„Synergien triggern Investitionen“

Interview mit Dr. Günter Hilken, Vorsitzender der Currenta-Geschäftsführung

12.04.2013 Mit Standorten in Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen ist Currenta der größte Chemieparkbetreiber in Europa. Und Currenta-Geschäftsführer Dr. Günter Hilken ist zuversichtlich, dass das Geschäft weiter wachsen wird: „Jeder Euro, den wir investieren, zieht drei Euro an zusätzlichen Investitionen nach“, erklärt Hilken.

Anzeige

CT: Von den großen deutschen Chemieunternehmen war in jüngster Vergangenheit zu hören, dass Neuinvestitionen nur noch an Standorten getätigt werden, die über ihre Verbundstrukturen Synergien bieten.
Hilken: Wir stehen in Europa in einem internationalen Wettbewerb. Ich bin überzeugt, dass das Geschäftsmodell des Chemieparks hier einen erheblichen Standortvorteil bietet. Deutschland verfügt hier als Wegbegleiter dieses Geschäftsmodells über große Erfahrung und Kompetenz. Auf deren Grundlage lassen sich Vorteile durch eine immer intensivere Vernetzung erschließen. Wir im Chempark wollen unsere Kunden nicht nur mit Energie in der gewünschten Form versorgen, sondern nachhaltig für sie einen Mehrwert in der Wertschöpfungskette generieren, indem wir Synergien im Anlagenumfeld zu anderen Chempark-Partnern ermöglichen. Nehmen wir zum Beispiel das TDI-Projekt, in das Bayer Material Science in Dormagen 150 Mio. Euro investiert. Das finnische Unternehmen Kemira wird die dort als Nebenprodukt anfallende Salzsäure für die Herstellung von Wasserbehandlungschemikalien nutzen.

CT: Im Zusammenhang mit den aktuellen Investitionen an den Chempark-Standorten hatten Sie im vergangenen Jahr die Aussage getroffen, dass „jeder von Currenta investierte Euro drei Euro Investitionen nach sich zieht“. Ist der Ursache-Wirkungszusammenhang so einfach?
Hilken: Die Statistik der vergangenen Jahre unterstreicht diesen: Bei Gesamtinvestitionen von 4,2 Mrd. Euro betrug unser eigener Anteil rund eine Milliarde Euro. In der Regel geben unsere Chempark-Partner durch ihre Aktivitäten den Anstoß zu von uns getätigten Investitionen. Entscheidend ist aber, dass wir unsere finanziellen und personellen Ressourcen mit Blick auf das Projekt sowohl zum Nutzen des Partners als auch der Zukunftsfähigkeit des gesamten Standorts einsetzen. Somit sorgen wir für eine optimale Integration in den Chempark-Verbund bei gleichzeitig geringerem Investitionsbedarf für Infrastruktur.

CT: Vor einigen Jahren hätten die Chemieunternehmen als Eigner der Standortgesellschaften in den deutschen Chemieparks ihre Anteile größtenteils am liebsten verkauft. Heute scheint die Sichtweise eine komplett andere zu sein. Wie gerne sind die Currenta-Eigner bereit, Geld in Infrastrukturprojekte zu stecken?
Hilken: Unsere Eigner haben ein sehr starkes Commitment zum Chempark. Sie haben uns die Aufgabe übertragen, den Chempark zu managen und weiterzuentwickeln und Investitionen hierher zu holen. Schließlich profitieren die Eigentümergesellschaften selbst auch direkt von einer effizienten Infrastruktur und attraktiven Dienstleistungen.

CT: In den kommenden beiden Jahren wollen Sie seitens Currenta jährlich bis zu 250 Mio. Euro investieren. Können Sie hierzu bereits konkrete Projekte benennen?
Hilken: Die TDI-Anlage in Dormagen ist sicher ein herausragendes Projekt, bei der sich Currenta unter anderem um insgesamt 48 Produkt- und Energieanschlüsse sowie 14 unterschiedliche Energiearten kümmert. Von den rund 42 Mio. Euro, die hier zwischen Ende 2012 und Mitte 2014 investiert werden, profitiert der gesamte Standort, da so die gut ausgebaute Ver- und Entsorgungsinfrastruktur noch effizienter ausgenutzt wird. Im laufenden Jahr werden wir bei den Sachanlagen in Höhe von insgesamt 110 Mio. Euro, zum Beispiel in eine weiterhin wettbewerbsfähige Energieversorgung (35 Mio. Euro), neue Umwelttechnik (45 Mio. Euro) und eine moderne Infrastruktur (12 Mio. Euro) mit optimaler logistischer Anbindung investieren. Mit 56 Prozent entfällt der Löwenanteil des Currenta-Budgets 2013 auf Revisionen sowie die Instandhaltung bestehender Anlagen. Im Fokus all unser Aktivitäten stehen immer unsere Kunden, denen wir nicht nur die passende, sondern auch die attraktivste Dienstleistung anbieten wollen. Gerade um den Verbund, einen der Hauptstärken eines Chemieparks, weiter zu entwickeln, kommt es darauf die passenden Investoren für Freiräume im Chempark zu finden. Dies eröffnet neuen und alten Chempark-Partnern ein Maximum an Synergien, stärkt den Chemiestandort Deutschland und gibt ihm nachhaltig eine Perspektive.

