Die 1-Billion-Dollar-Frage

Emerson gründet Digitalisierungsberatung für Industrie-4.0-Projekte

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28.03.2018 Eine Billion Dollar ist eine kaum vorstellbare Summe. Doch auf diesen Wert addieren sich die jährlichen Verluste, die in Industrieunternehmen weltweit entstehen, weil die Anlagen nicht im Optimum laufen, schätzten die Prozessautomatisierer des amerikanischen Herstellers Emerson.

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Entscheider-Facts für Betreiber

  • Die Optimierung von Prozessanlagen ist eine Lebensaufgabe. Doch klassische Operational-Excellence-Ansätze bringen immer weniger Effekte.
  • Die Digitalisierung und Vernetzung von Systemen wird als großer Hebel für die Prozessoptimierung gesehen. Allerdings fehlt vielen Industrie-4.0-Projekten bislang die wirtschaftliche Begründung.
  • Diese will Emerson Process Management mit einer neuen Beratungsgruppe liefern.

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Bild: Emerson / Tsiumpa – stock.adobe

Emerson van Doren

Mit der Beratungsorganisation Operational Certainty will Emerson Ressourcen, Fachkenntnisse und Methoden zur Verfügung stellen, damit Kunden einen Business Case für Investitionen in die Digitalisierung aufstellen können. Bild: Redaktion

Um dieses Potenzial zu heben, sucht der Anbieter den Schulterschluss mit den Anwendern und hat eine neue Beratungsgruppe gegründet.

„Industrieanlagen haben in der Regel eine Laufzeit von 40 Jahren. Und weil die meisten davon nicht im Optimum laufen, gehen weltweit jedes Jahr eine Billion Dollar verloren“, verdeutlichte Roel Van Doren, Europa-Chef von Emerson Automation Solutions, gleich zu Beginn der Anwenderkonferenz Emerson Exchange im März die Relevanz von Optimierungsmaßnahmen. Der Automatisierungsanbieter teilt die Prozessbetreiber dazu seit einigen Jahren in vier Kategorien ein: Die Top-Performer erreichen das erste Quartil, am Ende der Skala stehen Betreiber, die lediglich das vierte Quartil erreichen. Und zwischen den beiden Extremen liegen Welten: „In Top-Quartil-Unternehmen passieren dreimal weniger Unfälle, die Anlagenverfügbarkeit ist um den Faktor vier höher und die Betriebskosten um ein Fünftel niedriger als in Unternehmen des vierten Quartils“, verdeutlich Van Doren die Ergebnisse eines eigenen Benchmarks unter Kunden: „Zudem haben Top-Quartil-Performer etwa 30 % niedrigere Emissionen.“

Was unterscheidet Top-Performer?

Doch was machen die Besten des Benchmarks anders als die anderen? Um diese Frage zu beantworten, hat der Lösungsanbieter genau hingeschaut – und die Ergebnisse erscheinen fast schon trivial: Die Top-Performer führen regelmäßig Leistungs-Audits ihrer Anlagen durch und analysieren Daten aus ihren Prozessen, um diese einerseits besser zu verstehen, und andererseits aus den Daten Handlungen abzuleiten.

Um möglichst viele Betreiber, deren Anlagen lediglich die unteren drei Viertel des Benchmarks erreichen, in das erste Quartil zu heben, hat der Automatisierungsanbieter im März ein neues Beratungsgeschäft angekündigt. Mit dem „Operational Certainty“ genannten Ansatz will Emerson zudem den Nutzen von IIoT-Technologien belegen. IIoT bezeichnet dabei das „Industrial Internet of Things“ – in Deutschland bekannt unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“. Dass dies notwendig ist, zeigt eine Umfrage unter leitenden Industrieangestellten, die der Hersteller gemeinsam mit dem Informationsdienst Industry Week durchgeführt hat: Demnach arbeiten zwar bereits 60 % der Industrieunternehmen an IIoT-Pilotprojekten, doch nur 5 % der Befragten haben eine betriebswirtschaftliche Begründung (Business Case) für das Projekt. Zudem ist für mehr als ein Drittel die technologische Richtung noch unklar.

Automatisierung ist der größte Hebel

Mit der Beratungsorganisation Operational Certainty will Emerson hier unterstützend wirken. „Die Automatisierung ist der größte Hebel, um Verhaltensänderungen zu beschleunigen und beizubehalten sowie Ergebnisse zu liefern. Wir stellen die richtigen Ressourcen, Fachkenntnisse und Methoden zur Verfügung, damit Kunden einen Business Case für die Investition aufstellen und dann ihre Vision Wirklichkeit werden lassen können“, erklärt Thomas Waun, der die neue Consulting-Einheit leitet. Diese besteht aus mehr als 100 Branchenberatern mit Kompetenzen in den Bereichen Zuverlässigkeit, Sicherheit, Energie und Emissonen, Produktion und IIoT-Architektur.

Dass Digitalisierung und IIoT unumgänglich sind, begründet der Anbieter mit sinkenden Effekten klassischer Operational-Excellence-Programme. Meist würden solche Maßnahmen in den Anlagen isoliert voneinander durchgeführt. Einen großen Hebel erwartet der Lösungsanbieter durch das Digitalisieren und Vernetzen der Systeme. Und hier sehen die Automatisierungsexperten ihren Vorsprung gegenüber Management-Beratungsunternehmen – über das eigene Lösungs- und Produktgeschäft hat der Anbieter von Prozessautomatisierung über 5.000 Projekt- und Anwendungstechniker „im Feld“, die Anwendungs- und Branchenkenntnisse in die vernetzten Lösungen einbringen.

Neben Vorschlägen für eine digitale Infrastruktur wollen die Berater eine durchgehende Bewertung der Unternehmensänderungen vornehmen – und dadurch feststellen, in welchem Quartil die Anlage des Betreibers sich aktuell befindet und wie groß das Potenzial bis zur Spitze ist. Auch dadurch soll der Nutzen der Digitalisierung messbar werden.

Hannover Messe 2018 Halle 11 – D44
Achema 2018 Halle 8 – D3

CT-Artikel: 13. Kolloquium Prozessanalytik – Brückenschläge zur Industrie 4.0

CT-Artikel: Verwischende Grenzen zwischen physischer und digitaler Welt – Was ist Industrie 4.0?

Heftausgabe: April/2018
Armin Scheuermann ist Chefredakteur der CHEMIE TECHNIK

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Armin Scheuermann ist Chefredakteur der CHEMIE TECHNIK
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