Interview mit Lothar Jungemann, Mitglied der Geschäftsführung bei Uhde

„Korea ist kein Angstgegner“

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28.02.2011 In der Boomphase bis 2008 und nach der Weltwirtschaftskrise haben sich die Rahmenbedingungen für den Anlagenbau dramatisch verändert. Im CT-Interview erklärt Lothar Jungemann, Mitglied der Geschäftsführung bei Uhde, die aktuellen Trends und die Strategie des Dortmunder Unternehmens.

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CT: Wie ist Uhde durch die Phase der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise hindurch gekommen?
Jungemann: Wir haben die Krise dank des sehr hohen Auftragsbestands aus den Boom-Jahren sehr gut überstanden. Eigentlich waren die Jahre 2009 und 2010 für uns „Business as usual“.

CT: Rechnen Sie aufgrund des geringeren Auftragseingangs im Anlagenbau in 2010 mit einer künftigen „Delle“?
Jungemann: Nein. Wir schauen weniger auf den Auftragseingang und mehr auf den Auftragsbestand. Und dieser ist nach wie vor hoch. Und da bereits wieder Anschlussaufträge kommen, sind wir von der Krise nicht betroffen.

CT: Dennoch hat sich der Anlagenbau seit der Boom-Phase bis 2008 verändert. Wie sehen Sie dies für Uhde?
Jungemann: Ja, natürlich haben auch wir die Zeit genutzt, um uns für die Zukunft aufzustellen. Dazu wurde das interne Projekt „One Uhde“ aufgelegt. Als sehr international agierende Firma machen wir uns Gedanken darüber, wie wir uns noch stärker intern vernetzen können, um globale Ressourcen besser zu nutzen und unsere Kostenstruktur zu verbessern.

CT: Welche Konsequenzen folgen aus dem Projekt?
Jungemann: Wir sehen Deutschland nach wie vor als das Technologiezentrum von Uhde. Und es ist in Ordnung, wenn hier hoch bezahlte Spezialisten arbeiten. Aber Detail Engineering überwiegend aus Deutschland zu machen, ist für die Zukunft kaum vorstellbar. Hier wollen wir im Rahmen des Projekts „One Uhde“ den richtigen Mix finden. Ein weiteres Element ist die Einführung und Nutzung gleicher EDV-Tools im gesamten Unternehmen. Diese versetzen uns in die Lage, Projekte nahtlos und einfach steuern zu können.

CT: Welches sind die wichtigsten Arbeitsfelder, um die Produktivität im Anlagenbau zu steigern?
Jungemann: Im Detail Engineering haben die IT-Tools bereits zu wesentlichen Fortschritten geführt. Aber es gibt noch weitere Bereiche. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit den Lieferanten. Wir stellen fest, dass Rahmenverträge immer wichtiger werden, um Projekte zu beschleunigen. Das sind zwar nicht immer die billigsten Lieferanten, aber wenn ein Betreiber sein Produkt früher vermarkten kann, müssen wir nicht zwingend den vom Auftraggeber spezifizierten Lieferanten nehmen.

CT: Wie sehen Sie sich im Wettbewerb positioniert?
Jungemann: Der Wettbewerb im Anlagenbau hat sich enorm verändert. Früher waren Chemie-Anlagenbauer Spezialisten, die ein breites Technologie- und Angebotsspektrum abgedeckt haben. Heute kommen viele Wettbewerber aus den Bereichen Abwicklung, Bau und Montage. Doch auch in diesem veränderten Umfeld konnten wir unsere Position sehr gut behaupten. Weder unsere Größe noch die Marktanteile unserer Produkte haben sich negativ verändert. Gerade die koreanischen Anlagenbauer werden oft als „Angstgegner“ gesehen. Dies können wir so nicht bestätigen: Diese Unternehmen kommen von der Baustelle her und haben keine eigene Technologie. Wir haben in den Boom-Jahren bereits einige Projekte mit koreanischen EPCs gemeinsam abgewickelt und konnten so an deren Aufschwung partizipieren. Auch wenn unser Montageanteil in den einzelnen Projekten geringer geworden ist, machen wir das durch mehr Aufträge wieder wett. Die Bau- und Montagekompetenz hätten wir sowieso fremdvergeben.

CT: Werden die koreanischen Wettbewerber auch in zehn Jahren noch Technologie kaufen oder bis dahin eigene Verfahren entwickeln?
Jungemann: Die Entwicklung von Technologien bedeutet einen enormen Aufwand. Und diese Entwicklungsanstrengungen sehe ich in Korea nicht.

