Konkurrenz erwünscht

Industrieparks organisieren den Wettbewerb der Energieerzeuger

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27.11.2009 Strom und Dampf sind für die meisten Chemieunternehmen entscheidende Produktionsfaktoren. Doch der zum Teil eingeschränkte Wettbewerb im Energiemarkt macht den Betreibern zu schaffen. Deshalb nehmen immer mehr Standortbetreiber die Initiative selbst in die Hand und organisieren – auch durch eigene Projekte und Investitionen – den Wettbewerb an ihrem Standort. Und auch hier werden Klima-Argumente immer wichtiger.

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Entscheider-Facts

  • Energiepreise sind für Industrieparks heute zu einem wichtigen Faktor im Wettbewerb um potenzielle Ansiedler aus der Prozessindustrie geworden.
  • Wie kaum eine andere Industrie erlauben es die Prozesse der Chemie, die Vorteile einer Kombination aus Strom- und Wärmeerzeugung voll auszuschöpfen.
  • Der zum Teil eingeschränkte Wettbewerb im Energiemarkt macht es nötig, dass Industrieparks selbst agieren, um den Wettbewerb zur Energieerzeugung am Standort anzukurbeln.
  • Zahlreiche Industriepark-Betreiber in Deutschland bauen deshalb eigene Kraftwerke, insbesondere auf Basis von Ersatzbrennstoffen.

Energiepreise sind für Industrieparks heute zu einem wichtigen Faktor im Wettbewerb um potenzielle Ansiedler aus der Prozessindustrie geworden. Und wie kaum eine andere Industrie erlauben es die Prozesse der Chemie, die Vorteile einer Kombination aus Strom- und Wärmeerzeugung voll auszuschöpfen. Doch mit der Öffnung der ehemaligen Werksstandorte zu Industrieparks gelten heute nicht mehr lokale Konditionen zur Strom- und Dampferzeugung, sondern in der Regel die an überregionalen Strombörsen gehandelten Preise. Industrieparks müssen deshalb selbst agieren, um den Wettbewerb zur Energieerzeugung am Standort anzukurbeln.

