Für Ex-Arbeiten qualifiziert

IECEx-Scheme für Personenzertifizierung

Anlagenbau
Chemie
Pharma
Ausrüster
Planer
Betreiber
Einkäufer
Manager

09.07.2014 Ist mein Lieferant oder Dienstleister in der Lage, Arbeiten in explosionsgefährdeten Anlagen auszuführen? Gerade in einer immer arbeitsteiligeren Welt, in der Aufträge vom Anlagenbetreiber – beispielsweise einem Chemieproduzenten – an Dienstleister oder andere Lieferanten übertragen werden, hat die Beantwortung dieser Frage Gewicht.

Anzeige

Entscheider-Facts Für Planer und Betreiber

  • Ex-Bereiche sind anders als „normale" Produktionsbereiche: Die Ausrüstung ist speziell, und sie muss richtig installiert werden.
  • Um einen objektiven Nachweis der Qualifikation von Personal für Ex-Aufgaben zu ermöglichen, wurde von der internationalen Elektrotechnik-Kommission IEC ein Zertifizierungsschema entwickelt.
  • Dabei bewertet eine zugelassene IECEx-Zertifizierungsstelle die Qualifikation und Erfahrung eines Bewerbers und führt einen Wissenstest durch.

Aus Sicht eines potenziellen Auftragnehmers stellt sich die Frage, wie er seine Qualifikation nachweisen soll. Und auch Anlagenbau-Unternehmen, die meist weltweit Aufträge übernehmen und Gewerke wiederum an Subunternehmen vergeben, stehen vor dieser Frage. Denn Ex-Bereiche sind anders als „normale“ Produktionsbereiche: Die Ausrüstung ist speziell und sie muss richtig installiert werden.
Um dies sicherzustellen, und einen objektiven Nachweis der Qualifikation von Personal für Ex-Aufgaben zu ermöglichen, wurde von der internationalen Elektrotechnik-Kommission IEC ein Zertifizierungsschema entwickelt (IECEx Certificates of Personnel Competencies, CoPC). Ziel der Maßnahme ist es, die Qualifikation von Personal für die Ex-relevanten Bereiche  Konstruktion, Zoneneinteilung, Auswahl, Installation, Wartung, Inspektion, Prüfung, Überholung und Reparatur von Ex-Geräten durch ein weltweit anerkanntes Zertifikat nachzuweisen. Zertifizierte Personen zeigen dadurch, dass sie in der Lage sind, sicher in explosionsgefährdeten Bereichen zu arbeiten, Arbeiten an Ex-Geräten durchführen zu können und diese entsprechend ihrer Schutz-Techniken sicher zu betreiben. Außerdem sind sie in der Lage, Fehler zu erkennen, die zu einer potenziellen  Zündquelle werden könnten.
 „Ziel der Zertifizierung ist es, einen unabhängigen Nachweis dafür zu erbringen, dass eine zertifizierte Person über die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten vefügt, um internationale Ex-Standards implementieren zu können“, sagt Prof. Dr. Thorsten Arnhold, Vorsitzender der IECEx und Technologiechef beim Ex-Geräte-Spezialisten R. Stahl. Das Prüfungsschema ist dabei getrennt von den für die Qualifizierung notwendigen Bildungsmaßnahmen: Um ein CoPC nach IECEx zu erhalten, stellt der Kandidat einen Antrag  bei einer zugelassenen IECEx-Zertifizierungsstelle. Diese bewertet die Qualifikation und Erfahrung des Kandidaten und führt einen Wissenstest durch. Sind die Zertifizierungskriterien erfüllt, erhält der Bewerber das Zertifikat. In regelmäßigen Re-Assessments wird sichergestellt, dass die zertifizierte Person ihre Kompetenzen behält.
Geprüft werden nach dem IECEx-Scheme 05 (Personenzertifizierung) zehn Kompetenzfelder – von der Basisphilosophie des Explosionsschutztes über die Zoneneinteilung, Installation, Wartung, Instandsetzung und Prüfung von Geräten und Installationen bis hin zur Projektierung von elektrischen Anlagen und der Autidierung und Prüfung elektrischer Installationen. Wie bei allen IECEx-Zertifikaten ist die Zertifizierung über internationale Grenzen hinweg gültig.

