Großanlagenbau-Unternehmen aus Schwellenländern auf dem Vormarsch – Teil 1

Konkurrenz aus Fernost naht

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25.02.2011 Die vormaligen Platzhirsche in Sachen Großanlagenbau aus Europa und den USA haben in den vergangenen Jahren immer mehr Konkurrenz aus Asien bekommen. Insbesondere Konzerne aus Südkorea ziehen seit der Krise auch an deutschen Unternehmen vorbei. Doch welche Strategie macht die Aufsteiger so erfolgreich, wo liegen ihre Schwächen und was können hiesige Firmen tun, um im Konkurrenzkampf zu bestehen?

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Entscheider-Facts Für Anlagenbauer

  • Der hohe Integrationsgrad koreanischer Unternehmen reduziert die Zahl der Schnittstellen – sobald jedoch Lokalisierungsanforderungen dies verhindern, funktioniert die Methode nur noch eingeschränkt.
  • Südkoreanische Anbieter erzielen Erfolge mit einfachen, aber robusten technischen Lösungen.
  • Die Koreaner möchten ihr Angebot unter anderem auf erneuerbare Energien sowie Hütten- und Walzwerke verbreitern.
  • Auch der chinesische Großanlagenbau zählt in einigen Branchen wie Zementanlagenbau oder Wasserkraftwerksbau zur erweiterten Weltspitze.
  • Termintreue und hoher Qualitätsanspruch deutscher Anlagenbauer überzeugen gegenüber der häufig unzureichenden Risikobetrachtung chinesischer Unternehmen, die deutlich unter derjenigen westlicher Anbieter liegt.

Der internationale Markt für Großanlagen wird seit Jahrzehnten von Anbietern aus Industrieländern dominiert. Unternehmen aus den USA, Japan, Deutschland, Italien, Frankreich und Skandinavien haben dabei die höchste Bedeutung. Insgesamt decken Firmen aus diesen Ländern derzeit rund 70% des weltweiten, am Markt zugänglichen Bedarfs an Anlagen für die Grundstoffproduktion sowie an Kraftwerken ab. Die Bedeutung der etablierten Marktteilnehmer geht jedoch zurück. Der Boom der Jahre 2006 bis 2008 hat diesen Trend forciert. Neue Wettbewerber haben die Phase knapper Ingenieurkapazitäten genutzt, um sich mit abgeschlossenen Referenzprojekten auf dem internationalen Anlagenbaumarkt zu etablieren. Einige dieser Firmen stammen aus Europa oder Nordamerika, die Mehrheit jedoch aus Ostasien. Während die Quoten des Industrieländer-Anlagenbaus sanken, gewannen Anbieter aus Schwellenländern signifikant Marktanteile hinzu.

Besonders beeindruckend ist die jüngste Erfolgsgeschichte des südkoreanischen Anlagenbaus. Bis Mitte des vorigen Jahrzehnts wurden Kontraktoren aus Südkorea als reine Anbieter von Bau- und Montageleistungen wahrgenommen und in dieser Funktion vor allem in Großprojekte des Chemieanlagenbaus eingebunden. Auch einige deutsche Anlagenbauer arbeiten seit Jahren mit südkoreanischen Firmen zusammen und nutzen deren exzellente Fähigkeiten in der Organisation und Abwicklung großer Baustellen. Für beide Seiten waren diese Partnerschaften, in denen die Deutschen als Generalunternehmer alle Tätigkeiten außer dem eigentlichen Bau der Anlagen übernahmen, über viele Jahre hinweg äußerst lohnend.
In dem Maße, wie in den vergangenen Jahren Großanlagen zu sogenannten „Mega“-Anlagen wurden, wuchs auch die Bedeutung der von den südkoreanischen Partnern übernommenen Bau- und Montagetätigkeiten. Der Anteil dieser Arbeiten kann bei Vorhaben im hohen dreistelligen Millionen-Euro-Bereich bei 50% des Auftragswertes liegen. Durch professionell geplante und durchgeführte Bau- und Montageprojekte gelang es den südkoreanischen Firmen mit Samsung und Hyundai in der Spitze, Vertrauen bei großen Kunden aufzubauen und weitere Teile der Wertschöpfungskette wie den Einkauf und das Detail Engineering in ihren Tätigkeitsbereich zu integrieren. Derzeit werden zahlreiche Anlagenbauprojekte am Persischen Golf unter südkoreanischer Führung abgewickelt. Etablierten Anlagenbauern – darunter auch viele deutsche Anbieter – bleibt in diesen Konsortien häufig nur die Rolle des Technologiegebers und Partners für die Grundlagenplanung.

