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Einfache Bedienkonzepte setzen sich für Feldgeräte durch

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08.04.2013 Bis zur Jahrtausendwende herrschten bei Feldgeräten babylonische Verhältnisse: Jeder Hersteller entwickelte für nahezu jedes Messprinzip ein eigenes Gehäuse, eine eigene Elektronik und eine eigene Software. Und fast jedes Gerät hatte seine eigene Installations-, Inbetriebnahme- und Bedienphilosophie. In den Betrieben verursacht dies bis heute einen hohen Aufwand für Schulung, dazu kommen Probleme durch Bedienfehler. Aber auch auf der Seite der Hersteller verursacht die Variantenvielfalt einen hohen Aufwand, der sich schließlich auch in den Herstellkosten der Geräte niederschlägt.

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Entscheider-Facts Für Betreiber und Planer

  • Plattformkonzepte für Feldgeräte sparen sowohl den Anbietern dieser Geräte als auch den Anwendern viel Geld.
  • Mit der Einführung der Plics-Plattform in 2003 hatte sich der Druck- und Füllstand-Messgerätespezialist Vega zum Ziel gesetzt, die Messtechnik deutlich zu vereinfachen.
  • Eine einheitliche Gehäuse- und Elektronikplattform, ein geräteübergreifendes Bedienkonzept sowie die abwärtskompatible Bediensoftware vereinfachen die Anwendung.
  • Künftig sollen selbstlernende Geräte die Anpassung an die Einsatzbedingungen vornehmen.

Anfang des Jahrtausends beschloss deshalb der Füllstand- und Druckmessgerätehersteller Vega dies zu ändern: Mit dem vor zehn Jahren vorgestellten Plics-Konzept setzte der Anbieter eine Plattformstrategie um, die inzwischen eine beeindruckende Erfolgsstory geworden ist. 1,4 Millionen dieser Geräte hat der Hersteller bis heute ausgeliefert. „Plics hatte von vornherein zum Ziel, Messtechnik einfach zu machen“, schildert Günter Kech, Geschäftsführer bei Vega, den Grundgedanken. „Wir wollten die Projektierung, die Inbetriebnahme und den Betrieb der Geräte über ihren gesamten Lebenszyklus für den Anwender so einfach wie möglich gestalten.“
Den Urpunkt der Entwicklung hatte der Hersteller Anfang der 2000er Jahre mit dem Schwinggabel-Grenzschalter Vegaswing gesetzt: In einem kleinen, runden Gehäuse im charakteristischen Gelb des Unternehmens untergebracht, erfreut sich der Füllstandschalter bis heute enormer Beliebtheit. „Unser Entwicklungschef kam damals zu mir und sagte: ,Wenn ihr wollt, dann können wir in diesem Gehäuse auch ein Radargerät unterbringen‘“, berichtet Kech von der Ursprungsidee, die schließlich zur Plattformstrategie führte: Eine Gehäuseplattform für alle Geräte des Herstellers und auch ein einheitliches Elektronik- und Bedienkonzept, an das die verschiedenen Messverfahren zur Druck- und Füllstandmessung adaptiert werden. „Das war sehr anstrengend, weil die von uns gewählte Plattform sehr klein war“, erläutert Kech.
Doch die Vorteile der kompakten Bauweise sprechen für sich: Betreiber und Planer profitieren vom kleinen Einbauraum und der Robustheit gegenüber Feuchtigkeitsproblemen, da einerseits das Luftvolumen im Gerät geringer ist, sich andererseits kleine und runde Gehäuse einfacher abdichten lassen als große und eckige. Für den Hersteller führt die kompakte Bauart zu Einsparungen bei Leiterplatten und Gießharz und reduziert die bei der Herstellung und im späteren Betrieb auftretenden mechanischen Spannungen. „Kleine Baugröße bedeutet auch, dass die Qualität eher steigt“, verdeutlicht Kech, verschweigt aber auch nicht, dass die Entwicklung aufwendiger ist.  

