„Genossenschaftsmodell für Expertenwissen“

IGR unterstützt Betriebe bei der Regelwerks-Verfolgung

29.06.2017 Ingenieure finden sich heute auf der Streckbank wieder: Auf der einen Seite zerren steigende Anforderungen aus den Regelwerken, am anderen Ende schwindende Technik-Ressourcen im Unternehmen. Hier hilft seit zehn Jahren die Interessensgemeinschaft Regelwerke Technik, IGR.

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Entscheider-Facts für Betreiber

  • Die Betreiberverantwortung für den Betrieb von Anlagen in der Chemie- und Pharmaindustrie ist in nahezu 3.000 verschiedenen Regelwerken beschrieben.
  • Für einzelne Betriebsingenieure ist es nahezu unmöglich, den Überblick darüber zu behalten.
  • Die Interessensgemeinschaft Regelwerke Technik (IGR) überwacht die Regelwerke und stellt das Know-how ihren Mitgliedern zur Verfügung.

Chemieanlagen sicher zu betreiben, ist ein komplexes Unterfangen: Die Betreiberverantwortung dazu ist in nahezu 3.000 verschiedenen Regelwerken beschrieben. Den Überblick darüber zu behalten, ist für einzelne oder wenige Betriebsingenieure eines Anlagenbetreibers fast unmöglich. Im Industriepark Höchst wurde das bereits vor vielen Jahren erkannt. Mit der Aufspaltung der Höchst AG in verschiedene Unternehmen vor rund 20 Jahren war den für die Technik Verantwortlichen schon damals klar, dass ein unternehmensübergreifender Austausch über die Regelwerke notwendig ist. Das Grundverständnis für die spätere IGR war geschaffen.

Fast 3.000 Regelwerke werden überwacht und in die Praxis übersetzt

Offiziell im Juni 2007 gegründet, sieht sich die Interessensgemeinschaft Regelwerke Technik (IGR) e.V. noch heute diesem Ziel verpflichtet: „Wir wollen die technische Kompetenz für Betreiber und Dienstleister chemisch-pharmazeutischer Anlagen durch firmenübergreifende Zusammenarbeit erhalten und weiterentwickeln“, verdeutlichte Vereinsvorstand Dr. Martin Rauser, Sanofi, auf der Jubiläumsveranstaltung im Juni. Der Verein folgt dabei einem genossenschaftlichen Ansatz: Die Mitgliedsunternehmen bringen eigene technische Kompetenz ein und können auf Kompetenzen anderer Mitglieder zurückgreifen. Leistungen, die im Verein nicht verfügbar sind, werden gemeinsam bei externen Dienstleistern zugekauft. „Auch wenn ein Mitglied selbst nur wenige eigene Ingenieure hat, kann es so auf das Wissen von rund 350 Experten zugreifen“, verdeutlicht Rauser.

Für nahezu jedes Thema findet sich im Vereinsnetzwerk ein Spezialist: Fast 3.000 Regelwerke – darunter Gesetze, technische Regeln und Normen – überwachen die Mitglieder in ehrenamtlichem Engagement und halten ihre Erkenntnisse in konkreten Handlungsempfehlungen fest: 418 Guidelines, 60 Standards und praktische Hilfen wie Bestelltexte, Warnhinweise oder Explosionsschutzdokumente bietet die IGR ihren Mitgliedern via Internet an. Dazu kommen Typprüfungen an EMR-Geräten und der Test von EMR-Gerätegruppen per Betriebsbewährung.

Hilfe für Einzelkämpfer in Unternehmen mit schwindendem Technikpersonal

Die schiere Anzahl der verfolgten Regelwerke und daraus abgeleiteten IGR-Guidelines verdeutlicht, wie hoch die Anforderungen an die Technikverantwortlichen und Ingenieure in den Chemie- und Pharmabetrieben sind. „Häufig haben die Ingenieure kein fachliches Umfeld mehr – sie sind in den kleiner gewordenen Unternehmen Einzelkämpfer“, beschreibt Dr. Thomas Tauchnitz vom Pharmaunternehmen Sanofi die Situation. Tauchnitz, der zu den Gründungsmitgliedern der IGR gehört, bemängelte in seinem Festvortrag zum 10. Jubiläum, dass den Unternehmenslenkern in steigendem Maße das Verständnis für die Technik fehlt: Aussagen wie „das darf nichts kosten“ oder „20 % Einsparung sind immer noch drin“ sieht Tauchnitz als „postfaktische Ansätze für Ingenieure“. Denn schließlich geht es darum, die gesetzlich verankerte Betreiberverantwortung zu erfüllen. So schreibt zum Beispiel die Betriebssicherheitsverordnung den „Stand der Technik“ als Sicherheitsmaßstab fest – zu wissen, was aktuell „Stand der Technik“ ist, wird damit zur Pflicht für Betreiber.

Hier hilft die IGR. Und weil „Wissen ein Stoff ist, der sich durch Teilung vermehrt“, so Dr. Dieter Stolz, Vice President Engineering and Consulting beim IGR-Mitglied Siemens, lassen sich auch bei der Standardisierung noch Einsparpotenziale heben: „Übergreifende, heterogene Expertenteams beweisen, dass kontinuierliche Verbesserung auch in der Standardisierung möglich ist.“ Und einen weiteren wichtigen Aspekt unterstreicht Martin Rauser: „Bei uns engagieren sich 350 Experten aus 30 Unternehmen mit mehr als 27.000 Mitarbeitern. Das verleiht den Interessen unserer Mitglieder größeres Gewicht gegenüber Lieferanten, Herstellern sowie Behörden.“

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IGR-Homepage.

Heftausgabe: Juli 2017
Armin Scheuermann ist Chefredakteur der CHEMIE TECHNIK

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Armin Scheuermann ist Chefredakteur der CHEMIE TECHNIK
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