Ausweitung der Komfortzone

Einladung in die VIP Lounge

04.08.2008 Wenn Studenten bei einer Fachtagung für Automatisierung in die VIP-Lounge eingeladen werden, gibt das Anlass zum Schmunzeln. Noch vor wenigen Jahren sah die Welt der Bewerber noch anders aus. Aus der Bewerbung um eine Arbeitsstelle ist die Bewerbung eines Arbeitsplatzes um Kandidaten geworden.

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Wir möchten darauf hinweisen, dass Studierende in unsere VIP-Lounge eingeladen sind“, klang es aus den Lautsprechern auf der Automation, dem ehemaligen GMA-Kongress. Als Student in die VIP-Lounge – der Mangel an Ingenieuren treibt Unternehmen zu ungewöhnlichen Maßnahmen, um ihre offenen Stellen zu besetzen. Sekt statt Selters, heißt es für die zukünftigen Fachkräfte. So mancher gestandener Ingenieur wird sich gefragt haben, ob er das richtig verstanden hat. Aber keine Sorge: War doch kürzlich in der „Welt“ zu lesen: „Unternehmen holen Rentner zurück.“ Also machen Sie sich keine Illusionen! Ob Sie wollen oder nicht, Sie dürfen sich nicht in den Ruhestand verabschieden. Aber das macht auch nichts, denn die Rentenkassen sind sowieso leer und die Lebensarbeitszeit bis 67 nur der Anfang.

„Keine Sorge um den Nachwuchs“

Auf dem Kongress haben sich die Ingenieurinnen vielleicht weniger über die VIP-Einladung gewundert. Mit dem Fachkräftemangel wuchsen auch die Chancen für weibliche Bewerber. Wie die Personalberaterin Sarina Märschel in der Süddeutschen Zeitung bestätigt: „…Außerdem weiß jeder umsichtige Unternehmer, dass der `War for Talent` gerade erst eingesetzt hat. Der `War for Talent` ist eben auch ein `War for Woman`.“ Und da laut einer Studie des Verein Deutscher Ingenieure e. V. (VDI) rund 80% der Frauen und 50% der Männer in Führungspositionen angeben, dass Kinder ihre Karriere beeinflussen, hängt die Arbeitsplatzwahl auch vom Kinderbetreuungsangebot ab. Sogar eine Jobmesse lockte die Besucher mit einer Betreuung für den Nachwuchs vom Nachwuchs.

Milliarden -Verlust

Doch trotz steigender Geburtenrate scheint die Not der Unternehmen so groß wie nie. Wie der VDI mit dem Institut der deutschenWirtschaft Köln (IW) vorrechnete, kostete der Mangel an Fachkräften die deutsche Wirtschaft 2007 etwa 7 Mrd. Euro. Die Zahl der unbesetzten Stellen sei im vergangenen Jahr auf 70000 gestiegen und werde 2008 beinahe die 100000-Marke erreichen.

Gleichzeitig ist im Handelsblatt zu lesen, dass Ingenieure reihenweise Absagen auf ihre Bewerbungen erhielten. Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) berichtet, dass zwar ein Engpass bei Ingenieuren, aber kein flächendeckender Fachkräftemangel vorliege. Suchen die Unternehmen etwa nur die „Eier-legende-Wollmilch-Sau“? Die Fachkraft unter 25 Jahren, mit Auslandserfahrung, verhandlungssicheren Englischkenntnissen – selbstverständlich voll flexibel und mobil wie auch gerne wochenlang unterwegs.
Sicher ist der Fachkräftemangel kein branchen- und regional einheitliches Phänomen, aber die Blüten, die das Ringen um Fachkräfte und Absolventen treibt, blühen nicht ohne Grund. Und wir sind gespannt, wann aus der Einladung in die VIP-Lounge eine Einladung zu einem Wellness-Wochenende wird, natürlich inklusive Kinderbetreuung.[ega]

Heftausgabe: August 2008

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Gandert
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