Der Auftragseingang steigt und steigt

Noch im Jahr 2006 lag der Auftragseingang des südkoreanischen Großanlagenbaus bei rund einem Drittel des deutschen Wertes. Seitdem haben sich die Verhältnisse jedoch gravierend verändert. Im Rezessionsjahr 2009 überstieg das südkoreanische Orderniveau erstmals das Bestellvolumen der in der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) zusammengeschlossenen Unternehmen, 2010 setzte sich dieser Trend fort. Die Bestellungen für Industrieanlagen erreichten nach Angaben des südkoreanischen Anlagenbauverbandes ICAK (International Contractors Association of Korea) einen Wert von über 40Mrd. Euro. Hauptabsatzmärkte sind mit einem Anteil von rund 85% der Nahe und Mittlere Osten. Hier ist die Branche vor allem mit Projekten für Kunden aus der chemischen Industrie sowie dem Öl- und Gassektor erfolgreich.

Die koreanische Anlagenbauindustrie hat sich bei ihren Kunden unterdessen einen guten Ruf erarbeitet. Dies liegt an wettbewerbsfähigen Preisen sowie Zusagen hinsichtlich kurzer Projektlaufzeiten und guter Qualität, was sie bei entsprechenden Referenzprojekten belegen konnte. Die Preis- und Zeitvorteile zu etablierten Großanlagenbauern sind dabei nicht monokausal zu erklären. Vielmehr leiten sich die südkoreanischen Erfolge aus einer Reihe firmenindividueller Stärken, günstiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen und kultureller Besonderheiten ab.
An erster Stelle ist die ausgeprägte und durchweg im eigenen Haus vorhandene Bau- und Montagekompetenz zu nennen. Vergleichsweise niedrige Kosten für das firmeninterne Baustellenpersonal kommen hinzu und bescheren Samsung & Co. in der Bau- und Montageabwicklung einen Wettbewerbsvorteil. Der hohe Integrationsgrad der Unternehmen, also das Vorhandensein mehrerer Wertschöpfungsstufen im eigenen Haus, reduziert zudem die Zahl der Schnittstellen und damit auch Aufwand und Risiko der Steuerung externer Partner.
Ferner verfügen südkoreanische Anlagenbauer über eine breite und zum Teil sehr kostengünstige Zulieferbasis im eigenen Land. Theoretisch können zwar auch ausländische Anlagenbauer dieses Angebot nutzen, aufgrund beschränkter Marktkenntnisse und einer zwischen in- und ausländischen Kunden differenzierenden Preispolitik bleibt ihnen dieser Weg jedoch zumeist verwehrt. Darüber hinaus erzielen südkoreanische Anbieter Erfolge mit einfachen, aber robusten technischen Lösungen. Dies ist gegenüber deutschen Wettbewerbern ein Vorteil, da diese sich aufgrund der erforderlichen Abstriche an technische Eleganz und wegen eigener, hoher Sicherheitsmaßstäbe der Anlagen mit einfachen bzw. wiederholten Lösungen schwer tun.
Der Einfluss weiterer Faktoren auf den Geschäftserfolg wie stärker hierarchische Ordnung und kollektivistische Prägung begünstigen das Erreichen der von der Unternehmensführung vorgegebenen Ziele ebenso wie das erfolgreiche Ausführen von Bau- und Montagearbeiten. In diesem Zusammenhang ist auch das vergleichsweise geringe Anspruchsdenken südkoreanischer Arbeitnehmer zu erwähnen. Schließlich profitieren südkoreanische Firmen von einem liberalen Arbeitsmarkt mit deutlich längeren Arbeitszeiten als in Deutschland.
Staatliche Subventionen oder politische Unterstützung in anderer Form sind für die Erfolge des südkoreanischen Anlagenbaus nach bisherigem Kenntnisstand hingegen nicht ausschlaggebend. In dem Fall des Verkaufs von vier Kernkraftwerken durch ein südkoreanisches Konsortium an die Vereinigten Arabischen Emirate im Frühjahr 2010 spielten staatliche Finanzierungsgarantien vermutlich aber eine gewisse Rolle.