Interview Prof. Thorsten Arnhold, R. Stahl, und Heinz Farke, TÜV Rheinland
„Einfachere Auswahl von geeignetem Fachpersonal“
CT: Welchen Leidensdruck seitens der Anwender greifen Sie mit dem
IECEx-Scheme 05 auf?

Farke: Für die Antwort gibt es zwei Blickwinkel: Aus gesetzgeberischer Sicht verlangt die BetrSichV  von den Betreibern, dass sie entsprechend qualifiziertes Personal einsetzen. Das betrifft in erster Linie die Prüfung, aber natürlich auch die Installation und den Betrieb der Anlage selbst. Aus Sicht des Betreibers liegt das Augenmerk darauf, was beim Anlagenbau passiert. Es kann nur im Interesse des späteren Betreibers sein, dass die Tätigkeiten qualitativ hochwertig ausgeführt werden. Das spart Nacharbeiten und Zeitverzug im Bau.
Arnhold: Dazu kommt noch der internationale Aspekt hinzu. Viele Großunternehmen sind global tätig. In Deutschland hat man durch die Facharbeiterausbildung ein hohes Grundniveau. In anderen Ländern ist das häufig nicht im gleichen Maß gegeben. Einem multinational tätigen Unternehmen erleichtert das IECEx-System die Auswahl von geeignetem Fachpersonal. Außerdem gibt es den Trend, dass in den Betreiberunternehmen immer weniger eigene Fachkompetenz im Explosionsschutz vorhanden ist und dass der Trend zum Outsourcing von solchen Tätigkeiten geht. Und das Fachpersonal von außen muss seine Qualifikation nachweisen.

CT: Beobachten Sie insgesamt ein sinkendes Schutzniveau in den Anlagen durch dieses Outsourcing?

Farke: Nach meiner Erfahrung zur Sicherheit von Anlagen und zum Prüfgeschäft gibt es immer ein wellenartiges Verhalten. Hat man genügend Personal mit viel Know-how, dann steigt die Verfügbarkeit – die Anlagen fallen seltener aus. Irgendwann wird dem Betreiber bewusst, dass das Geld kostet und dass hier ein Einsparpotenzial vorhanden ist. Dann wird Personal abgezogen und weniger qualifiziertes Personal eingesetzt. Mit dem Ergebnis, dass die Verfügbarkeit der Anlage sinkt. Irgendwann mehren sich Ausfälle und Unfälle – und dann wird wieder qualifiziertes Personal aufgebaut, wodurch die Anlagenverfügbarkeit wieder steigt.

CT: Diese Entwicklung war ja schon immer da. Mit dem Ex-Scheme wird versucht, global zu vereinheitlichen. Ist die Schulung auch ein Mittel, um den internationalen IEC-Ex-Standard voranzutreiben?
Arnhold: Ich denke schon. Es ist ja so, dass sich vor allem Mitarbeiter aus den Industrienationen stark engagieren. Und die prägen das Ganze. Dadurch haben wir auch das Sicherheitsniveau in den Entwicklungsländern stark nach oben getrieben.

