Markt

Entvölkertes Paradies

11.05.2007

Anzeige

27 °C im April in Hannover, eine zufriedenstellende Interkama und dann auch noch anhaltend hohes Wachstum im Anlagenbau und ganz besonders bei den Prozessautomatisierern. Kein Wunder, dass Michael Ziesemer, Vorstandsmitglied des ZVEI-Fachverbands Automation, sein Statement zur Hannover Messe (Fakten auf Seite 82) mit „Paradiesische Zustände“ überschrieb. Doch weil das nur ein Teil der Wahrheit wäre, schob Ziesemer in seiner Headline noch etwas nach: „…aber ohne Nachwuchs nicht mehr lange!“ Langsam wird´s eng in Sachen Fachkräftemangel – und zwar nicht nur bei den Automatisierern. Auch den Großanlagenbau drücken Nachwuchssorgen, wie Dieter Rosenthal, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA, unlängst erklärte (Lagebericht ab Seite 8). So wollen nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft 40 Prozent der Engineeringunternehmen ihre Mannschaft aufstocken. Und bei den ZVEI-Mitgliedern suchen gar drei Viertel der Unternehmen nach Ingenieuren.

„Mama, nix Hartz IV“ heißt die grelle Botschaft einer Anzeigenkampagne des Automatisierungsverbandes, mit dem dieser junge Menschen für das Berufsbild des Elektroingenieurs begeistern will. Wenn mehr als die Hälfte der Abiturienten überhaupt keine Vorstellung von dessen Berufsbild hat, kann das ein Versäumnis der Familien, der Schulen und der Branche sein. Aber das allein reicht als Grund nicht aus. Das Problem liegt viel tiefer: Mein Eindruck ist, dass dem Nachwuchs, aber auch immer mehr gestandenen Ingenieuren, peu á peu eine Grundvoraussetzung für den Job abhanden kommt: die Neugier. Oder wie lässt sich erklären, dass auf einer Namur-Hauptsitzung selbst bei kontroversen Vorträgen kaum mehr eine Diskussion aufkommt? Oder Podiumsdiskussionen in Messeforen mangels interagierender Zuhörer zu reinen Schaukämpfen mutieren? Oder dass Fachjournalisten in Pressekonferenzen keine Fragen mehr einfallen wollen?

Wo ist die Neugier, wenn die einzige Frage des – schlecht vorbereiteten – Bewerbers um ein Praktikum die nach der Vergütung ist? Wenn die Arbeitsanweisung an Auszubildende zwar mit einem „Alles klar“ quittiert wird, aber niemals mit der Frage, wozu die Arbeit überhaupt gemacht wird, wer daran weiterarbeitet und was daraus wird? Und auch noch einen weiteren Pflock will ich einrammen: Wenn sich Fachkräfte-klamme Unternehmen nun darin überbieten, sich die wenigen Hochschulabsolventen per Headhunter zu sichern, wird die nächste Generation verdorben. Denn vor dem „Verdienen“ kommt das „Dienen“. Und das muss früh gelernt werden. Einer meiner Gesprächspartner brachte es auf der Hannover Messe auf den Punkt: „Die stehen sonst in der nächsten Rezession bei uns als arrogante Berater auf der Matte.“

Was meinen Sie?
Mail an: armin.scheuermann@chemietechnik.de

Heftausgabe: Mai 2007

Über den Autor

Scheuermann
Loader-Icon