Wie die Dummheit in Meetings entsteht

Die „Schwarmintelligenz“ scheitert am grauen Unternehmensalltag

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05.05.2015 Überall gibt es Loblieder über die sogenannte Schwarmintelligenz. Die Idee, dass man im Team viel mehr erreichen kann als ein Einzelner, ist verbreitet. Man spricht seit vielen Jahren von der Summe, die angeblich größer ist als ihre Teile.

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Entscheider-Facts Für Manager


  • Die sogenannte „Schwarmintelligenz" scheitert am grauen Unternehmensalltag. Die Teammitglieder sind keine Schicksalgenossen; sie sind auch nicht zusammengeschweißt, sondern durch individuelle Ziele und Incentives getrennt.
  • Das Unternehmen gibt allen Managern und Mitarbeitern absolut viel zu ehrgeizige Ziele, weil es fürchtet, die Ziele aus Versehen zu tief anzusetzen - das wäre eine so sehr vertane Chance.
  • Die Dummheit ist nicht in den einzelnen Menschen, sondern im Meeting selbst - schwarmdumm eben.
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Mai 2015

Bild: © kikkerdirk – Fotolia.com

Man studiert die ideale Teamzusammensetzung verschiedener Charaktere (Macher, Denker, Kreativer, Erbsenzähler etc.) und glaubt fest an die planmäßige Erschaffung von „High-Performance-Teams“, die ein Vielfaches der heutigen müden Haufen erreichen können.

Auf die Teamzusammensetzung achten
Natürlich gibt es ein paar harmlose Annahmen, wann ein All-Star-Team gut funktioniert:

  • Man sollte vielleicht mit einem Team aus guten Machern, Denkern, Verkäufern etc. beginnen, denn es sieht ziemlich trostlos aus.
  • Es ist wichtig, dass die Teammitglieder ihre Zusammenarbeit als gemeinsames Schicksal („shared fate“) empfinden; sie müssen für dasselbe Ziel brennen.
  • Das „Winning Team“ sollte in seiner Zusammensetzung über längere Zeit in etwa gleich bleiben, damit man blind vertrauend zuverlässig zusammengeschweißt glänzend arbeiten kann.

So, nun los! In den großen Unternehmen wird dies alles von Beratern gepredigt. Okay, nun wird das erste Mal praktisch probiert, ein Hochleistungsteam zu etablieren. Leider sind die tollen Leute, die man auswählt, gerade unabkömmlich, weil man sie nicht aus ihrem gerade absolut entscheidenden Projekt loseisen kann. Das versichern deren direkte Vorgesetzte, die bei dem befürchteten Weggang eines Teamstars fürchten, sich eine Katastrophe einzufangen. Na gut, man probiert es mit mittelmäßigen Leuten, die werden ja durch die Schwarmintelligenz bestimmt besser. Durch Incentive-Ziele, sollen sie angestachelt werden und auch gegenseitig im Wettbewerb stehen („Im Team gibt es Performance-Noten. Einer von euch zehn bekommt eine satte Gehaltserhöhung, sechs eine normale, drei sind Low Performer.“). NUN ist es mit dem „shared fate“ vorbei, aber Incentives sind immer für irre Leistungssteigerungen gut, sonst gäbe es ja keine Boni. Natürlich arbeitet das Team dann einmal zur Probe vier Wochen an einem Kundenprojekt zusammen, um dann wieder neu eingeteilt zu werden…

Ziele nicht zu hoch stecken
Ich will sagen: Das mit der Schwarmintelligenz wird nichts, es scheitert am grauen Unternehmensalltag. Da sitzen keine Schicksalsgenossen zusammen! Sie sind auch nicht zusammengeschweißt, sondern durch individuelle Ziele und Incentives getrennt („dafür werde ich schließlich nicht bezahlt“).

Der Nährboden für Dummheit ist damit bereitet. Das Unternehmen gibt allen Managern und Mitarbeitern absolut viel zu ehrgeizige Ziele, weil es fürchtet, die Ziele aus Versehen zu tief anzusetzen – das wäre eine so sehr vertane Chance! Nun rödeln alle im Hamsterrad, laufen Extrameilen in Überstunden, hecheln Deadlines hinterher und sehen nun erschrocken, dass andere sie mit anderer Zielsetzung stören, behindern, ignorieren. Sie alle helfen sich nicht mehr gegenseitig, weil sie nicht Sozialarbeiter sind, sondern High Performance Singles sein müssen – so will es der Chef.