CT: Anlagenbauer wickeln derzeit viele Projekte in den USA ab. Diese treffen dort auf eine sehr stark unterschiedliche Normenwelt. Mitarbeiter aus Deutschland müssen sich dem stellen. Wie nimmt die Schulung und Zertifizierung diese Besonderheiten auf? Müssen zusätzlich amerikanische Standards trainiert werden?
Arnhold: Das hängt von der Umsetzung in den nationalen Kommittees ab. Letztenendes heißt unsere Grundlinie, dass wir uns für die Installation, Wartung, Prüfung und Reparatur auf die entsprechenden IEC-Normen beziehen. Wenn man das vernünftig macht, kann man aber auch länderspezifische Besonderheiten berücksichtigen. Ich denke, dass es uns mit diesen Service- und Fachkompetenz-Zertifikaten gelingen kann, auch den amerikanischen Markt zu integrieren. Da gibt es keine vergleichbare Hürde wie bei den Betriebsmitteln und der NEC-Technik, wo die Produkte und die Installationstechnik sehr unterschiedlich von der IEC-Welt sind. Da es in Nordamerika auch keine Zertifizierungsschemen für Dienstleistungen und Fachkompetenzen gibt, wird das eine größere Akzeptanz finden. Wenn die amerikanischen Prüfstellen, Kompetenzen und Dienstleistungen auf IEC basiert prüfen und zertifizieren und zusätzlich noch NEC-Aspekte mit einbauen, dann wird sie niemand daran hindern. Das trifft im Übrigen auch auf Deutschland zu: Keiner hindert die Prüfstellen auch Elemente der Betriebssicherheitsverordnung und TRBSen mit in die Zertifikatsprüfungen aufzunehmen!
Farke: Wir müssen aufpassen, dass wir das IECEx-System nicht verwässern. Das IECEx-System basiert auf IEC-Normen, die nationalen Unterschiede müssen jeweils separat betrachtet werden. Die Idee von TÜV Rheinland ist es, neben dem IECEx-Scheme 05 auch die Anforderungen an die  befähigten Personen in Deutschland zu berücksichtigen. Der TÜV Rheinland kann zwar keine befähigte Person benennen – das ist Sache des Betreibers, aber er kann die Qualifikation prüfen und bestätigen – und zwar auf IEC Normenbasis zusätzlich zu den Anforderungen der TRBS im deutschen Recht. Dann kann TÜV Rheinland  ein Zertifikat ausstellen, das der Betreiber als Grundlage für seine Ernennung bzw. Bestellung einer befähigten Person nutzen kann.
Arnhold: Wichtig ist die Betonung auf „nutzen kann“. Diese Flexibilität und Freiwilligkeit ist wichtig. Sobald in einem Land ein Zwang eingeführt wird, muss man international ein gleichartiges System durchsetzen. Das würde der breiten Akzeptanz sicher abträglich sein.

CT: Wahrscheinlich muss man zwischen der Wiederkehrenden Prüfung im Anlagenbetrieb und der Planungsphase unterscheiden. In der Planungsphase hat man Mitarbeiter rund um den Globus, die an solchen Projekten arbeiten. Muss sich also ein Ingenieur, der Anlagen in USA und in China baut, sowohl in Amerika als auch in China zertifizieren lassen?

Farke: Nein. Das ist der große Vorteil vom IECEx-System, in diesem Fall Scheme 05. Dieses basiert auf IEC-Normen, die dann überwiegend weltweit anwendbar sind. Die Anlagenbauer – beispielsweise deutsche Unternehmen – können ihre Qualifikation nachweisen und sich damit auf beliebigen Märkten anbieten. Das ist die treibende Kraft hinter unserem Ansatz: Dass die späteren Betreiber ihren Anlagenbauern klar vorgeben, dass diese ihre Planung nur mit dafür qualifizierten Personen vornehmen und dass diese die Qualifikation der Planer durch ein IECEx-Zertifikat nachweisen.
Arnhold: Vom rein technischen Standpunkt betrachtet, sind die Grundlagen des Explosionsschutzes auf physikalische und chemische Gesetzmäßigkeiten zurückzuführen. Diese sind bekanntlich universell gültig. Da die IEC – Normen auf diesen Gesetzmäßigkeiten aufbauen, können sie weitestgehend angewendet werden. Dazu kommt noch der Fakt, dass die Normen durch internationale Teams auch unter starker Beteiligung von Experten aus den USA entwickelt und gepflegt werden.
Farke: Bei unseren Kunden in Asien – darunter ein großer chemischer Betrieb – basiert die Installation auf amerikanischen Standards. Dort hat es mehrere Unfälle gegeben. Die Behörden verlangen deshalb vom Betreiber, dass er die Vorfälle untersucht und erst einmal die Mitarbeiter schult. Das Trainingsprogramm dafür haben wir auf IEC-Basis angeboten, obwohl die Installation auf NEC basiert. Man hat sich dafür entschieden – wohlwissend, dass es Differenzen gibt. Aber es ging darum, erst einmal eine Grundqualifikation zu bekommen. Viele Technologien und Zündschutzarten im Explosionsschutz sind vergleichbar, so dass nationale Differenzen überwiegend gut verglichen und berücksichtigt werden können.

Mehr Infos zur Personenzertifizierung nach IECEx finden Sie hier.

Hier finden Sie ein ausführliches Dokument zur Personalqualifizierung nach dem ECEx Scheme

Heftausgabe: Juli 2014

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
Loader-Icon