Ein neues „Normal-Null“

Engineering-Executives diskutieren Volatilität im Anlagenbau

Anlagenbau
Chemie
Pharma
Ausrüster
Planer
Betreiber
Einkäufer
Manager

15.02.2016 Ein Schlagwort zieht sich wie ein roter Faden durch die Anlagenbau-Märkte: „Volatilität“. Sei es der Ölpreis, die Politik (Russland, Syrien, Arabellion...) oder die Energiewende – noch nie war das Umfeld für den Anlagenbau so wenig vorhersagbar. „Wie müssen sich Anlagenbauer und die betreibereigenen Engineering-Abteilungen (Owners Engineers) aufstellen, damit sie von den Schwankungen nicht überrollt werden?“, lautete deshalb die Frage, der sich führende Anlagenbau-Vertreter in einer Podiumsdiskussion auf dem Engineering Summit im Dezember stellten.

Anzeige

Entscheider-Facts Für Planer

 

  • Die Volatilität im Anlagenbau ist derzeit besonders hoch, da viele Faktoren gleichzeitig wirken.
  • Anlagenbau-Unternehmen und Owners Engineers setzen auf verschiedene Maßnahmen, um flexibler zu werden.
  • Durch die Kooperation mit Engineering-Partnern wollen sich die Unternehmen flexibel für künftige Auftrags-Peaks aufstellen.

Sucht man nach den Gründen für die derzeitigen Marktausschläge, dann wird relativ schnell klar, dass es zwischen den Abnehmerbranchen – sei es die Stahlindustrie, die Chemie oder die Zementindustrie – viele Unterschiede, aber auch sehr viele Gemeinsamkeiten gibt. Zu Letzteren zählen Einflussfaktoren wie das politische Umfeld, Energie- und Rohstoffpreise und der wirtschaftliche Abschwung wichtiger Absatzmärkte, darunter China. Dazu kommt der steigende Wettbewerbsdruck, beispielsweise durch Anlagenbau-Anbieter aus Asien. Verschärft werden diese übergeordneten Volatilitätstreiber durch branchenspezifische Faktoren: So berichtet Dr. Heiner Röhrl, CEO beim Stahlwerks-Anlagenbauer Primetals Technologies, über einen massiven Preisverfall bei Rohstahl: „Innerhalb von anderthalb Jahren sind die Preise um mehr als ein Drittel gefallen – jeder dritte Hochofen steht heute still.“ Gleichzeitig führt die Überproduktion – vor allem aus China – zu Verwerfungen am Markt: Einerseits beginnen andere Produktionsländer Importzölle zu erhöhen, andererseits geben Stahlerzeuger ihre Rohstahlproduktion auf und kaufen diesen lieber fertig im Reich der Mitte ein. „Ein Muster ist noch nicht zu erkennen“, verdeutlicht Röhrl die wachsende Volatilität.

Haben sich die Spielregeln im Anlagenbau-Geschäft also grundlegend verändert? „Wir sind schon immer in zyklischen Märkten unterwegs. Wir hatten in den vergangenen anderthalb Jahrzenten einen sehr langen Zyklus, schaut man allerdings länger zurück, dann ist die aktuelle Entwicklung gar nicht so ungewöhnlich“, beruhigt Jürgen Nowicki, Sprecher der Geschäftsführung bei Linde Engineering, mit Blick auf die Branchen Stahl und Petrochemie: „Ungewöhnlich ist diesmal allerdings, dass die Zyklen der unterschiedlichen Industrien fast parallel verlaufen.“

In Kombination mit den politischen Krisen auf der Welt führt das beispielsweise dazu, dass Projektentscheidungen immer häufiger zunächst verschoben und dann plötzlich beschleunigt werden. „Je größer die Projekte, desto höher die Volatilität“, bemerkt Nowicki. Ein einziges Anlagen-Großprojekt kann einen beträchtlichen Einfluss auf den Jahres-Auftragseingang einer ganzen Produktsparte haben.

Ein Trend, der auch von Jens-Michael Wegmann, Vorstandsvorsitzender des Geschäftsbereichs Thyssenkrupp Industrial Solutions (Tk IS), gesehen wird: „Viele Großprojekte wurden in jüngster Zeit verschoben oder zurückgestellt. Der Fokus liegt für uns deshalb auch auf kleineren Themen“, bestätigt Wegmann und sieht vor allem Investitionen zur Betriebserhaltung und das Servicegeschäft als aktuelle Schwerpunkte: „Man kann die Zeit auch nutzen, um sich für den nächsten Wachstumszyklus vorzubereiten – und das machen wir.“

Wie sich das zunehmend volatile Markt­umfeld in der Chemie auf die Arbeit eines Owners Engineers auswirkt, verdeutlicht Holger Sonnenschein, Head of Project Management Germany beim Chemiekonzern Lanxess: „Wir merken deutlich, dass die Reaktionszeiten bei unseren Kunden kürzer werden – Investitionen in Erweiterungsmaßnahmen müssen somit im Bedarfsfall  schneller realisiert werden.“

Heftausgabe: Januar/Februar 2016
Seite:

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
Loader-Icon