Grenzen des Geschäftsmodells

Das südkoreanische Erfolgsmodell basiert unter anderem auf dem massiven Einsatz eigener Ressourcen: Engineering, Management, Montagekräfte und Material stammen überwiegend aus Südkorea („Corporate Korea“). Sobald umfassende Lokalisierungsanforderungen ein solches Vorgehen erschweren oder gar unmöglich machen – wie etwa in China, Indien oder Brasilien – funktioniert diese Methode nur noch eingeschränkt. Auch in den Industrieländern lässt sich der koreanische Ansatz aufgrund strenger Arbeitsgesetze oft nur schwer umsetzen.

Umso bemerkenswerter sind jüngste Erfolge auf dem australischen Markt. Das koreanische Anlagenbauunternehmen GS Engineering & Construction wird dort die nach eigenen Angaben weltgrößte Harnstoff-Düngeranlage bauen. Das Projekt hat ein Volumen von 2,88Mrd. US-Dollar und soll im Shotts Industrial Complex in Westaustralien realisiert werden. Die Meldung, dass Samsung Engineering im texanischen Freeport die weltgrößte Chlorelektrolyseanlage im Wert von 411Mio. US-Dollar errichten wird, sorgte ebenfalls für erhebliches Aufsehen. Samsung gelang es damit als erstem südkoreanischen Kontraktor, auf dem US-amerikanischen Anlagenbaumarkt, den traditionell inländische Anbieter beherrschen, Fuß zu fassen.
Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der von Südkorea ausgehende Wettbewerbsdruck in den kommenden Jahren noch zunehmen. Südkoreanische Anlagenbauer verkündeten in jüngster Vergangenheit ambitionierte Wachstumspläne: So strebt beispielsweise Samsung Engineering eine Verdreifachung des Auftragseingangs auf 30Mrd. US-Dollar bis 2015 (2010 (Ziel): 9,9Mrd. US-Dollar) an, Hyundai Engineering & Construction möchte Umsatz und Auftragseingang im selben Zeitraum mehr als verdoppeln.
Das Realisieren solch ehrgeiziger Ziele kann nur durch das Erschließen neuer Märkte und Kundengruppen gelingen. Regional stehen hierbei die rohstoffreichen Länder Nordafrikas und Südamerikas im Fokus, auch sollen die aktuellen Erfolge in den Industrieländern keine Eintagsfliegen bleiben. Ferner möchten die südkoreanischen Anbieter ihr Angebot verbreitern. Eine Zielbranche ist hierbei der Zementanlagenbau. Im regionalen Umfeld konnten Anbieter aus Korea bereits Erfolge erzielen: Der Auftrag zum Bau eines Zementwerks in Thang Long (Vietnam) ging an ein koreanisches Konsortium (eTEC E&C und Samsung E&C). Die erste, baugleiche Produktionslinie wurde in den Jahren 2007/2008 noch von einem deutschen Konkurrenten errichtet.
Mittel- bis langfristig will Korea auch auf den Märkten für erneuerbare Energien (Solar- und Windkraftwerke), für fossil befeuerte Kraftwerke sowie für Hütten- und Walzwerke als Turnkey-Anbieter reüssieren. Um dies zu erreichen, suchen Anlagenbauer aus dem ostasiatischen Land gezielt die Zusammenarbeit auch mit deutschen Unternehmen, wie etwa bei dem im Mai 2010 vergebenen Auftrag über Konstruktion und Lieferung einer schlüsselfertigen Mini-Mill-Anlage aus dem Königreich Bahrain. Bei diesem Milliardenprojekt kooperieren die deutsche SMS Meer und Samsung Engineering. Der koreanische Partner ist für Bauausführung, Montage und Infrastruktur verantwortlich, während die deutsche Seite Engineering, Technologie sowie die Fertigung und Lieferung aller wichtigen Schlüsselkomponenten übernimmt.
Dieses Vorgehen zeigt deutliche Parallelen zu der in den 1990er und frühren 2000er Jahren gängigen Praxis im Chemieanlagenbau. Letztlich steht hinter allen Bemühungen des koreanischen Wettbewerbs das erklärte Ziel, sich an der Spitze des internationalen Anlagenbaus langfristig zu etablieren.

