauen will.

Heftausgabe: September 2015
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Über den Autor

Philip Bittermann, Redaktion
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