„Volatilität ist für uns nichts Neues“

Interview mit Jürgen Nowicki, Linde Engineering

01.06.2015 Wohl kaum eine Frage beschäftigt die Anlagenbau-Branche derzeit so sehr wie die nach den Konsequenzen des niedrigen Ölpreises. In Kombination mit der politischen Situation in Russland derzeit kein einfaches Umfeld, in dem sich die Linde Engineering Division im vergangenen Jahr aber trotzdem sehr gut behaupten konnte. Die CT-Redaktion sprach mit Jürgen Nowicki, Sprecher der Geschäftsleitung von Linde Engineering, über die aktuelle Lage und die Boom-Region Nordamerika.

Anzeige

CT: Welchen Einfluss hat die Ölpreis-Entwicklung auf das Projektgeschäft von Linde Engineering?
Nowicki: Der konkrete Einfluss des Ölpreises auf das stark projektgeprägte Engineering-Geschäft ist gar nicht so einfach zu messen. Denn bereits ein einziger Großauftrag mehr oder weniger kann das Bild vollständig verändern. Wir haben einen hohen Auftragsbestand und sind daher gegenüber kurz- und mittelfristigen Marktschwankungen robust aufgestellt. Nehmen Sie zum Beispiel Russland – das war für uns schon immer ein sehr interessanter Markt mit riesigen Erdgasvorkommen. Das riesige Potenzial des Landes wird sich noch besser entwickeln lassen, sobald sich die Situation dort politisch beruhigt hat.

CT: Neben dem großen Sibur-Projekt in Russland hat Linde Engineering im vergangenen Jahr auch noch ein großes Cracker-Projekt in den USA an Land gezogen. Sind die USA für den Anlagenbau derzeit ein Eldorado?
Nowicki: Von einem Eldorado würde ich nicht sprechen. Wir beobachten aufmerksam, wie sich die vielen Crackerprojekte in den USA entwickeln. Es gab im letzten Jahr in den USA viele Projekte, die von den Investoren verschoben worden sind. Und zwar weniger wegen des niedrigen Ölpreises, sondern vor allem wegen der stark gestiegenen Bau- und Montagekosten. Der Markt für Bauleistungen ist in den USA stark in Bewegung und die Preise sind um 30 bis 40 Prozent gestiegen. In Kombination mit dem stark gefallenen Ölpreis kommen dann verständlicherweise viele Projekte auf den Prüfstand.

CT: Für die Chemie-Töchter der Ölkonzerne ist diese Vorsicht erklärbar. Aber generell müsste der niedrige Ölpreis für Chemieinvestoren doch gut sein?
Nowicki: Ja, wenn man sich die Situation im Downstream-Bereich ansieht und die trotz des niedrigen Ölpreises relativ stabilen Preise der Primärkunststoffe betrachtet, dann stimmt das. Investoren lassen sich für ihre auf 20 bis 30 Jahre angelegten Projekte auch weniger von kurzfristigen Ölpreisentwicklungen leiten. Es bleibt ja abzuwarten, ob sich der Ölpreis nachhaltig nach unten verändert, oder ob die Preise in zwei Jahren wieder jenseits von 100 Dollar pro Fass liegen werden. Auf der anderen Seite sind bei dem niedrigen Ölpreis plötzlich Naphtha-Cracker wieder deutlich wirtschaftlicher. Für in Europa bereits existierende Anlagen ist das gut, für neue Projekte, die auf Schiefergas basieren, ist das weniger gut. Die aktuelle Volatilität macht Prognosen schwierig.

CT: Das wundert mich eigentlich. Denn die Volkswirte müssten die Szenarien doch berechnen können.
Nowicki: Die grundsätzlichen Trends können sicherlich gut prognostiziert werden, aber präzises Timing und die Vorherstage möglicher Gegentrends sind deutlich schwieriger. Das Geschäft mit Ethylenanlagen war schon immer zyklisch. Die Frage ist: Stehen wir schon am Ende des von Shalegas getriebenen Investitions-Booms? Als Anlagenbauer kennen wir das Auf und Ab des Marktes: In der Konsolidierungsphase sieht man alle zwei Jahre ein großes Cracker-Projekt – in der Boomphase sind es drei bis vier pro Jahr. Die Kunst besteht natürlich darin, zu erkennen, in welcher Phase des Zyklus‘ wir uns derzeit befinden.

Heftausgabe: Juni 2015
Seite:

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
Loader-Icon