„Tiefgreifende Integration von Engineering-Tools“

Kooperation zwischen Siemens und Bentley auf Basis ISO 15926

10.07.2013 Während die Diskussion um die Integration von Engineeringwerkzeugen noch läuft, sind Siemens und Bentley im April vorgeprescht: Die Engineeringtools Comos und Open Plant sollen auf Basis der Norm ISO 15926 stark integriert werden, um den Datenbruch zwischen Planung und Anlagenbetrieb zu beseitigen. Im CT-Gespräch erklären Andreas Geiss, Vice President Comos Industry Solutions, Siemens, und Carsten Gerke, Vice President, Building & Plant Professional Services, Bentley Systems, die Strategie und den Nutzen.

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CT: Im April haben Sie bekanntgegeben, dass sich Siemens und Bentley zukünftig so abstimmen wollen, dass die Engineeringwerkzeuge Comos und Open Plant stark ineinander vernetzt sein werden. Was heißt das konkret?
Geiss:  Im Fokus der Kooperation steht ein Datenaustausch  basierend auf einer offenen Schnittstelle nach ISO 15926. Wir haben bereits ein funktionierendes Interface als Demoversion. Dieses arbeitet bislang noch unidirektional von Comos nach Bentley. Bis Ende des Jahres wollen wir diese Schnittstelle bidirektional produktiv im Einsatz haben. Diese neue Schnittstelle reduziert für die Anwender den Engineering-Aufwand, indem sich inkonsistente Daten und Mehrfacheingaben vermeiden lassen.

CT: Derzeit werden im verfahrenstechnischen Anlagenbau verschiedene Ansätze diskutiert, wie die Integration der Engineeringwerkzeuge gelingen kann. Wie sieht Ihre Lösung aus?
Gerke: Wir haben bewusst keinen proprietären Ansatz gewählt, sondern greifen auf ein Industrienorm-Modell zurück, die ISO 15926. Das heißt, dass beide Unternehmen die Funktionen ihrer Produkte weiterentwickeln können und Daten über eine neutrale Schnittstelle austauschen. Auf der Entwicklungsebene muss also keine enge Abstimmung sein. Mit der Festlegung auf ISO 15926 schaffen wir im Markt Tatsachen.  Der Vorteil für den Anwender besteht darin, dass diese Norm von allen Marktteilnehmern angewendet werden kann. Und: ISO 15926 ist in der Öl- und Gasindustrie bereits ein etablierter Standard.

CT: Das Thema Integration wird auch auf der kommenden Namur-Hauptsitzung ganz oben stehen. Aber die Hürden sind hoch, weil die planenden und produzierenden Unternehmen bereits in ihrer Organisation auf bestimmte Abläufe und auch Engineeringwerkzeuge festgelegt sind. Wie schnell wird die Integration über eine Schnittstelle, wie sie von Ihnen nun geschaffen und angeboten wird, greifen?
Geiss: Wir beide, Siemens und Bentley, haben auf Basis der langjährigen Erfahrung bei Industrie-Software den großen Kundennutzen unserer Kooperation gesehen. Die Vorteile sind für unsere bestehenden Kunden unmittelbar ersichtlich und werden sich umgehend nach Freigabe der Schnittstelle positiv auswirken. Darüber hinaus erwarten wir aber auch eine Signalwirkung und damit bislang ungeahnte Hebeleffekte in den Gesamtmarkt.

CT: Was haben die Betreiber und Planer von der Kooperation?
Geiss: Der Nutzen entsteht durch die Vernetzung von Planungs- und Betriebsphase. Das Engineering heute besteht aus einem 2D- und einem 3D-Teil. Durch ein konsistentes und integriertes Engineering kann man sicherstellen, dass das, was sich ein Verfahrenstechniker vorgestellt hat, später auch dreidimensional dargestellt wird und gebaut werden kann.
Heute besteht meist ein Systembruch, wenn Daten aus der Planung in den Betrieb überführt werden. Unterschiedliche Betriebssysteme erfordern es, Daten mehrfach zu erfassen. Dazu kommt, dass eine „as built“-Dokumentation nach zwei Jahren in der Regel nicht mehr stimmt. Hier können wir durch den Datenaustausch einen Mehrwert generieren, wenn immer ein aktuelles Abbild der realen Anlage virtuell vorhanden ist.
Gerke: Hier bringen beide ihre Stärken ein. Siemens in in Sachen integrierter Datenhaltung über den Anlagenlebenszyklus, Bentley bei der Umsetzung von Fremddaten in intelligente Daten. Wir können heute schon PDS-Daten ISO-15926-konform in unsere PDX-Daten umsetzen. Auch für andere Daten funktioniert das schon. D. h., wir bringen auch Daten über den Lebenszyklus ein. Datenformate vorzuschreiben, ist kaum möglich. Häufig gibt es in einem Projekt einen Hauptkontraktor, viele Subkontraktoren und einen Betreiber. Und dadurch kommen mindestens drei verschiedene Planungssysteme zusammen und diese häufig auch noch in unterschiedlichen, zueinander nicht kompatiblen Ausprägungen. Datendurchgängigkeit erreichen wir heute, indem wir zum Beispiel PDS in ein Open-Plan- und ISO 15926-Format umsetzen. Wir können auch Smartplant-Modelle anzeigen etc. Dazu kommt, dass unsere Software nicht nur den Rohrleitungsbereich sondern auch den Baubereich, die Elektroinstallation, den Heizungs-, Lüftungs- und Klimabereich abdeckt – eben alle Gewerke, die im 3D-Bereich relevant sind.