„Bei der Chlorelektrolyse sind 50Prozent der Betriebsaufwendungen Energiekosten“, unterstreicht Helmut Weihers, Geschäftsführer bei Infraserv Knapsack, die Bedeutung der Energiepreise für einen Produzenten am Standort. Kein Wunder, dass der Chemieparkbetreiber deshalb einiges unternimmt, um den Industrieparknutzern vor Ort attraktive Konditionen zu bieten. Neben dem Ende 2007 eingeweihten Gas- und Dampfkraftwerk, das vom norwegischen Energieunternehmen Statkraft betrieben wird, investiert die Standortgesellschaft in ein Ersatzbrennstoff-Kraftwerk, das Ende 2008 in Betrieb genommen wurde. Für aufbereiteten Abfall als Brennstoff spricht einerseits die Unabhängigkeit von Importen wie bei Kohle, Öl oder Gas, andererseits ist in Deutschland die thermische Verwertung des Abfalls per Gesetz vorgeschrieben.
Immer mehr Standortbetreiber vertreten die Ansicht, dass Chemieparks ein gutes Umfeld für die Ansiedlung von Kraftwerken bieten. Für diese Sichtweise spricht einerseits die Kombination aus Strom- und Wärmebedarf vor Ort; aber auch die Akzeptanz solcher Anlagen in einem Umfeld, in dem der Betrieb von Industrieanlagen Tradition hat, wird zu einem immer wichtigeren Argument.
Gerade bei der energetischen Verwertung von Abfällen spielt dieser Faktor eine wichtige Rolle. So setzt beispielsweise auch die Servicegesellschaft des Industrieparks Gersthofen (IGS), eine Tochter der MVV Energiedienstleistungen, auf Ersatzbrennstoffe. Ab Mitte 2009 soll dort eine 30Millionen Euro teure Anlage die vier Chemieunternehmen am Standort mit 20,9MW Dampf und 2MW Strom versorgen. „Wir konnten den Energiepreis am Standort um etwa 15 bis 20Prozent senken und haben langfristige Verträge mit den Kunden abgeschlossen“, erklärt dazu Matthias Bolle, Geschäftsführer der IGS. „Mit Ersatzbrennstoffen sind die Energiekosten – im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen – berechenbarer“, ergänzt dazu Dr. Hermann Teufel, ebenfalls Geschäftsführer der IGS.
Auch im Industriepark Höchst entsteht derzeit eine Ersatzbrennstoff-Anlage: Ab 2009 soll im Südwesten des Standortes aus heizwertreichen Fraktionen von Haus- und Gewerbeabfällen Strom und Dampf für die Industriepark-Unternehmen erzeugt werden. Das Projektbudget beträgt ca. 300Millionen Euro. „Mit dem Bau der Ersatzbrennstoff-Anlage investieren wir in die Attraktivität des Standortes“, ist Dr. Roland Mohr, Geschäftsführer der Infraserv Höchst, überzeugt. Außerdem will der Industrieparkbetreiber im Norden des Geländes eine neue Gasturbinen-Anlage mit zwei Gasturbinen (je 45MW elektrische Leistung) errichten. 70Millionen Euro sollen in die neue Anlage investiert werden, in der beide Turbinen in einem gemeinsamen Abhitzekessel Dampf erzeugen, der anschließend in den bestehenden Dampfturbinen zur Stromerzeugung genutzt und in das Dampfversorgungsnetz des Industrieparks eingespeist wird. Mohr: „Ein herkömmliches Konzept wäre im Vergleich zu der geplanten Gasturbinen-Anlage deutlich billiger, doch die Summe der strombedingten CO2-Emissionen wäre fast doppelt so hoch. Im Vergleich werden bei der neuen Anlage 224000Tonnen CO2 pro Jahr weniger emittiert.“ Mit der Investition in eigene Energieerzeugungskapazitäten am Standort will der Betreiber die Abhängigkeit von den externen Strommärkten weiter reduzieren. Dabei setzt Infraserv Höchst durch die Kombination des bestehenden Kohlekraftwerkes, das wie alle anderen Energieerzeugungs-Anlagen auch in Kraft-Wärme-Kopplung betrieben wird, mit der Ersatzbrennstoff-Anlage und der neuen Gasturbinen-Anlage bei den Energieträgern auf einen vielseitigen Mix.
Ein weiteres aktuelles Beispiel für die Nutzung von Ersatzbrennstoffen findet sich im Chemiepark Bitterfeld: Dort will der Standortbetreiber, die Preiss-Daimler-Gruppe, Anfang 2010 ein EBS-Heizkraftwerk in Betrieb nehmen, das gemeinsam mit Danpower und den Stadtwerken Hannover gebaut wird. Dieses soll nach den Plänen der Betreiber 12MW elektrische Leistung und 20MW Dampf erzeugen.
Auch im Industriepark Lingen setzen Standort- und Kraftwerksbetreiber auf die Methode Kraft-Wärme-Kopplung: Derzeit errichtet die RWE Power AG in Lingen ein Gas- und Dampfturbinen (GuD)-Kraftwerk, das mit einer Nettoleistung von 876Megawatt bereits ab Mitte 2009 die Produktion aufnehmen soll. Die ca. 500Millionen Euro teure Anlage wird zur Deckung der Mittellast genutzt und versorgt angrenzende Industriebetriebe mit Prozessdampf.

