Die Chemie zerlegt sich selbst

Dow spaltet Chlor-Sparte ab

29.04.2015 Es war wohl der Druck der Investoren, der Dow-CEO Andrew Liveris jetzt zu der Entscheidung trieb, die Chlor-Sparte des Unternehmens abzustoßen. Diese fusioniert der Chemieriese nun mit seinem Konkurrenten Olin und will mit der Transaktion insgesamt  5 Mrd. USD in den eigenen Büchern gutschreiben.

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Mai 2015

Immer mehr Großkonzerne spalten Geschäfts- einheiten ab. Bild: © TTstudio – Fotolia.com

Damit steigt Olin mit einem Schlag zum Branchenführer auf, dessen jährlicher Umsatz 7 Mrd. USD betragen wird; die zu erwartenden Kostensenkungen durch die Fusion sollen sich innerhalb der kommenden drei Jahre auf mehr als 200 Mio. USD belaufen. Wirklich überraschend ist die nun veröffentlichte Meldung zur Abspaltung dabei eigentlich nicht, bereits im Juni 2014 wurde erstmalig über das Abstoßen von Geschäftsteilen spekuliert. Grund damals war die Veröffentlichung aktueller Geschäftszahlen, die einen Gewinneinbruch zum Vorjahr von nicht weniger als 62 Prozent offenbarten. Neben den Chlorprodukten standen damals auch die Epoxid-Harze in der Diskussion; ein Großinvestor forderte gar den Verkauf der Petrochemie-Aktivitäten. Die Börsianer begrüßten die nun offiziell gemachte Entscheidung auf jeden Fall, die Dow-Aktie legte kurzfristig mehr als sieben Prozent zu.

Vom Multi zum Mono
In der Meldung steckt allerdings mehr als nur der Verkauf einer einzelnen Unternehmenssparte, vielmehr ist sie bezeichnend für einen Trend, der sich in den vergangenen Monaten abzeichnet: Unter dem Banner der Unternehmens-Fokussierung stoßen Großkonzerne immer wieder Teile ab, die hinter den Erwartungen zurückbleiben. Das Beispiel Bayer hatte hier sicherlich mit die größten Wellen geschlagen. Der Konzern gab im September 2014 bekannt, seine Kunststoffsparte, Bayer Material Science, an die Börse bringen und sich in der Folge auf seine Pharma- und Pflanzenschutzprodukte konzentrieren zu wollen. Grund war hier die Tatsache, dass das Kunststoffgeschäft im Vergleich zu den Life-Science-Sparten des Konzerns ein zu geringes Wachstum aufwies. Und auch Dupont verfuhr im Januar dieses Jahres auf gleiche Weise, als dessen Teflon-Sparte schrumpfende Umsätze für 2014 meldete. Ebenso Wacker: Da sich die Halbleitersparte des Chemiekonzerns aus München zur Belastung auf das Unternehmensergebnis entwickelt, beschloss die Konzernleitung Anfang März 2015 diesen Bereich abzugeben. Das alles wirkt sich natürlich im ersten Moment positiv auf die Bilanz der Unternehmen aus, birgt aber auch Risiken. Denn anders als in der Vergangenheit fällt es den Konzernen mit ihren Verschlankungskuren immer schwerer, die Krise in der einen Branche durch Aufwind in einer anderen auszugleichen.

Spezialist vs. Allrounder
Entgegen diesem allgemeinen Hang zur Beschränkung auf einzelne Geschäftsfelder bleibt (zumindest bis zum jetzigen Zeitpunkt) die BASF mit ihrer Tochter Wintershall beispielsweise breiter aufgestellt gegenüber etwaigen Marktschwankungen: Vollführt beispielsweise der Ölpreis Höhenflüge, schlägt die Stunde des Öl- und Gasproduzenten Wintershall. Sinkt er, wie es gerade der Fall ist, freut sich die Mutter in Ludwigshafen, kann sie doch durch ihre tiefe Wertschöpfung die eigenen Margen verbessern. So oder so: Der Konzern schreibt schwarze Zahlen.

Kommentar
Denn sie wissen, was sie tun?

Ist die beschriebene Entwicklung nun wirtschaftlich sinnvoll oder nur kurzfristige Schönung von Quartalszahlen, um Aktionären und vor allem einzelnen Großinvestoren die Rendite zu versüßen? Sich via Monokultur auf einzelne, gerade gut laufende Segmente zu konzentrieren, mag den verführen, der nicht weiter denkt als der Jahreskalender Tage hat. Aber Märkte ändern sich, manchmal sogar binnen weniger Monate ganz radikal – der Ölpreis lässt grüßen.  An der Börse gilt die Regel, dass auch die besten Spekulanten über die Zeit nur selten den Markt schlagen. Ob die Konzernlenker mit ihren Entscheidungen ein glücklicheres Händchen beweisen werden? Top3615

Hier finden Sie die korrespondierenden Meldungen zu Dow, Wacker, Dupont und Bayer.

Heftausgabe: Mai 2015

Über den Autor

Philip Bittermann, Redaktion
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