Großen Wert legt der Hersteller im Hinblick auf eine einfache Bedienung auf die Abwärtskompatibilität. Die jeweils neueste Bediensoftware des Herstellers muss alle Gerätegenerationen bedienen können. „Wenn ein Gerät angeschlossen wird, muss die Software dieses erkennen und die Oberfläche anbieten, die dazu notwendig ist, um das Gerät zu parametrieren“, erläutert Kech. „Unsere Entwickler wissen, dass sie bei Neuentwicklungen immer auch die Vorgängergeräte unterstützen müssen.“ Damit vermeidet der Anbieter, dass Anwender, die im Laufe des Lebenszyklus einer Anlage zum Teil über Jahrzehnte verschiedene Gerätegenerationen einsetzen, mit verschiedenen Softwareständen gleichzeitig arbeiten müssen. „Das ist alles andere als selbstverständlich“, präzisiert Kech: „Üblich ist, dass die Anwender heute Aufwand für die Verwaltung alter Bediensoftware oder aber den erneuten Download und die Installation von Bediensoftware für Altgeräte treiben müssen. Viele Anwender halten das für normal, weil sie nicht wissen, dass es auch einfacher geht.“Die Plattformstrategie war für den Hersteller auch ein wichtiges Element für kurze Lieferzeiten. Denn 80 Prozent seiner Geräte will man innerhalb einer Woche nach Bestellung ausliefern. Um dies zu erreichen, sind die Geräte modular aufgebaut. Individuell werden für einen Auftrag zum Schluss nur noch die Elektronik parametriert und die Anschlüsse geschweißt.

Ausblick: selbstlernende Geräte
Für die Zukunft sieht der Hersteller weiteres Potenzial, Messtechnik für die Anwender noch einfacher zu machen. So sollen Radargeräte einfacher zu installieren sein, indem sie sich nach der Installation selbstlernend an die Gegebenheiten vor Ort anpassen. Dies können zum Beispiel Echos von Einbauten in einem Silo sein. „Man wird immer das Know-how brauchen, um das richtige Messsystem und den richtigen Platz für die Messung auszuwählen. Aber dieses Wissen erwarten die Anwender mehr und mehr von uns Herstellern“, ist Günter Kech im CT-Interview überzeugt.

Interview mit Günter Kech, Geschäftsführer Vega
„Kontinuität ist enorm wichtig“

CT: Was war der Ausgangspunkt für die Entwicklung der Plics-Plattform?
Kech: Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, Messtechnik in der Prozessautomation einfacher zu gestalten. Plattformkonzepte gab es 2003 in der Prozess-Messtechnik noch nicht. Für jedes Messprinzip wurde die Elektronik und auch das Gehäusekonzept damals eigenständig und neu entwickelt. Plics bedeutet eine gemeinsame Gehäuseplattform und auch ein gemeinsames Prozessorkonzept. Daran werden die verschiedenen Messverfahren adaptiert. Das war sehr anstrengend, weil wir uns eine sehr kleine Plattform ausgesucht hatten. Es gibt nach wie vor keinen Hersteller außer uns, der es schafft, ein Radargerät mit so hoher Performance auf so engem Raum unterzubringen.

CT: Was hat der Anwender davon?
Kech: Kleine Baugröße bedeutet, dass die Qualität eher steigt, als dass sie fällt. Und kleine Gehäuse und Leiterplatten kosten auch weniger als große. Außerdem sind die mechanischen Spannungen bei kleinen Baugrößen geringer. Ein kleines Gehäuse ist außerdem weniger feuchtigkeitsempflindlich. Anlagenbauer schätzen es sehr, dass die Geräte zur Druck- und Füllstandmessung gleich aussehen, gleich zu bedienen sind und sich auch in der Inbetriebnahme sehr ähnlich verhalten.

