CH steht für CHemie

Die Zukunft der Schweiz als Chemiestandort

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02.11.2016 „Die chemische Industrie ist tot…“. Dies war der provozierende erste Satz der Einladung von in der Region Basel, Schweiz, ansässigen Organisationen zu einer Veranstaltung am 1. September 2016 mit dem Titel: „Chemical Industry: Opportunities in the Basel Area“. Hintergrund war die Entwicklung des Infrapark Baselland von einem Produktionsstandort der Clariant hin zur Gründung des Infrapark im Jahr 2011 bis zum einem Standort mit heute 15 unterschiedlichen Firmen.

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Entscheider-Facts für Standort-Betreiber

Mit der Schweiz bringen die meisten vor allem Pharma und Spezialchemie in Verbindung. Aber was ist mit der klassischen Chemie? Hat auch die eine Zukunft im Land der Eidgenossen? Dieser Frage ging eine Vortrags-Veranstaltung im Baselland nach, Standort des bisher einzigen offenen Chemieparks der Schweiz. Zu Wort kamen neben dem Chemieparkbetreiber selbst verschiedene angesiedelte Unternehmen. Angefangen vom etablierten Weltkonzern bis hin zum Start-up.

Folgende Fragen standen bei dieser Veranstaltung im Vordergrund:

  • Was sind die Faktoren für eine erfolgreiche Transformation eines Produktionsstandortes einer Firma zu einem Chemiepark für viele Firmen?
  • Welche Kriterien beeinflussen die Entscheidung von Firmen, sich in einer solchen Umgebung anzusiedeln – oder dort zu bleiben?
  • Welche Themen sind wichtig, um einen nachhaltigen Erfolg zu sichern?

Eingeladen hatte Basel-Area Swiss/I-Net gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Baselland, der Wirtschaftskammer Baselland und Infrapark Baselland. Dabei stachelte der Satz „… ist tot …“ die Referenten an, zu beweisen, dass die chemische Industrie in der Region Basel nicht nur quicklebendig ist, sondern auch sehr positive Veränderungen erfahren hat. Mehr als 90 Personen nahmen an der Veranstaltung teil, bei der verschiedene Referenten über die Veränderungsprozesse in der chemischen Industrie in der Region Basel informierten. Gerade die dramatischen Veränderungen der letzten Jahre, wie die Globalisierung oder die Verlagerung von Arbeitsplätzen, stellten die chemische Industrie vor große Herausforderungen – bergen aber auch Chancen.

Vorbild Deutschland

Nach der Begrüßung durch Thomas Weber, Regierungsrat des Kantons Baselland, erläuterte Dr. Ulrich Ott, Leiter Clariant Europa, auf der Basis der Chemieparks in Deutschland, welche Vorteile dieses Modell der forschenden und vor allem produzierenden chemischen Industrie bringt: Sie kann sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren und Energien, Betriebsmittel sowie Dienstleistungen von Analytik, Entsorgung, Einsatzdienste, Werkstätten, Engineering, Logistik bis hin zur Unterstützung auf dem Gebiet Gesundheitsschutz, Sicherheit, Umwelt aus einer Hand beziehen. Ott richtete außerdem das Augenmerk auf die in Deutschland anlaufende dritte Welle der Chemieparkentwicklung: Der Chemiepark als Inkubator für Start-up-Unternehmen.

Vorteile durch Zusammenarbeit

Referenten von drei im Infrapark ansässigen Firmen legten anschließend dar, welche Vorteile sich aus der Zusammenarbeit mit dem Chemiepark in Muttenz für ihre Firmen ergeben haben: Dr. Albrecht Metzger, Leiter Entwicklung und Analytik bei Bayer Cropscience Schweiz, sprach über den erfolgreichen Produktionsausbau von Bayer Cropscience im Infrapark: Innerhalb von acht Jahren wurden für diesen Ausbau über 100 Mio. CHF investiert, die Anzahl der Mitarbeitenden verdreifachte sich, und Muttenz ist heute einer der drei wichtigsten Produktionsstandorte von Bayer Cropscience. Nicht nur die verschiedenen Dienstleistungen, mit denen der Infrapark diese Entwicklung aktiv unterstützt hat, sondern auch die pragmatische, proaktive Vorgehensweise der Behörden im Kanton Basellandschaft ermöglichten eine rasche Umsetzung des Produktionsausbaus – ein wesentlicher Grund für den Entscheid von Bayer, an diesem Standort zu expandieren.