CT: Stößt die Verwendung von ISO 15926 auf Akzeptanz?
Gerke: Teilweise. Viele stolpern darüber, dass die Norm noch nicht komplett ausdefiniert ist. Aber man muss wissen, dass diese Norm nie fertig sein wird. Sie ist so angelegt, dass sie sich weiterentwickeln wird. Unsere Kooperation basiert auf der ISO 15926. 90 Prozent unserer Kooperation können wir anhand der Norm abdecken. Aber es gibt noch wenige Extra-Attribute – diese werden als privat markiert und können separat übergeben werden.
Die typische Haltung der Deutschen ist: Das ist nicht fertig, deshalb benutzen wir das nicht. Aber wir wollen beweisen, dass man damit arbeiten kann und ein Mehrwert bereits heute entsteht.

CT:  Welchen Nutzen sehen Sie für EPC-Kontraktoren, um zusätzlichen Aufwand für eine integrierte Lösung zu betreiben?
Geiss: Ich glaube, dass sich das Geschäftsmodell der EPCs ändern wird. Auch EPC-Unternehmen versuchen verstärkt Geschäft in der Betriebsphase aufzubauen. Und es ist ja nicht so, dass es mit dem Bau der Anlage für die nächsten 30 Jahre getan ist. Bei großen Untenrehmen bedeutet eine Anlagenänderung und -erweiterung manchmal ein Projekt bis zur Größenordnung mehrerer hundert Millionen Euro. Das macht der Betreiber nicht selbst. Und der Charme für den EPC besteht darin, dass er dann auf tagesaktuelle Brownfield-Daten zugreifen kann.
Gerke: Ein großer Kontraktor hat eigentlich das gleiche Problem wie der Betreiber. Er muss in vielen Fällen Aufgaben an Subkontraktoren weitergeben. Damit steht er vor demselben Problem wie der Betreiber. Am liebsten ist  es EPCs, wenn sie nur pdf-Daten an den Kunden geben müssen. Aber das ist das Denken des letzten Jahrtausends. In einigen Branchen ist pdf immer noch Standard, aber das wird sich ändern.

CT: Offene Schnittstellen bedeuten für Lieferanten von Engineering-Werkzeugen, dass die Kunden kein monolithisches System mehr brauchen – die Abhängigkeit sinkt.
Gerke: Es stimmt, das Tool wird immer weniger wichtig. Wichtig sind dagegen die Daten. Wir müssen dahin kommen, dass wir das Werkzeug von den Daten trennen, sonst ist das eine reine Lock-in-Strategie.
Geiss: Die Tools, die offene Daten liefern können, werden langfristig erfolgreich am Markt sein. Davon sind wir überzeugt. Die Kunden haben heute ja nicht zu wenige Daten, sondern zu viele. Aber meist werden diese Daten häufig noch nicht konsistent gemanagt. Da schlummert noch ein großes Produktivitätspotenzial.

Zur Technik
Integration Planung / 3D-Modell

Mit der strategischen Zusammenarbeit wollen Siemens und Bentley den Datenaustausch zwischen den Werkzeugen Comos und Open Plant stärker integrieren. Dadurch sollen über den gesamten Lebenszyklus relevante Informationen zwischen dem 2D-Design-Werkzeug  und der 3D-Anlagenplanung konsistent ausgetauscht werden. Die 2D- und 3D-Konstruktions- und Analysewerkzeuge von Open Plant werden dazu genutzt, um Rohrleitungen, Ausrüstung, Kabeltrassen etc. zu modellieren. Durch die Integration mit dem Planungswerkzeug Comos sollen Planer und Betreiber in die Lage versetzt werden, Rohrleitungsisometrien, Elektroschaltpläne und andere Daten gegen das 3D-Modell zu validieren. Modelle von Dritten können unter Zuhilfenahme von i-model-Containern in den Planungsprozess einbezogen werden. 

Eine Pressemitteilung der Fa. Siemens zur Kooperation finden Sie hier.

Über die Kooperation im Bereich Factory informiert Bentley hier.

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Heftausgabe: Juli 2013

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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