CT: Welche zukünftigen Entwicklungen sehen Sie, um die Benutzerfreundlichkeit weiter zu steigern?
Kech: Schon im Hinblick auf das Thema Industrie 4.0 wird die Vernetzung der Geräte in Zukunft noch wichtiger werden. Aber das ist ein sehr langfristiges Thema. Aktuell geht es darum, die Geräte so intelligent zu machen, dass sie sich selbstlernend an die Einsatzbedingungen anpassen. Ein Füllstandradar soll nach der Installation beispielsweise Signalechos von Behältereinbauten selbsttätig erkennen und sich entsprechend anpassen. Außerdem legen wir großen Wert auf eine durchgängig abwärtskompatible Bediensoftware. Die aktuelle Bediensoftware von Vega muss alle unsere Geräte bedienen können. In dieser Definition gibt es das nur von uns. Im Gegensatz dazu brauchen Anwender, die zwei verschiedene Gerätetypen von Wettbewerbern einsetzen, in der Regel viele verschiedene Software-Stände. Denn: Abwärtskompatibilität zu erreichen kostet Geld. Wir halten das aber für wichtig, weil es dem Kunden die Messtechnik vereinfacht.

CT: In vielen Branchen ist Messtechnik-Know-how inzwischen rar geworden. Wie stellen Sie sich darauf ein?
Kech: Vor allem die Füllstandmessung ist für den Anwender kein einfaches Thema. Wir können das Know-how für die Auswahl des für eine Anwendung am besten geeigneten Verfahrens liefern – ob freistrahlendes Radar, geführtes Radar, kapazitiv oder Ultraschall. Viele Kunden – vor allem im Logistikbereich – brauchen ja nicht das Messgerät, sondern eigentlich den Messwert. Hier werden die Vernetzung und auch der Grad der Automatisierung weiter zunehmen. Es wird in Zukunft Kunden geben, die von uns Messwerte wollen, und unser Geschäft wird dann die Bereitstellung von Messwerten sein.

CT: Wie lange werden Sie die Plics-Plattform noch nutzen und anbieten?
Kech: Kontinuität ist für unsere Kunden ein enorm wichtiger Faktor. Deshalb setzen wir auf unsere Plattform und werden diese weiterentwickeln. Das Plics, das es heute gibt, soll es auch in 20 Jahren noch geben.

Zum Thema
Die Plics-Story

Das von Vega 2003 eingeführte Plics-Konzept hatte eine radikale Vereinfachung der Füllstand- und Druckmesstechnik zum Ziel. Einheitliche kompakte Gehäuse, das Vermeiden von Bedienfehlern durch ein einheitliches Bedienkonzept sowie kurze Lieferzeiten standen im Pflichtenheft. Dazu kommt der Anspruch, dass die jeweils neueste Bediensoftware alle früheren Geräte bedienen kann. Zehn  Jahre nach der Einführung wurden inzwischen rund 1,4 Mio. Plics-Geräte verkauft. Darunter 100.000 Freistrahl-Radargeräte zur Füllstandmessung von Schüttgütern. Zu den wichtigsten Entwicklungen gehören das Schüttgut-Radar mit Parabolantenne Vegapuls 68 (2004), die drahtlose Funkkommunikation Plicsradio (2007), Geräte für SIL-Anwendungen (2009) sowie die SIL-Funktionsprüfung (2010) und der Differenzdruckmessumformer Vegadif (2010) und die ebenfalls 2010 vorgestellte Mikrowellenschranke. 2011 kam schließlich das Schüttgutradar Vegapuls SR68 hinzu, und im vergangenen Jahr stellte der Hersteller die geführten Mikrowellegeräte Vegaflex Serie 80 und das preisgünstige Wasser-Füllstandradar Vegapuls WL61 vor.

Weitere Beiträge zum Plics-Konzept finden Sie hier.

Heftausgabe: April 2013

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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