CT: Welchen Einfluss hat die derzeitige Energiepolitik?
Hilken: Einen sehr großen. Schon vor dem Ausrufen der Energiewende zählten die deutschen Energiepreise zu den höchsten in Europa. Gleichzeitig sind viele Produktionsprozesse in der Chemischen Industrie energieintensiv. U.a. deshalb hat zum Beispiel Currenta bereits vor vielen Jahren damit begonnen, systematisch Möglichkeiten zu finden, den Betrieb von Kraftwerken oder Umweltanlagen energetisch zu optimieren. So sparen wir zum einen heute ein Sechstel unserer klimarelevanten Emissionen und sichern so auch unsere Wettbewerbsfähigkeit. Schon seit vielen Jahren basiert die Energieversorgung im Chempark auf dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung. Indem der Brennstoff sowohl zur Strom- als auch Dampferzeugung eingesetzt wird, lassen sich Wirkungsgrade von nahezu bis zu 90 Prozent erreichen. Dies wird auch der Fall bei den geplanten Gas- und Dampfkraftwerken in den Chempark-Standorten Leverkusen und Krefeld-Uerdingen der Fall sein.
Currenta unterstützt die Klimaschutzziele der Bundesregierung. Für unsere Wettbewerbsfähigkeit ist es allerdings immens wichtig, dass unsere Standorte in NRW sowohl international als auch national nicht benachteiligt werden. Wir machen uns Sorgen, dass potenzielle Investoren zum Beispiel durch das NRW-Klimaschutzgesetz abgeschreckt werden könnten. Darüber hinaus dürfen die sinnvollen Anreize aus dem Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz (KWKG) zur Investition in neue, effiziente KWK-Anlagen nicht zunichte gemacht werden durch neue Belastungen, etwa durch eine EEG-Umlage auch für selbst erzeugten Strom.
Denkt man an die technischen Möglichkeiten, die Chemieparks als kontinuierliche Energieverbraucher und -senken in Kombination mit den Möglichkeiten einer flexiblen Fahrweise bieten, könnten wir sogar eine noch aktivere Rolle bei der Energiewende spielen, als industrial smart grid oder Energiespeicher.

CT: Der Bayerkonzern plant derzeit auch Investitionen in den USA – rechnen Sie damit, dass diese Investitionen dann an Ihren Standorten fehlen werden?
Hilken: Wir fokussieren uns klar als Manager und Betreiber auf die drei Chempark-Standorte in Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen. Unser Ziel ist es, uns langfristig als einer der attraktivsten Chemiestandorte in Europa zu positionieren. Aber schauen Sie: Das 150 Mio. Euro schwere TDI-Projekt von Bayer MaterialScience im Chempark Dormagen sowie die damit verbundenen Investitionen von Air Liquide oder der kontinuierliche Ausbau des Aromaten-Verbundes durch Lanxess im Chempark Leverkusen unterstreichen sehr wohl die Zukunftsfähigkeit unserer Standorte.
Gut ausgebildete Mitarbeiter und eine effektive Logistik waren jahrzehntelang Garant für unseren Erfolg. Heute verändern sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen jedoch immer schneller. Faktoren wie die Industriefeindlichkeit, die durch die Aufwertung der Industrie im Zuge der Finanzkrise als Garant für Wohlstand temporär etwas an Brisanz verloren haben, oder die Energiepreisvorteile in den USA infolge der Schiefergasförderung, könnten das Pendel sehr schnell zu Ungunsten des Wirtschaftsstandorts Deutschland ausschwingen lassen.
Die chemische Industrie ist heute die drittgrößte Branche in Deutschland und beschäftigt fast 430.000 Erwerbstätige. Darüber hinaus entwickelt sie Lösungen zum Schutz der Umwelt und des Klimas, zum Beispiel durch kontinuierliche Effizienzsteigerungen auf höchstem Niveau, durch energiesparende Produkte und durch Projekte zur Bereitstellung effektiver Verfahren der CO2-Verwertung. Aber die Branche benötigt in Zeiten der Globalisierung auch mehr Schutz für das heimische Wirtschaftsklima. Noch mehr Belastungen, zum Beispiel bei den Energiekosten, kann sich der Industriestandort Deutschland nicht mehr leisten.

Zur Person
Dr. Günter Hilken

Dr. Günter Hilken wurde 1954 in Leverkusen geboren. Er studierte Chemie an der Universität Köln und promovierte dort 1983 in Organischer Chemie. Im darauf folgenden Jahr trat er in den Geschäftsbereich Kautschuk der Bayer AG in Dormagen ein und war dort als leitender Forschungschemiker für verschiedene Gebiete der Geschäftsbereiche Kautschuk und Polyurethane tätig. Ab 1994 folgten Stationen als Betriebsleiter in der Kautschukproduktion und als Werksleiter in Kanada. 1999 wurde Hilken zum Präsidenten der Fibers, Additives and Rubber Division in den USA ernannt. 2002 kehrte er nach Leverkusen zurück und wurde Leiter des Bereichs Global Operations MDI. Hilken fungierte von 2004 als Leiter der Business Unit „Polycarbonates“. In dieser Funktion wurde er 2007 in das Executive Commitee von Bayer Material Science berufen. 2011 wechselte Hilken zu Currenta und ist seit 1. August 2011 Vorsitzender der Geschäftsführung. Hilken ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Hier kommen Sie zur Webseite von Currenta.

Weitere CT-Beiträge zum Chempark-Dienstleister finden Sie hier.

Heftausgabe: April 2013

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
Loader-Icon