„Die Anforderungen unserer Kernmärkte steigen“

Interview mit den neuen Geschäftsführern von TÜV SÜD Chemie Service

14.06.2017 Das Anforderungsprofil an Dienstleister in der deutschen Chemie wandelt sich: Einerseits steigen die Anforderungen, weil verschärfte Compliance-Richtlinien mehr Risiko-Asessments erfordern. Andererseits ist die nächste Welle der Auslagerung von technischen Diensten im Gange. Im CT-Gespräch erläutern der neue TÜV SÜD Chemie Service-Geschäftsführer Thomas Walkenhorst und der neue Chief Operation Officer Hans-Joachim Machetanz die Auswirkungen und Chancen für den Dienstleister.

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Bilder: sdecoret – Fotolia und TÜV SÜD

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CT: TÜV SÜD Chemie Service hat den neuen Geschäftsbereich „Process Safety Management“ gegründet. Was hat es damit auf sich?
Machetanz: Die Großkonzerne der Chemie folgen ihren strengen Compliance-Richtlinien. Als Konsequenz müssen Sicherheitsbetrachtungen in den Prozessanlagen durchgeführt werden. Diese begleiten wir, indem wir den Betreibern professionelle Moderatoren zur Verfügung stellen. Anhand der Anlagendokumentation werden dabei verschiedene Fragestellungen im Rahmen von Sicherheitsbetrachtungen diskutiert.

CT: Die Verantwortung für die Sicherheit einer Anlage liegt bei den Betreibern. Fehlt diesertise für die Sicherheitsbetrachtung?
Machetanz: Das lässt sich pauschal nicht sagen, weil die Situation bei den Betreibern sehr unterschiedlich ist. Wir werden fallweise aktiv von unseren Kunden aufgefordert, diese Dienstleistung anzubieten. In dieser Situation können wir unsere Kunden unterstützen. Bei einer Risikobetrachtung sitzen dann mehrere Experten aus verschiedenen Fachgebieten an einem Fließbild, zum Beispiel Sachverständige für die elektrotechnische Sicherheit oder für Druckbehälter. Diese diskutieren unter professioneller Anleitung unserer Moderatoren mögliche Gefahren und bewerten deren Auswirkungen. Nach einer Bewertungsmatrix werden im Anschluss entsprechende Maßnahmen definiert und umgesetzt. Der Moderator sorgt dafür, dass die Diskussion einem klaren Konzept folgt.

CT: Solche Risk-Assessments gab es schon immer. Was ist neu?
Machetanz: In der Vergangenheit war es so, dass die sicherheitstechnische Betrachtung vornehmlich bei der Planung einer neuen Anlage durchgeführt wurde. Inzwischen sind die großen Chemieunternehmen dazu übergegangen, über den gesamten Anlagenlebenszyklus hinweg das Gefahrenpotenzial einer Prozessanlage regelmäßig im Rahmen von Sicherheitsbetrachtungen neu zu bewerten. Die Basis für die Sicherheitsbetrachtungen ist die Anlagendokumenation.

CT: TÜV SÜD Chemieservice ist für die Aspekte Anlagenüberwachung sowie das Prüfen von Druckgeräten bekannt. Wie ordnen Sie hier den neuen Geschäftsbereich ein?
Walkenhorst: Die Produktlinie Process Safety Management, PSM, ist als Klammer über die beiden anderen Produktlinien zu sehen: Ausgehend von der geschilderten Neubewertung des Gefahrenpotenzials werden häufig weitergehende Maßnahmen initiiert, die durch unsere anderen Produktlinien begleitet werden.
Machetanz: Damit ist die neue Produktlinie PSM eine ideale Ergänzung zu den bestehenden Produktlinien Herstellungsüberwachung und Anlagenüberwachung – von der unsere Kunden natürlich profitieren.

CT: Der Chemie Service ist im Gesamtportfolio von TÜV SÜD eher speziell. Welche Rolle spielen für Sie die Synergien zum Mutterkonzern?
Walkenhorst: Bei der Moderation von Sicherheitsbetrachtungen gibt es aktuell große Synergien zu anderen Konzernbereichen. Wir haben ein globales Netzwerk von rund 70 Moderatoren, von denen nur ein kleiner Teil bei TÜV SÜD Chemie Service beheimatet ist. Aus diesem Grund greifen wir regelmäßig auf Ressourcen unserer Schwesterunternehmen und die Manpower eines global agierenden Konzerns zu – sowohl auf der fachlichen als auch auf der personellen Seite.

CT: Dennoch ist die Moderation von Risikobetrachtungen in der Chemie doch sehr speziell.
Walkenhorst: Das stimmt – als spezifische Branchengesellschaft werden wir immer einen sehr speziellen Fokus haben. Dennoch gibt es Überschneidungen bei den Aufgaben, die Sachverständige ausführen. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass wir in verschiedenen Chemieparks angesiedelt sind – bei den Niederrhein-Standorten von Bayer, Lanxess und Covestro genauso wie im Industriepark Höchst. Zusätzlich sind wir in Mitteldeutschland an den Standorten des Dow-Olefinverbunds präsent. Diese breite geographische Präsenz wollen wir nutzen, um weiteren Kunden im ganzen Bundesgebiet spezifisches Know-How für die Chemie anzubieten – natürlich überall mit dem gleichen hohen Qualitätsniveau.

