Keine Stornos bei Großprojekten

Interview mit Werner Schwarzmeier, Linde AG, Geschäftsbereich Engineering

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12.03.2009

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CT: Seit einigen Jahren ist der Trend zu einer rohstoffnahen Errichtung von Großanlagen zu beobachten. Durch den gesunkenen Ölpreis hat sich nun aber die Kalkulationsbasis und eventuell auch die Wirtschaftlichkeit geändert. Hat dies in jüngster Zeit zu Stornierungen geführt? Womit rechnen Sie für die nächsten Jahre?

Schwarzmeier: Die Wirtschaftlichkeit eines Projektes hängt mit den Möglichkeiten der einzelnen Staaten beziehungsweise Kunden zusammen. Bei 140 US-Dollar pro Barrel war so gut wie jedes Projekt wirtschaftlich. Bei 40 Dollar pro Barrel wird es für einige Länder schwierig, in den anstehenden Projekten ausgeglichene Zahlungsbilanzen zu erreichen.
Einige Beispiele: Venezuela bräuchte einen Ölpreis von 90 Dollar pro Barrel, um die begonnenen Projekte zu Ende führen zu können. Beim jetzigen Ölpreis wird die Zahl der Projekte reduziert, und es bleiben nur die am weitesten fortgeschrittenen übrig. Was man gerade beginnen wollte, wird auf Eis gelegt, was man eben erst begonnen hat, wird auf Hold gestellt oder gestreckt. Zu Stornierungen ist es in den von Linde bearbeiteten Groß-Projekten bislang nicht gekommen. Allerdings wurden einzelne, kleinere Projekte verschoben oder gestreckt – aber das geschah bislang nur in sehr geringem Umfang.

CT: Die Downstream-Projekte der Öl- und Gas-fördernden Länder wurden in den vergangenen Jahren zum Teil aufgrund der Engineeringkapazitäten und Investitionskosten behindert. Sehen Sie durch die Konjunktur eine Entspannung oder wirken Aspekte der Finanzierung dem weiteren Ausbau derzeit entgegen?

Schwarzmeier: In Regionen, in denen viele Großprojekte gleichzeitig abgewickelt werden, leiden die Kunden darunter, dass es zu Terminüberschreitungen kommt oder die Projekte nicht in der geforderten Qualität fertiggestellt werden. Auch die Kunden in Nahost planen derzeit, die Projekte erst einmal zu konsolidieren, um wieder weiterzumachen, wenn sich der Markt entspannt hat. Das heißt, einige Projekte werden verschoben, andere werden verkleinert. Aber insgesamt ist die Finanzkraft im Nahen Osten so groß, dass sich die Vorhaben selbst bei einem Ölpreis von 45 Dollar pro Barrel noch rentieren.

CT: Wie schätzen Sie die Zukunftsaussichten dieser Region ein?

Schwarzmeier: Die Kunden in Nahost stehen nach wie vor zu ihren geplanten Projekten. Denn sie rechnen langfristig mit einer steigenden Nachfrage aus den Schwellenländern, insbesondere aus China und Indien. Die Nähe zu diesen Kunden, vergleichsweise niedrige Rohstoffpreise sowie der Vorteil der „economy of scale“ der Anlagen im Nahen Osten bauen kann, gehören zu den erheblichen Wettbewerbsvorteilen dieser Region.

CT: Und wie schätzen Sie die Entwicklung seitens Linde für die BRIC-Staaten ein?

Schwarzmeier: Die Projekte in Brasilien werden offensichtlich unvermindert weitergeführt. Es gibt dort keine Hold- oder Stopp-Strategie. Russland ist deutlich stärker vom Öl- und Gaspreis abhängig. Dort wurden die Projekte deutlich verlangsamt. Aber Öl und Gas werden auch wieder teurer werden. Deshalb gehe ich davon aus, dass das Projektgeschäft in Russland nach einer Zeit der Konsolidierung wieder in Gang kommen wird.
In Indien ist kein Abschwung erkennbar. Nach wie vor wird dort in die Stahlindustrie, die Petrochemie oder in Raffinerien – dort insbesondere in umweltschonende Technologien – investiert. Wir sehen hier eine starke Nachfrage nach unseren Produkten. Auch in China laufen die Projekte weiter. In der dortigen Stahlindustrie ist eine Konsolidierung zu beobachten: Von vielen kleinen Anbietern hin zu wenigen großen. Außerdem hat China noch einen großen Bedarf an Technologien zur Kohlevergasung oder Kohleverflüssigung.

CT: Woher kommt die vergleichsweise robuste Situation in Indien?

Schwarzmeier: Indien ist sehr viel weniger vom Export abhängig. Außerdem ist die Bevölkerung in Indien sehr jung und im Durchschnitt gut ausgebildet. Diese Menschen möchten am Wohlstand teilhaben. Und dies führt zu einer hohen Nachfrage nach chemischen Produkten, bzw. nach Stahl, nach Produkten, wie sie beispielsweise im Automobilbau eingesetzt werden. Wir glauben, dass die Vorhaben der indischen Regierung nicht in der Geschwindigkeit wie in China vorangetrieben werden – aber auf jeden Fall nachhaltig.

