Wissen toppt Technik

Ehemaliger GMA-Kongress erfolgreich neu ausgerichtet

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23.06.2008 Mehr Praxisnähe haben die Veranstalter der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik dem nun unter „Automation“ firmierenden ehemaligen GMA-Kongress ins Stammbuch geschrieben. Mit Erfolg: Rund 360 Teilnehmer trafen sich im Juni in Baden-Baden zum Wissens- und Erfahrungsaustausch zu Themen der Fertigungs- und Prozessautomation. Die CT-Redaktion war vor Ort.

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Was der Kunde nicht versteht, kauft er nicht“, mit dieser markigen These unterstrich Dr. Eberhard Veit, Vorstandsvorsitzender bei Festo, die Bedeutung des Know-hows als einem der wichtigsten Trends in der Automation. Anhand einer Umfrage unter 58 Mitgliedern der Verbände VDMA- und ZVEI verdeutlichte Veit in seinem Eröffnungsvortrag zum Kongress Automation 2008 die Bedeutung der Einflussgrößen Know-how und Technik: Während das Potenzial der Fertigungs- und Produktionstechniken zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit abnimmt, rechnen die Befragten damit, dass die Faktoren „Mensch, Wissen und Weiterbildung“ in Zukunft wesentlich an Einfluss gewinnen werden. „Diese Faktoren sind der wichtigste Rohstoff von Deutschland“, ist sich Veit sicher.

Und das Thema zog sich wie ein roter Faden durch den Kongress, der künftig im jährlichen Rhythmus stattfinden soll. Dienstleister und Anbieter von Automatisierungstechnik übernehmen mehr und mehr Aufgaben, die früher zum Tagesgeschäft von Planern, Fachabteilungen und Ingenieuren auf der Anwenderseite gehörten. Und das fordert den Technikanbietern zunehmend System- und Prozesswissen ab: Sei es die Detektion von Mehrphasenströmen mit Durchflussmessgeräten, der Einsatz neuer Regelstrategien zur Optimierung von Destillationskolonnen, die Beratung der Betreiber zum Thema Funktionale Sicherheit / SIL oder Konzepte zum Condition Monitoring und Asset Management.

Clevere Planung kann Diagnose-Overkill ersetzen

Und häufig wurde in den Vorträgen und den sich anschließenden kurzen Fragerunden deutlich, dass die Technik nicht die wichtigste Rolle spielt: Das beste Verfahren zur Selbstüberwachung eines Sensors auf Einbaufehler und Störungen der Messung wird absurd, wenn der Planer oder Betreiber für die Anwendung das falsche Messprinzip auswählt und dessen Betriebssicherheit durch einen diagnosetechnischen Overkill sicherzustellen versucht.

Klar wurde aber auch, dass die im Prozess vorhandenen Informationen bislang kaum genutzt werden. So wurden inzwischen schätzungsweise 22 Millionen Feldgeräte verkauft, die neben Mess- und Regelgrößen auf Basis 4…20 mA auch Status- und Diagnoseinformationen via Hart-Protokoll übertragen können. Doch lediglich 10 % dieser Funktionen werden in der Praxis genutzt. Ein Potenzial, das durch den Einsatz von drahtloser Funkkommunikation gehoben werden soll – wie in diversen Vorträgen zum Thema „Wireless-Technologie“ zu hören war.

Automatisierung automatisieren

Die datentechnische Integration und Durchgängigkeit von Informationen war ein weiterer Schwerpunkt des Kongresses. Dabei geht es unter anderem um die Vision, das Engineering von Automatisierungssystemen in der Verfahrenstechnik weitgehend zu automatisieren. Welche Problempunkte dazu bei der Beschreibung des zu Grunde liegenden Rohrleitungs- und Instrumentierungsschemas (R&I-Fließbild) bestehen, verdeutlichte Stefan Schmitz von der RWTH Aachen. Bislang fehlt ein einheitliches Datenmodell, um die im R&I „gezeichneten“ Elemente so exakt zu beschreiben, dass diese Informationen später automatisch, beispielsweise zum Konfigurieren der leittechnischen Anwendungen genutzt werden können. Werkzeuge, wie das Austauschformat CAEX sind zwar vorhanden, allerdings ist noch der steinige Weg des Festlegens und Normierens von Standards für die Interpretation von Fließbildern zu beschreiten.

Wie groß der praktische Nutzen integrierter Systeme sein kann, verdeutlichte Hartmut Manske am Praxisbeispiel einer Hardware-in-the-Loop Simulation in Chemieanlagen. Um dem hohen Produktionsdruck und der Forderung nach möglichst kurzen Stillstandszeiten nachzukommen, suchten die Automatisierungsexperten beim Chemieunternehmen Merck nach Möglichkeiten, „produktionsschädliche“ Test- und Inbetriebnahmezeiten zu reduzieren. Erreicht wird dies durch eine Hardware-in-the-Loop Simulation auf Basis MatLab/Simulink. Der Charme der Lösung besteht allerdings darin, dass die dazu erforderlichen Informationen automatisch aus den Konfigurationsdaten des Leitsystems gewonnen werden. Der Testaufwand in Migrationsprojekten konnte so halbiert werden, die Anlagenstillstandszeit sinkt auf wenige Stunden. Aber auch zur Prozessoptimierung hat der Ansatz großes Potenzial: Bei der Optimierung von Temperierkreisen durch Anpassen des Reglerkonzeptes und Parameteroptimierung konnte der Produktionsausfall von zwei Wochen auf ein bis zwei Tage reduziert werden, berichtete Manske.

Fazit: Die Neuausrichtung des GMA-Kongresses zu einer sehr viel praxisnäheren Veranstaltung mit einem Mix aus Forschungs- und Industriethemen ist gelungen. Die Veranstaltung profitierte von Synergien zwischen Fertigungs- und Prozessautomatisierung. Aus Sicht der ausstellenden Automatisierungsanbieter ist die Zahl der Teilnehmer aus den produzierenden Industrien und Planungsunternehmen noch ausbaufähig.

Entscheider-Facts
Kongress Automation

360 Teilnehmer aus Industrie und Wissenschaft haben sich im Juni zum ersten Kongress „Automation“ in Baden-Baden getroffen. Die Veranstaltung steht in der Tradition des GMA-Kongresses, der in der Vergangenheit von der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik bereits acht mal durchgeführt wurde. Die Veranstaltung umfasst Mess- und Automatisierungstechnik in verschiedenen Anwendungsbranchen mit den Schwerpunkten Prozess- und Fertigungsautomation. Der Kongress soll in Zukunft jährlich stattfinden, das Motto in 2009 (16. und 17. Juni) lautet „Lösungen für die Zukunft“.

„Was der Kunde nicht versteht, kauft er nicht“
Festo-Vorstand Dr. Eberhard Veit hielt den Eröffnungsvortrag

Heftausgabe: Juli 2008

Über den Autor

Armin Scheuermann , Redaktion
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