Versorgen, Einsparen, Services

Katalysiert werden Projekte, bei denen die Kombination aus Elektrizitätserzeugung und Wärmenutzung angestrebt sind, unter anderem durch die aktuelle Gesetzgebung. In Deutschland hat die Bundesregierung im Juni 2008 dazu das „Gesetz zur Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK)“ verabschiedet. Ziel ist es, den Anteil der Stromerzeugung aus KWK bis 2020 auf etwa 25Prozent zu verdoppeln. „Wir prüfen, wie wir unseren Anlagenpark zur Energieversorgung weiter ausbauen und die Stromerzeugung in KWK erhöhen können“, erklärt dazu Dr. Klaus Schäfer, Geschäftsführer des Chemieparkbetreibers Currenta. Darüber hinaus hat die ehemals unter „Bayer Industry Services“ bekannte Gesellschaft im April 2008 ein eigenes Klimaschutzprogramm unter der Bezeichnung „Effizienzklasse A++“ gestartet.

Das Beispiel verdeutlicht, dass nicht nur die Versorgung selbst für die Parkbetreiber zu einem immer wichtigeren Thema wird. Bei der Prüfung eigener Prozesse auf Energieeffizienz und der Umsetzung von Maßnahmen kam der Standortbetreiber zu erstaunlichen Erkenntnissen: „In 100 Projekten haben wir festgestellt, dass sich solche Maßnahmen im Durchschnitt bereits nach einem Jahr bezahlt machen“, berichtet Schäfer.

Klimaeffekte kommunizieren

Wie wichtig es ist, Energie- und Kraftwerksprojekte unter dem Gesichtspunkt des Klimaschutzes zu planen und in der Öffentlichkeit zu kommunizieren, verdeutlichen aktuelle Projekte. Denn die Widerstände gegen neue Kraftwerke sind – je nach Region und Standort – zum Teil erheblich.

So ist zum Beispiel im Chempark Krefeld-Uerdingen ein 750-MW-Steinkohlekraftwerk geplant. Um für dieses Projekt breite Unterstützung in der Politik und Bevölkerung zu finden, haben die Eigentümerin und Bauherrin Trianel sowie Currenta als der zukünftige technische Betreiber des Kraftwerks mit vielen politischen Gruppen und Nachbarn das Gespräch gesucht. In diesen Gesprächen hat die Krefelder Politik konkrete Forderungen an die einvernehmliche Umsetzung des Kraftwerks-Projekts geknüpft.
Diese reichen von der Abschaltung der alten Kessel bis zur Erhöhung des Wirkungsgrads der neuen Anlage. „Trianel und Currenta haben die Forderungen der großen politischen Parteien in den vergangenen Wochen eingehend geprüft und werden sie erfüllen können“, sagte Martin Hector, Geschäftsführer der Trianel Power Kohlekraftwerk. Dank Kraft-Wärme-Kopplung spart das Projekt gegenüber der getrennten Erzeugung von Dampf und Strom erhebliche Mengen an CO2 ein. „Für den Chempark ist das Kraftwerk ein Meilenstein. Es verbessert die Wettbewerbsfähigkeit der angesiedelten Unternehmen und sichert die Arbeitsplätze am Standort“, erläutert Chempark-Leiter Dr. Stefan Dresely.

Lösungen für das Kohlendioxid-Problem

Ein weiteres aktuelles Beispiel ist das vom Stromkonzern RWE in Hürth, in der Nähe des Industrieparks Knapsack, geplante Braunkohlekraftwerk. Damit soll erstmalig ein großtechnisches CO2-freies Kraftwerk errichtet werden. Dieses soll mit der neuen IGCC-Technologie (Integrated Gasification Combined Cycle – Kombikraftwerk mit integrierter Kohlevergasung) arbeiten. Unter allen Optionen klimaschonender Kraftwerkstechnik ist die IGCC-Technologie laut RWE die einzige schon heute in großem Maßstab realisierbare Lösung. Das Verfahren wurde von dem Unternehmen bereits in den 80er und 90er Jahren intensiv erforscht. Damals standen zunächst Effizienzsteigerungen im Vordergrund. Heute wird die Technologie vor allem aufgrund der Erfordernisse eines nachhaltigen Klimaschutzes weiterentwickelt. Im Gegensatz zu anderen Verfahren lässt sich das CO2 beim IGCC-Prozess vergleichsweise leicht abtrennen und dementsprechend die Auswirkungen der CO2-Abtrennung und der Speicherung auf den Wirkungsgrad relativ gering halten.

