„Ein riesiger Schritt für die Prozessautomation“

Interview mit Tim-Peter Henrichs, Yokogawa, zum Thema modulare Automation

12.05.2016 Modulare Automation und die Trennung der Regelaufgaben von Zusatzinformationen haben gravierende Konsequenzen für die Automatisierungsstruktur in Prozessanlagen. Tim-Peter Henrichs vom Leitsystemhersteller Yokogawa sieht in der modularen Automation den entscheidenden Schritt zur Industrie 4.0 in der Prozessindustrie und eine Zäsur ähnlich wie die Einführung der Prozessleitsysteme Mitte der 70er Jahre.

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Tim-Peter Henrichs ist bei Yokogawa Deutschland Head of IA Business Development, „Der entscheidende Schritt zur Industrie 4.0 in der Prozessindustrie ist die modulare Automation. Dieser wird mindestens genauso groß sein, wie die Einführung der Prozessleitsysteme Mitte der 70er Jahre.“

CT: Automatisierung wird durch Zusatzfunktionen wie Diagnose oder Asset Management immer komplexer. Jüngst wird deshalb diskutiert, die eigentlichen Regelfunktionen von optionalen Informationen logisch und technisch zu trennen. Zusätzliche Prozessinformationen sollen künftig rückwirkungsfrei von Cloud-Diensten verarbeitet werden. Halten Sie diese Struktur für die Zukunft ebenfalls für sinnvoll?
Henrichs: Allerdings, und Yokogawa bietet mit dem Geschäftsbereich Industrial Knowledge Cloud-basierte Dienstleistungen an.

CT: Wie wird das die Struktur der Automatisierungstechnik verändern?
Henrichs: Das hängt davon ab,  ob es sich um eine Greenfield- oder eine Brownfield-Anlage handelt. Daten, die für die Prozessführung nicht unmittelbar relevant sind, werden künftig um das Leitsystem herum geführt werden. Aber wie bei allen Technologien gibt es Anwendungen, die das eher zulassen, und solche, die es nicht zulassen.

CT: Wie aufgeschlossen sind die Anwender, solche Dienste zu nutzen?
Henrichs: Es gibt Firmen, die dafür sehr offen sind und das sogar vorantreiben, und es gibt Firmen, die wollen die Daten im PLS halten. Ich glaube, dass sich die Letzteren noch nicht darüber im Klaren sind, welche Datenmengen dafür über die Controller geschoben werden sollen. Und meiner Meinung nach ist die Bereitschaft dafür auch weniger eine Frage der Branche als die der Applikation.

CT: Welches sind aus Ihrer Sicht die spannendsten zusätzlichen Dienste, die dem Anwender am meisten Nutzen versprechen?
Henrichs: Das sind sicherlich die DaaS – Data as a Service, die in dieser Form einzigartig in der Branche sind. Industrial Knowledge ermöglicht es, weltweit Informationen in Echtzeit zu teilen und aus der Ferne Assets zu überwachen. Mit diesen DaaS können wir Datenbereinigung, -echtheit und -analyse sicherstellen. DaaS dient als Plattform für Beratungsdienstleistungen und Echtzeit-KPI-basierte Lösungen, die eine flexible und robuste Fahrweise unterstützen.

CT: Sie haben am ZVEI-Whitepaper zur modularen Automation mitgearbeitet – das Thema ist von den Anwendern mit großem Enthusiasmus aufgegriffen worden. Wie stellt sich für Sie die Situation dar?
Henrichs: Das ist so: Es gibt einige Betreiberfirmen, die das Thema stark vorantreiben. Und auch auf der Herstellerseite ist das Interesse groß, bei der modularen Automation voranzukommen. Was wir noch vermissen, sind die Anlagenbauer bzw. Hersteller der Package Units – da gibt es bislang nur einzelne, die das Konzept aufgreifen. Wir müssen noch weitere erreichen.

CT: …diese müssen bereit sein, Ihr Know-how in einem MTP abzulegen.
Henrichs: Richtig. Wie grau oder wie schwarz diese Box sein wird, steht aber noch nicht fest. Der Modullieferant hätte aus Gründen des Know-how- und Garantie-Schutzes gerne eine Black Box, manche Anwender hätten am liebsten eine White Box, bei der sie die Automatisierung des Moduls bis ins letzte Detail mitbestimmen können – aber das wiederspricht dem Grundgedanken einer modularen Automation. Die Wirklichkeit wird irgendwo dazwischen liegen. Wir sind der Meinung, dass mit der modularen Automation der signifikante Nutzen des modularen Anlagenbaus, Time-to-Market, erhöht wird. So werden beispielsweise in der Pharmaindustrie schon seit vielen Jahren Package Units in großer Zahl eingesetzt. Dort ist der Aufwand für das Testen von Schnittstellen ein echtes Zeit- und Kostenthema. Und diese Tests schaffen ja auch keinen Mehrwert.

Heftausgabe: Mai 2016
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Über den Autor

Die Fragen stellte CT-Chefredakteur Armin Scheuermann
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