Automation

Interview mit Dr. Norbert Kuschnerus, Bayer Technology Services

Anlagenbau
Chemie
Pharma
Ausrüster
Planer
Betreiber
Einkäufer
Manager

07.10.2008 Das Schlagwort „Operational Excellence“ prägt derzeit die Chemieindustrie in Deutschland. Welche Rolle darin die Automatisierungstechnik einnimmt und wie sich das Zusammenspiel zwischen Betreibern, Systemintegratoren und Anbietern ändert, besprach die CT mit Dr. Norbert Kuschnerus, Leiter Process Management Technology bei Bayer Technology Services (BTS) und Vorstandsvorsitzender der Namur.

Anzeige

CT: Operational Excellence müsste eigentlich vom Management der Prozessbetreiber ausgehen. Wie kommt es, dass vor allem Dienstleister und Prozessautomatisierer das Thema besetzen?

Kuschnerus: Als Dienstleister gehört es zu unseren Aufgaben, Trends frühzeitig zu erkennen. Bevor Bayer Technology Services damit begonnen hat, das Thema zu forcieren, haben wir uns bei Produktionsleitern umgehört und schnell festgestellt, dass die Operational Excellence-Initiative genau den Nerv treffen würde. Mittlerweile hat eine ganze Reihe großer Chemie- und Pharmaunternehmen entsprechende Initiativen gestartet. Die Automatisierung liefert dazu einen sehr wichtigen Beitrag.

CT: Wie sieht dieser konkret aus?

Kuschnerus: Vereinfacht gesagt: Wir holen noch den letzten Rest aus den Anlagen raus. Denn unsere Erfahrung ist: Auch wenn der Prozess von der Verfahrenstechnik her in Ordnung ist, der Mensch kann ihn nicht so gut führen wie eine gute Maschine. Wenn man die optimale Prozessführung mit Mitteln der Automatisierung entwerfen und auslegen kann, dann kann sehr gut ausgebildetes Personal im laufenden Betrieb in Ruhe überlegen und austesten, was noch verbessert werden kann. Auf diese Art und Weise lassen sich noch einmal zehn Prozent mehr Leistung oder aber Kosteneinsparung aus dem Prozess holen.

CT: Welche Bedeutung haben die Aspekte Anlagenbewirtschaftung und Logistik im Hinblick auf Operational Excellence?

Kuschnerus: Eine enorm große. Die Logistikkosten, berechnet auf den Umsatz, betragen durchschnittlich 12%. Best in class ist ein Wert von 6%. Und es gibt Firmen, deren Umflaufvermögen bei 30 bis 50% des jährlichen Umsatzes liegen. Allein aus diesen Angaben wird klar, wie viel Potenzial hier besteht. Aber häufig ist die Sicht eine ganz andere: Wenn Betriebe zum Beispiel glauben, Produktionsaufträge nicht mehr annehmen zu können, weil sie ausgelastet sind, greift oft eine moderne Produktionsoptimierung. Ein Kunde konnte beispielsweise im Mittel 30 Aufträge pro Tag nicht annehmen. Durch eine Optimierung der Produktionsplanung mit genetischen Algorithmen wurde es möglich dies auf drei pro Tag zu reduzieren. Auch das bedeutet für den Betreiber bares Geld.

Mehr und mehr müssen auch globale Produktionsverbünde optimiert werden. Und selbst der Gedanke einer „grünen Logistik“ kann inzwischen ein Optimierungsziel sein. Das verlangt komplexe Ansätze, das schafft man nur über aufwendige mathematische Modelle und Optimierungsprogramme.

CT: Operational Excellence ist also kein Automatisierungsthema, sondern ein interdisziplinärer Ansatz.

Kuschnerus: Unbedingt. Deshalb haben wir den Bereich „Automatisierung“ bei BTS „Process Management“ genannt. Wir sprechen zwar noch von der „Automatisierung“, meinen aber viel mehr als die alte Mess- und Regeltechnik. Unsere Teams bestehen aus Naturwissenschaftlern der unterschiedlichsten Fakultäten. Ein Mittel, um Operational Excellence zu erreichen, ist die Automatisierung. Sehr wichtig ist aber das enge Zusammenspiel mit der Verfahrenstechnik und dem Engineering. Nur mit einer auf den jeweiligen Prozess hin optimierten interdisziplinären Vorgehensweise kann man eine Produktion an den technischen Grenzen fahren.

CT: Was wird sich durch die Forderung nach „Operational Excellence“ im Rollenspiel zwischen Herstellern, Dienstleistern und Prozessbetreibern ändern?

Kuschnerus: Eine vielschichtige Frage. Die Hersteller von Automatisierungskomponenten oder -systemen verstehen oftmals den Produktionsprozess des Kunden nicht wirklich. Außerdem versuchen insbesondere die großen Hersteller aufgrund des Kostendrucks Produkte anzubieten, die für die ganze Breite der Industrie nutzbar sind – und können deshalb kaum auf spezifische Anforderungen eingehen. Der Produzent aus der Prozessindustrie kennt seinerseits nicht alle technischen Möglichkeiten, die die Hersteller von Automatiserungssystemen und -komponenten anbieten.

Hier kommt der Dienstleister in einem harmonischen Dreiklang ins Spiel: Unsere Erfahrung ist, dass wir als Mittler zwischen Hersteller und Produzent für das Design von Operational Excellence Fachleute brauchen, die den Produktionssprozess verstehen und über eine vernünftige, problembezogene Automatisierung das Maximum herausholen können.[AS]

„Wir sprechen zwar noch von der „Automatisierung“, meinen aber viel mehr als die alte Mess- und Regelungstechnik“
Dr. Norbert Kuschnerus ist Leiter Process Management Technology und Senior Vice President der Bayer Technology Services und Vorstandsvorsitzender der Namur

Heftausgabe: Oktober 2008

Über den Autor

Scheuermann
Loader-Icon