Das neue Kraftwerk soll am Standort Goldenbergwerk in Hürth bei Köln errichtet und mit heimischer Braunkohle betrieben werden. Die Anlage mit einer voraussichtlichen Bruttoleistung von etwa 450MW könnte bei einem optimalen Planungs- und Umsetzungsverlauf bereits 2014 ans Netz gehen. Insgesamt könnte sich das Investitionsvolumen für das Kraftwerk sowie für den Transport und die Speicherung von CO2 auf ca. zwei Milliarden Euro belaufen.
Ein weiteres Beispiel ist die von Vattenfall am Standort Schwarze Pumpe in der Lausitz für 70Millionen Euro gebaute CCS-Pilotanlage, die im September 2008 in Betrieb gegangen ist. CCS steht für „Carbon Capture & Storage“ und bezeichnet die Abscheidung, Verflüssigung und anschließende unterirdische Speicherung von Kohlendioxid aus dem Kraftwerksprozess. Das Kohlendioxid wird aus dem Rauchgas des Kraftwerksprozesses abgeschieden und mittels Druck verflüssigt. So lässt es sich transportieren und in geeigneten geologischen Formationen tief unter der Erdoberfläche oder unter dem Meeresgrund speichern.
Die Anlage soll wichtige Erkenntnisse für die weiteren Planungen liefern. Mit den Ergebnissen aus der mehrjährigen Forschungsphase sollen bis spätestens 2015 zwei Demonstrations-Kraftwerke in Deutschland und Dänemark mit etwa zehnfacher elektrischer Leistung geplant und gebaut werden, um die Technologie bis 2020 zur großtechnischen Serienreife zu führen.

Dienstleistungen werden immer wichtigeres Geschäftsfeld

Doch auch die Dienstleistungen rund um Energien werden für Standortbetreiber mehr und mehr zum Geschäftsfeld. So will sich beispielsweise Infraserv Knapsack in Zukunft verstärkt mit „Energieverfahrenstechnik“ profilieren. Prozessbetreiber sollen an ihren Standorten bei der effizienten Energieversorgung, der Anpassung von Prozessen zur besseren Energie- und Rohstoffnutzung und bei der Entwicklung bzw. Nutzung neuer energietechnischer Verfahren unterstützt werden. Zurzeit arbeiten die Experten des Standortdienstleisters bereits an drei Aufträgen mit energietechnischen Aufgabenstellungen: der Ausschreibung eines Ersatzbrennstoff-Kraftwerks, der Machbarkeitsstudie für ein Heizkraftwerk und der Machbarkeitsuntersuchung zur Erweiterung eines Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerks.

Fazit: Zum wettbewerbsfähigen Betrieb eines Industrie- bzw. Chemieparks ist es heute wichtiger denn je, am Standort Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen anzubieten. Die Standortbetreiber sind dafür längst aktiv geworden. Und: Chemieparks bieten für Energieerzeuger ein optimales Umfeld.

„Mit der Investition in eigene Kapazitäten zur Energieerzeugung erhöhen wir die Attraktivität des Standortes“
Dr. Roland Mohr ist Geschäftsführer der Infraserv Höchst
„Mit Ersatzbrennstoffen sind die Energiekosten – im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen – berechenbarer“
Dr. Hermann Teufel ist Geschäftsführer der IGS
„In 100 Effizienz-Projekten haben wir festgestellt, dass sich solche Maßnahmen im Durchschnitt bereits nach einem Jahr bezahlt machen“
Dr. Klaus Schäfer ist Geschäftsführer von Currenta

Heftausgabe: Februar 2009
Armin Scheuermann ,

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