CT: Welche Technologien haben derzeit den größten Einfluss auf Ihre Aktivitäten und womit rechnen Sie für die Zukunft?

Schwarzmeier: Derzeit herrscht eine starke Nachfrage nach kleinen und mittelgroßen LNG-Anlagen (Anm. d. Redaktion: LNG = verflüssigtes Erdgas). Der nochmalige Lieferstopp der Erdgaslieferungen durch die ukrainischen Pipelines hat vielen die Augen geöffnet, dass man die Abhängigkeit von Pipelinelieferungen reduzieren muss. Die jahrzehntealten Kunden-Lieferanten-Abhängigkeiten sollten durch flexible Kunden-Lieferanten-Beziehungen abgemildert werden. Und das ist am besten über LNG zu erreichen. Die LNG-Tankschiffe werden dorthin dirigiert, wo die Nachfrage ist. Darüber hinaus ist es bei LNG für den Kunden einfacher, den Lieferanten zu wechseln.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Wasserstoffbedarf im Raffineriebereich: Dieser wird weiter steigen – schon aus Gründen des Umweltschutzes. Auch in den Entwicklungsländern werden Umweltbelange zunehmend ernst genommen.

CT: Welche Rolle spielt die Diskussion um das Treibhausgas CO2?

Schwarzmeier: Das ist ein Zukunftsmarkt in dem wir bereits tätig sind. Gemeinsam mit verschiedenen Energieunternehmen arbeiten wir an Verfahren zur CO2-Abtrennung und Verpressung. Es gibt dazu bereits Pilotprojekte. Wenn diese erfolgreich sind, ergeben sich daraus große Wachstumspotenziale.

CT: Wie gehen Sie bei Linde mit dem Ingenieurmangel um?

Schwarzmeier: Natürlich hat uns der Ingenieurmangel auch getroffen. Um die Jahrtausendwende ging es den meisten Engineeringfirmen schlecht, und es wurden Kapazitäten abgebaut – wir hatten dagegen einige Sonderprojekte, weshalb wir es uns leisten konnten, damals sehr qualifizierte Ingenieure einzustellen. Insbesondere aus den Mangelbereichen wie Maschinenbau und Elektrotechnik. Und wir sind auch nach wie vor in der Lage, Ingenieure aus diesen Mangeldisziplinen einzustellen, um Lücken zu schließen und uns für den nächsten Aufschwung zu rüsten.

CT: Welche Möglichkeiten zur Produktivitätssteigerung im Engineering sehen Sie im Anlagenbau?

Schwarzmeier: Da gibt es zahlreiche Maßnahmen, die wir auch bereits umgesetzt haben, bzw. dabei sind umzusetzen. Wir sind auf dem Weg zu einer absoluten Hochleistungsorganisation und setzen beispielsweise die Six-Sigma-Methodik ein, um unsere Prozesse noch weiter zu verbessern. Dabei geht es darum, schneller zu werden und gleichzeitig die Qualität noch weiter zu steigern. Gerade die IT im Ingenieurbereich wird bei uns mit Vehemenz ausgebaut, um die Effizienz zu erhöhen. Wir wollen hier auf dem neuesten Stand der Technik sein.

CT: Welche Rolle spielen dabei weltweite Standards in den Planungs- und Abwicklungsprozessen?

Schwarzmeier: Eine ganz entscheidende. Wir haben einige unsere Anlagen standardisiert und in Module aufgeteilt. So können wir schnell auf entsprechende Modulteile zurückgreifen und Kosten senken. Außerdem sind wir strategische Kooperationen mit Partnern eingegangen, um die Anlagen standardisieren zu können – dies geschieht über Rahmenvereinbarungen mit Lieferanten. Und: Wir haben unsere Tochtergesellschaften ausgebaut, um näher am Markt zu sein. Ziel ist es, den lokalen Markt mit lokalem Personal bedienen zu können und preisgünstig zu planen und zu fertigen. So können wir auch die hohen Stundensätze deutscher Ingenieure mischen. Dafür sind gleichartige Arbeitsprozesse und IT-Werkzeuge unabdingbar.
Weltweite Standards helfen uns dabei, schwankende Wechselkurse auszugleichen. Einerseits lässt sich so die regionale Arbeitslast weltweit verteilen, andererseits haben wir durch die Präsenz vor Ort Zugriff auf die jeweils günstigsten Beschaffungsmärkte. Auch politische Risiken können wir auf diese Weise viel besser ausgleichen.

CT: Wo sehen Sie für Linde noch Optimierungspotenzial?

Schwarzmeier: Im Engineering sind wir schon recht weit. Der nächste Schritt wird die Optimierung der Fertigung sein, die bei uns ja ebenfalls weltweit organisiert ist. Die Zentrale dafür ist in Deutschland, aber wir bauen Luftzerleger zum Beispiel auch im chinesischen Dalian oder in Oklahoma in den USA. Diese Produktionseinheiten wollen wir über jeweils dieselben IT-Systeme und Prozesse aus Deutschland heraus koordinieren. Daran arbeiten wir.K

„Der Markt wird sich nach einer Phase der Konsolidierung wieder erholen“
Werner Schwarzmeier, Sprecher der Geschäftsführung der Linde AG, Geschäftsbereich Engineering

Heftausgabe: März 2009

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Scheuermann
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