Es kommt zu Konflikten, die sich aus den divergenten Zielen ganz natürlich ergeben. Es hagelt Ärger, wenn Kollegen ihren Teil der Arbeit nicht termingerecht schaffen und sich mit „unter Wasser“ rechtfertigen. Jeder fühlt sich wie ein heiliger Krieger, der sich zerreißt, aber durch nicht mitziehende, angeblich überlastete Feierabendkenner behindert und gestoppt fühlt.

Weil unter extremer Zeitnot nichts klappen will, setzt man sich zu Meetings zusammen, in denen die Konflikte besprochen werden und die Ziele harmonisiert werden sollen – wenigstens verbal oder appellativ. Der nicht vorhandene Teamgeist wird feierlich beschworen, bis manche glauben, er sei nun tatsächlich im Raum. Nun werden alle anderen im Meeting erfolglos aufgefordert, dem Teamgeist zu huldigen. So tauschen sie alle ihre Meinungen aus, können sich nicht einigen und beschließen, die Kommunikation durch das Abhalten von weiteren regelmäßigeren Meetings zu verbessern. „Wir müssen uns proaktiv treffen, auch wenn noch kein Kind im Brunnen ertrinkt.“

Meetings: Nährboden für kollektive Dummheit
Leider hat niemand Zeit, Meetings zu besuchen, wo es um nichts geht, alle sind zu sehr „event driven getriggert“. Ohne dritte Deadline im Nacken – erst dann ist etwas ernst gemeint! – rührt keiner den Finger. Keine Zeit! Nie mehr! „Komme gleich wieder, renne gerade die Extrameile. Ich mag Menschen nicht, die noch keine Burnout-Symptome zeigen!“

Ich habe in einer solchen Lage öfter einmal angekündigt, ein Buch über die Entstehung von Dummheit in Meetings zu schreiben. Fast ausnahmslos reagieren die Anwesenden auf diese Absicht mit einem besonderen hellen Lachen. Es ist das hysterische „Sich-Luft-Lachen“ in einer verzweifelten Situation. Alle wissen, dass in Meetings Dummheit entsteht, wenn lauter Intelligente mit divergenten Zielen in bedrohender Zeitnot die jeweils anderen bereden wollen, ihnen zu helfen! Jeder will von den anderen Hilfe, jetzt sofort. Und da dauert so ein Meeting seine Zeit, bis alles von jedem gesagt ist. Die Zeitnot steigt, man einigt sich nicht und vereinbart weitere Meetings. Die Zeitnot…

Die Dummheit ist nicht in den einzelnen Menschen, sondern im Meeting selbst, nicht wahr? Und die Meetings breiten sich aus wie Metastasen, jedes Meeting erzeugt mehrere andere. Man glaubt, die Überlastprobleme durch zusätzliche Kommunikation heilen zu können und schaudert: „In dem Meeting zur Verbesserung der Kommunikation tippen alle wie wild auf den Laptops und Smartphones herum. Sie scheinen die Kommunikation zu verachten. Wir müssen sie zusätzlich in Kommunikation schulen, wir sollten in Mehrtageskurse investieren, sonst schaffen sie ihre „stretch targets“ und „must make goals“ nicht.“

Buchtipp
Gunter Dueck: Schwarmdumm – So blöd sind wir nur gemeinsam
Campus Verlag 2015. Gebunden, 328 Seiten, 24,99 Euro. ISBN 978-3-593-50217-5
Gunter Dueck: „Dieses Buch enthält mein Leiden in so vielen Meetings in so vielen Unternehmen und die Inhalte von Kongressreden, wie gut alles sowieso ist und wie es durch einen kleinen Trick, den man kaufen kann, sofort noch besser wird. Manchmal dachte ich, es wird langsam irre. Dann begann eine neue Welle, nun statt Team (was irgendwie nicht klappt) die sogenannte Schwarmintelligenz in den Himmel zu heben. Dazu musste ich einfach etwas sagen! So ist es doch nicht! In den Meetings entsteht Dummheit fast nach Ansage!“

Heftausgabe: Mai 2015
Günther Dueck, Buchautor

Über den Autor

Günther Dueck, Buchautor

Gunter Dueck, Buchautor

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