Die Zukunft der Analysensensorik in Prozessanlagen

Interview mit Namur-Vorstandsmitglied Dr. Thomas Steckenreiter

19.10.2015 Viel weniger klassische Sensoren und mehr Prozessanalysentechnik – auf diesen Nenner lässt sich aus Sicht von Namur-Vorstand Dr. Thomas Steckenreiter die Zukunft der Instrumentierung moderner Chemieanlagen bringen. Im CT-Interview erläutert der PAT-Experte die Hintergründe für diese Vision sowie die Wünsche der Namur an die Hersteller von Prozessanalysentechnik.

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CT: Derzeit vollzieht sich nicht nur ein Trend zum „Internet der Dinge“, sondern auch zur „Chemieindustrie der Dinge“. Was treibt diesen Trend und welche Rolle wird die Sensorik in einer solchen vernetzten Welt spielen?
Steckenreiter: Wir beobachten schon seit einiger Zeit, dass die Anforderungen der Kunden immer spezieller werden. Nicht nur in der Pharmazie, wo das Thema „personalisierte Medizin“ wichtiger wird, sondern auch für Consumer-Care-Produkte und selbst in der Chemie sehen wir immer mehr Produkte in immer kleineren Mengen. Wo man früher ein Massenprodukt hatte, werden heute mehr und mehr kundenspezifische Varianten hergestellt. Die Endfertigung dazu wird durch die hohe Produktvielfalt immer komplexer. Das bedeutet, dass bestehende Systeme oft umgerüstet werden müssen. Die Automatisierungs- und Sensortechnik muss uns hier helfen. Da schmerzt es uns umso mehr, dass wir beim Feldbus nach wie vor auf der Stelle treten – 4…20-mA-Hart-Technik ist immer noch die am meisten gewählte Lösung, mit allen Nachteilen für eine flexible Produktion.

CT: Die aktuelle Feldbus-Technik mit ihren niedrigen Bandbreiten wird da kaum helfen – und eine ethernetbasierte Lösung ist trotz Einigung unter den in der APL-Gruppe vertretenen Herstellern noch nicht in Sicht – es ist von Jahren die Rede. Reicht Ihnen diese Perspektive?
Steckenreiter: Wir wünschen uns da deutlich mehr Speed. Die Veränderungen in der Produktion finden ja bereits statt. Und es ist doch nicht mehr zeitgemäß, dass zum Beispiel Ingenieure ihre Zeit dafür opfern, vor Ort in der Anlage Hunderte von Feldgeräten neu zu parametrieren, um schnell auf ein neues Produkt umzustellen. Hier wünschen wir uns einen neuen Feldbus, der für den Anwender einfach einzusetzen ist und eine höhere Bandbreite aufweist. Um die dringend benötigte Akzeptanz für einen solchen Feldbus zu erreichen, empfehlen wir in der überarbeiteten NE74 u. a. für Feldgeräte und Leitsysteme künftig die am meisten verbreiteten Protokolle Profinet und Ethernet IP (nach IEC61784-2,CPF2/2 und IEC61784-2,CPF3/5) und einen einheitlichen Physical Layer festzulegen und einzusetzen. Auch bei der Geräteintegration fordert die Namur schon seit Jahren für FDI eine herstellerunabhängige OPC-UA-Schnittstelle, die es uns erlauben würde, Daten flexibel in übergeordneten Systemen wie z. B. einem Asset-Management-System einzusetzen. Heute können wir hierfür meist nur die Systeme des jeweils verwendeten Leitsystems verwenden.

CT: Wird der Markt für Sensorik und Analytik zwangsläufig stärker segmentiert werden, wenn einerseits typische World-Scale-Chemieanlagen, andererseits immer kleinere modulare Pharma- und Feinchemieprozesse realisiert werden?
Steckenreiter: Ich glaube, dem Sensor ist das egal. Lediglich für disposable Anlagen wird es in der Zukunft auch zunehmend disposable Sensoren geben. Darüber hinaus gilt: Durchfluss ist Durchfluss und Druck bleibt Druck. In einer Konti-Anlage mit einer variablen Endfertigung ist die Sensorkonfiguration nur einmalig notwendig. Bei Batch- und Multipurpose-Anlagen muss man die Sensorkonfiguration dagegen oft und schnell laden können. Das entspricht auch dem Tauchnitz-Vorschlag zur dezentralen Intelligenz. Das automatische Justieren des Sensors wäre ebenfalls sehr wünschenswert. Dafür braucht man die schnellen Busse. Hersteller, die dazu ein cleveres Konzept entwickeln, bei dem Sensor-Basisfunktionalität und -Intelligenz durchaus auch physikalisch getrennt sind, werden hier punkten.

Heftausgabe: Oktober 2015
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Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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