Das nächste große Ding?

Industrie 4.0 in der Prozessindustrie

20.10.2015 Die Säure, die sich auf dem Weg durch die Anlage überlegt, was sie mal werden will? Schwer vorstellbar. Was für die klassische Teilefertigung als Paradebeispiel für die Zukunft in der Industrie 4.0 herangezogen wird, erfordert für Chemie-, Pharma- und Lebensmittelprozesse eine lebhafte Phantasie. Dennoch ist auch für die Prozess­industrie mehr dran am Thema, als sich die Macher der Plattform Industrie 4.0 bislang vorstellen wollen.

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Entscheider-Facts Für Manager

  • Nach einer Studie des Fraunhofer IAO und des IT-Branchenverbands Bitkom könnte die Vernetzung von Produktentwicklung, Produktion, Logistik und Kunden der Chemie zwischen 2013 und 2025 für ihre Wertschöpfung ein Plus von 30 Prozent bescheren.
  • Gelingt es, die in der Produktion vorhandenen Daten in mathematischen Modellen des Prozesses zu nutzen, könnten die Unternehmen ganz neue Wettbewerbsvorteile erschließen.
  • Anlagenplanung, -bau, Inbetriebnahme und Betrieb sollen ein durchgängiger Gesamtprozess werden.

Wenn in der Produktion alles mit allem vernetzt wird, entstehen ganz neue Möglichkeiten – und sogar neue Geschäftsmodelle. Von der vierten industriellen Revolution sprechen die Protagonisten der Plattform Industrie 4.0, die von Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium sowie Verbänden getragen wird. In den USA, wo im vergangenen Jahr das Industrial Internet Consortium aus der Taufe gehoben wurde, spricht man lieber vom „Industrial Internet of Things“, kurz IIoT.

Nach einer Studie des Fraunhofer IAO und des IT-Branchenverbands Bitkom könnte die Vernetzung von Produktentwicklung, Produktion, Logistik und Kunden der Chemie zwischen 2013 und 2025 für ihre Wertschöpfung ein Plus von 30 Prozent bescheren. Kein Pappenstiel, angesichts eines Umsatzvolumens von jährlich rund 190 Mrd. Euro. Kaum verwunderlich also, wenn sich immer mehr Chemieunternehmen nach den potenziellen „Früchten“ der Industrie 4.0 strecken.

In erster Linie zählt zu diesen das Vermeiden ungeplanter Stillstände. Vernetzte Sensoren in Maschinen und Apparaten, die systematische Auswertung von Maschinendaten mit spezieller Software und die Nutzung von mathematischen Modellen sollen weit im Voraus Aussagen dazu liefern, wann beispielsweise eine Prozess­pumpe ausfallen wird. Und lassen sich die Daten nicht nur in einer Fabrik analysieren, sondern ähnliche Problemfälle in einem ganzen Werk und noch besser: in allen Werken auf der ganzen Welt identifizieren, dann ist der Lerneffekt besonders groß. „Big Data“ nennen die IT-Spezialisten diesen Ansatz.

Big Data – das heimliche Ziel der Industrie
Doch bei der Nutzung der Big Data geht es für die Prozessindustrie um weit mehr, als nur verbesserte Wartungsprozesse. Gelingt es, die in der Produktion vorhandenen Daten in mathematischen Modellen des Prozesses zu nutzen, könnten die Unternehmen ganz neue Wettbewerbsvorteile erschließen: Produkte könnten in exakt der vom Kunden geforderten Spezifikation produziert werden, und zwar unter Einsatz exakt der erforderlichen Rohstoff- und Energiemengen – nicht mehr und nicht weniger. Bislang übliche Sicherheitszuschläge ließen sich abschmelzen – der Hersteller kann so seine Marge steigern oder aber kostengünstiger anbieten.

Heftausgabe: Oktober 2015
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Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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