Chinesischer Großanlagenbau mit Stärken und Schwächen

Durch die südkoreanischen Erfolge ist die ebenfalls beeindruckende Entwicklung des chinesischen Großanlagenbaus etwas aus dem Blickfeld geraten. Traten Anbieter aus der Volksrepublik vor etwa zehn Jahren international noch kaum in Erscheinung, zählen sie heute in einigen Branchen zur erweiterten Weltspitze. Dies gilt zum Beispiel für den Zementanlagenbau, den Wasserkraftwerksbau und den Anlagenbau für die Textilindustrie. Im Hütten- und Walzwerksbau drängen chinesische Anlagenbauer wie die Baosteel Engineering & Technology Group in ersten Ansätzen ebenfalls in den Markt. Experten gehen davon aus, dass China seine Präsenz in den kommenden zwei bis drei Jahren weiter verstärken wird.

Regional betrachtet sind chinesische Kontraktoren in Südost- und Südasien, in Afrika, Südamerika und den Golfstaaten tätig, zunehmend auch mittlerweile in Russland und in ersten Ansätzen sogar in den USA. In den genannten Regionen haben sie in den vergangenen Jahren nicht nur mit preislich günstigen Angeboten aufhorchen lassen, sondern haben auch technologisch aufgeholt. Chinesische Unternehmen bieten dabei immer häufiger auch schlüsselfertige Anlagen, wie beispielsweise Kokereien und Raffinerien, an. Diese Anlagen arbeiten in Bezug auf Energieverbrauch und Ressourceneinsatz zwar deutlich weniger effizient als ihre westlichen Gegenstücke. Dennoch werden sie vor allem von finanzschwachen Kunden bestellt, deren Kaufentscheidung überwiegend durch die anfänglichen Investitionskosten (Capex) und nicht durch die Betriebskosten (Opex) beeinflusst wird.
Die Erfahrungen mit chinesischen Anlagenbauern sind allerdings gemischt, wie ein aktuelles Beispiel aus Brasilien zeigt. Dort gelang es dem chinesischen Mischkonzern Citic nicht, eine Kokerei termin- und qualitätsgerecht an den Kunden zu übergeben. Mittlerweile wurde das Projekt von einem deutschen Wettbewerber erfolgreich zu Ende geführt. Dieser Fall ist ein Beispiel für die häufig völlig unzureichende, deutlich unter derjenigen westlicher Anbieter liegenden Risikobetrachtung chinesischer Unternehmen.

Blick in die Zukunft

Die vorliegende Analyse verdeutlicht, dass es sich bei der Wettbewerbsverschärfung im Großanlagenbau um eine strukturelle Marktveränderung handelt. Das Auftreten neuer Anbieter ist definitiv kein vorübergehendes Phänomen. Vielmehr ist mittel- bis langfristig damit zu rechnen, dass weitere Unternehmen aus Indien, Brasilien oder Russland dem Beispiel der Südkoreaner und Chinesen folgen werden. Die Verantwortlichen im deutschen Großanlagenbau sind sich dieser Herausforderung bewusst und haben zum Beispiel durch eine Intensivierung ihrer Forschungsanstrengungen, den Ausbau internationaler Wertschöpfungsnetzwerke sowie die Verstärkung von Bau- und Montagekompetenzen bereits darauf reagiert. Wie genau die Großanalgenbauer aus den Industrieländern reagiert haben und welche konkreten Strategien sie inzwischen verfolgen, um sich gegen die aufstrebenden Konzerne aus Asien durchzusetzen, lesen Sie im zweiten Teil dieses Beitrages in der April-Ausgabe der CHEMIETECHNIK.

Die derzeit drängenden Fragen des Anlagenbaus referieren und diskutieren namhafte Branchenexperten in diesem Jahr auf dem Engineering Summit. Am 05. und 06. Juli findet das Treffen als Kooperationsprojekt zwischen VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau und dem Süddeutschen Verlag in München statt. Kongresswebsite und Anmeldung:
www.engineering-summit.de

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Heftausgabe: März 2011
Klaus Gottwald,

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Klaus Gottwald,
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