CT: Woher nehmen sie die Moderatoren für die Chemie?
Machetanz: Wir suchen erfahrene Experten aus der Chemie und bilden diese beispielsweise auch in unserer konzerneigenen Akademie zu Moderatoren aus. Parallel dazu suchen wir Junior-Experten, die wir ebenfalls ausbilden und die vom Know how der Senior-Experten partizipieren. Die Ausbildung an unserer Akademie kann dabei mehrere Monaten dauern.

CT: Welche weiteren Synergien im Konzern sehen Sie?
Walkenhorst: Wir haben Zugriff auf den gesamten Kompetenzpool des Konzerns. Ein einfaches Beispiel: Alle unsere Kunden betreiben auch Aufzüge. Dafür bieten wir im Konzern entsprechende Prüfleistungen an. Aber auch Spezialbereiche wie die Digitalisierung können wir aus dem Konzern heraus unterstützen. Auch in der IT sind wir so gut aufgestellt, dass wir beispielsweise mit unseren Leistungen direkt in die SAP-Systeme unserer Kunden integriert sind.

CT: Wie wird die Digitalisierung von Engineering und Anlagenservices in der Zukunft Ihr Geschäft beeinflussen?
Walkenhorst: Die Digitalisierung wird definitiv dazu führen, dass wir unser Geschäftsmodell erweitern. Im Konzern wurde erst im vergangenen Jahr ein Chief Digital Officer eingestellt, der mit Hochdruck ein Center of Excellence für digitale Services aufbaut. Wir untersuchen gemeinsamm mit den Kollegen, was die Digitalisierung für unsere Kunden bedeutet und welche Dienstleistungen die TÜV SÜD Chemie Service dafür anbieten kann. Dabei spielt der Aspekt der Cyber Security eine wichtige Rolle. Hier hat TÜV SÜD bereits erste Zertifizierungen durchgeführt.

CT: Wie schätzen Sie das Thema Cybersecurity für die Chemie ein? Kommen bereits erste Anfragen auf Sie zu?
Machetanz: Aktuell haben wir noch keine konkreten Anfragen zu Aspekten der Cyber Security. Allerdings sehen wir bei diesem Thema eine große Herausforderung für unsere Kunden. Bei der immer weiter vorschreitenden Automatisierung und Vernetzung der Chemieanlagen werden die Betreiber ihre Aktivitäten im Bereich Cyber Security verstärken müssen, um auch zukünftig den sicheren und störungsfreien Betrieb der Anlagen zu gewährleisten.

CT: Cybersecurity ist nur ein Aspekt der Digitalisierung. Ein anderer sind Produktivitätssteigerungen durch die Integration von Lieferanten- und Kundensystemen. In der Instandhaltung werden Aufträge und Informationen immer noch häufig per Excel ausgetauscht. Wie stehen Ihre Kunden in der Chemie dazu?
Walkenhorst: Wir sehen einen deutlichen Bedarf nach Integration. Mit unserem Dokumentationssystem zur Überwachung von Prüffristen sind wir schon sehr weit integriert. Unsere Mitarbeiter dokumentieren bereits im SAP-System unserer Kunden, der Austausch von Informationen funktioniert komplett ohne Papier. Die Tatsache, dass wir in den SAP-Systemen unserer Kunden auch Schreibrechte haben, werten wir als enormen Vertrauensbeweis.

CT: Wo sehen Sie den TÜV Süd Chemie Service in zehn Jahren?
Machetanz: Für die deutsche Chemieindustrie, die international investiert und produziert, wollen wir sowohl bei der Investition als auch im Betrieb der Anlagen „der“ Service-Partner sein und als integraler Bestandteil wahrgenommen werden.
Walkenhorst: In Deutschland wollen wir der führende Lösungsanbieter für Anlagen- und Prozesssicherheit sein. Wir agieren dazu mit einem klaren Branchenfokus, haben aber zusätzlich den Zugriff auf die Ressourcen eines global agierenden Konzerns. Außerdem wollen wir der Lösungsanbieter für die Qualitätssicherung bei globalen Beschaffungsprozessen für Chemieanlagen-Komponenten sein. Hier sehen wir in den kommenden zehn Jahren eine Verdopplung unseres Geschäftsvolumens.

CT: Wie beurteilen Sie die Chancen dafür?
Machetanz: Das Investitionsvolumen in Deutschland steigt. Die Investitionswelle in Asien ebbt leicht ab. Die neuen Anlagen, die hierzulande gebaut werden, haben einen höheren Automatisierungsgrad und damit steigen die Anforderungen. Außerdem wird zunehmend modular gebaut. Diese Trends begleiten wir mit unseren Dienstleistungen.

Bilder: sdecoret – Fotolia und TÜV SÜD

Bilder: sdecoret – Fotolia und TÜV SÜD

Zu den Personen: Thomas Walkenhorst und Hans Joachim Machetanz

Thomas Walkenhorst (37, im Bild links) hat zum 1. März 2017 die Geschäftsführung der TÜV SÜD Chemie Service GmbH von Dr. Hans-Nicolaus Rindfleisch (65) übernommen. Hans Joachim Machetanz (48) verantwortet als Chief Operating Officer das operative Geschäft des Unternehmens. Die TÜV SÜD Chemie Service GmbH ist aus den Eigenüberwachungen von Bayer, Hoechst und Dow hervorgegangen und hat sich in den vergangenen 12 Jahren zu einem Full-Service-Provider für die Branche entwickelt. Der Mitarbeiterstamm wurde von damals 80 auf heute 200 ausgebaut.

Zur Homepage TÜV SÜD

Heftausgabe: Juni 2017

Über den Autor

Die Fragen stellte Armin Scheuermann, Chefredakteur CHEMIE TECHNIK
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