Chemikalien direkt per Pipeline

Smarte Distribution und die Konditionierung von Chemikalien sind das Kerngeschäft der Brenntag. Dr. Thomas Heinrich, Leiter von Brenntag Schweizerhall, erläuterte, dass sich die Philosophie der Brenntag „Connecting Chemistry“ optimal im Infrapark umsetzen ließ: Als erster Standort weltweit werden nun in Muttenz die Chemikalien konditioniert und dann via Pipeline über die bestehenden Rohrbrücken direkt den verschiedenen Verbrauchern am Standort geliefert. Dies vereinfacht den Kunden die logistische Abwicklung, reduziert den Transport mit LKWs, erhöht die Sicherheit und erfüllt damit auch die Vorgaben der Nachhaltigkeitsstrategie von Brenntag.

Fruchtbarer Boden für Start-ups

Der Infrapark ist aber auch ein geeigneter Standort für Start-up-Unternehmen. AVA Biochem BSL entwickelte und patentierte Prozesse, die es ermöglichen, aus Biomasse sogenannte Plattform-Chemikalien zu produzieren, die für das Herstellen von erneuerbaren Kunststoffen (beispielsweise PEF für Flaschen) Einsatz finden. Pro Jahr entstehen im Infrapark von AVA Biochem bereits 20 t 5-Hydroxy-Methyl-Furfural (5-HMF), wie Dr. Thomas M. Kläusli, Leiter Marketing bei AVA Biochem, erläuterte. Die am Standort Muttenz aufgebaute Pilotanlage dient als Prototyp für eine geplante Großproduktion. Gemäß Kläusli ist die rasche, zielorientierte Unterstützung durch den Infrapark für eine Start-up-Firma von großer Bedeutung. Nur auf einem solchen „fruchtbaren Boden“ könne so eine „zarte Pflanze“ wie ein Start-up gedeihen.

Vision eines „Infrapark Schweizerhalle“

Renaud Spitz, Leiter Infrapark Baselland und Landesleiter Clariant Schweiz, blendete zurück auf das Jahr 2010, als Clariant die Idee entwickelte, den Standort in Muttenz in einen Chemiepark zu transformieren. Sechs Jahre später sind nun 15 Firmen im Infrapark angesiedelt und das Geschäft entwickelt sich laut Spitz äußerst positiv. Neben den von Spitz erwähnten Standortvorteilen, den Bemühungen, die Dienstleistungen im Infrapark stetig zu verbessern, hat die gute Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung Baselland und der regionalen Standortpromotion Basel-Area Swiss viel zur positiven Entwicklung des Infrapark beigetragen. Spitz schloss sein Referat mit einem ambitionierten Gedankenspiel: eine Ausweitung des Chemieparks Infrapark auf das ganze Gebiet Schweizerhalle. Wegen der „economy of scale“ würden alle Chemiefirmen, also auch die Chemie- und Pharmafirmen in nächster Nachbarschaft zum Infrapark, von einer solchen Ausweitung des Infrastruktur-Dienstleisters profitieren. Zum Abschluss des Anlasses hob Thomas Kübler, Leiter der Standortförderung Baselland, hervor, dass die chemische Industrie für die wirtschaftliche Entwicklung der Region von großer Bedeutung sei und daher der Kanton Basellandschaft bemüht sei, dieser Industrie optimale Rahmenbedingungen zu bieten. Und wenn er von Chemie spreche, dann meine er auch die Pharmaindustrie – auch die Lifescience-Branche produziere chemische Stoffe, obwohl man gerne die beiden Branchen als zwei verschiedene Industrien darstelle. Als Fazit konnten die Teilnehmer der Veranstaltung klar erkennen: Die chemische Industrie in der Region Basel ist alles andere als tot. 1612ct905

Der Infrapark aus der Vogelperspektive. Bilder: Infrapark Baselland

Der Infrapark aus der Vogelperspektive. Bilder: Infrapark Baselland

Zum Chemiepark: Der Infrapark Baselland im Detail

Der Infrapark Baselland ist Standort für Industrieunternehmen; vor allem der Chemie- und Life-Sciences-Branche, die in der Forschung, Entwicklung oder Produktion tätig sind. In der trinationalen Region Basel gelegen, bietet der Standort der Industrie umfassende Dienstleistungen und ein gut erschlossenes Areal von 37 Hektar. Mit seinen Dienstleistungen und verfügbaren Flächen ist der Infrapark im Dreiländereck Schweiz-Deutschland-Frankreich einzigartig.

Hier gelangen Sie zum Auftritt des Standortbetreibers.

Auf unserem Portal finden Sie weitere Beiträge zum Thema Industrieparks.

Heftausgabe: November 2016

Über den Autor

Dr. Gaudenz Furler, Promotion and Marketing, Infrapark Baselland
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