CT: Was kann und sollte der deutsche Anlagenbau von den koreanischen Wettbewerbern lernen?
Jungemann: Es ist bemerkenswert, wie die Koreaner die Abwicklung und den Einkauf betreiben. Die Philosophie heißt: „Alle Gewerke im und aus dem eigenen Land“. Das heißt in der Folge, dass sich koreanische Anlagenbauer nicht in Staaten mit einem niedrigeren Lohnniveau als dem eigenen engagieren. Das führt den koreanischen Anlagenbau allerdings auch an seine Wachstumsgrenzen. Diese Erfahrungen verfolgen wir mit großem Interesse. Samsung Engineering konzentriert sich beispielsweise in einigen Ländern auf den Aufbau von eigenen Niederlassungen und Trainingszentren. Das wird von den Auftraggebern im Mittleren Osten sehr gern gesehen. Hier können wir noch dazulernen.

CT: Jüngst hat die Meldung für Aufsehen gesorgt, dass sich Samsung Engineering in USA einen Großauftrag für den Bau einer Elektrolyse gekauft hat. Wie bewerten Sie dies?
Jungemann: Wenn man einen Auftrag kauft, hofft man auf Folgeaufträge, die sind zurzeit in den USA nicht vorhanden. Aufgrund der räumlichen Verteilung und dem Verbot, gefährliche Stoffe wie Chlor zu transportieren, geht der Trend eher zu Kleinanlagen. Wenn man als Anlagenbauer neu in einen Markt eintritt, braucht man aber eigentlich das Gegenteil: nämlich große Aufträge.

CT: Mit welchen Verschiebungen rechnen Sie im globalen Anlagenbau?
Jungemann: Der Anlagenbau lässt sich eigentlich in zwei grundsätzlich verschiedene Modelle aufteilen: Erstens in Projekte, bei denen vom Auftragnehmer die komplette Kompetenz – von der Prozessentwicklung bis hin zum EPC zum Festpreis – gefordert wird. Es gibt nur wenige Firmen auf der Welt, die das können.
Deswegen wählen bestimmte Investoren aus Wettbewerbsgründen zweitens einen alternativen Ansatz. Der Betreiber kauft ein Design-Paket, dann wird ausgeschrieben und danach entschieden, wer den EPC-Auftrag erhält. In der Regel wird in diesem Modell der Technologiegeber nicht mit der Abwicklung beauftragt.
Das zweite Modell wurde in den vergangenen Jahren immer öfter gewählt, weil sich die Auftraggeber davon Kosteneinsparungen erhofft und auch bekommen haben. Der Auftraggeber versucht dabei gleichzeitig über Terms & Conditions die Projekt?risiken auf den Generalunternehmer abzuwälzen. Wir sehen den Trend, dass im Falle kleiner und mittelgroßer Projekte mit klaren Definitionen der Anlage auch heute noch viele den Komplettanbieter bevorzugen.

CT: Dennoch ist in den unterschiedlichen Regionen der Welt eine unterschiedliche Arbeitsteilung zu beobachten.
Jungemann: Ja. Der Mittlere Osten auf der einen Seite und China auf der anderen Seite bilden dabei die Pole: Während im Mittleren Osten fast ausschließlich Lump Sum Turnkey-Projekte vergeben werden, ist in China das Gegenteil der Fall. Dort will man das Projekt mit den eigenen Design-Instituten abwickeln. Die Technologie wird gerne genommen, alles andere passiert im eigenen Land. In Indien werden je nach Größe und verfügbarem Wettbewerb heute beide Spielarten angewandt.

CT: Welchen Einfluss hat die neue Rohstoffhausse und der steigende Ölpreis auf den Anlagenbau?
Jungemann: Die schnelle Erholung des Ölpreises hat uns etwas überrascht. Denn ein sehr hoher Ölpreis hemmt das Investitionsklima. Ob sich eine Investition für den Anlagenbetreiber lohnt, hängt von der Differenz zwischen dem Preis für den Ausgangsrohstoff und dem Preis für das Endprodukt ab. Je höher die Differenz desto größer die Bereitschaft, zu investieren. Auf der anderen Seite führt ein hoher Ölpreis dazu, dass Technologien wie die Kohlevergasung interessanter werden.

CT: Vor allem China will die Kohlevergasung stark vorantreiben. Rechnen Sie hier mit größeren Aufträgen?
Jungemann: China hat kein Gas, aber viel Kohle. Dazu kommt, dass man sich unabhängig vom Weltmarkt machen will. Problematisch ist für uns das chinesische Geschäftsmodell, da man, wie gesagt, das Engineering über eigene Design-Institute abwickelt und auch den Bau selbst macht. Dadurch wird das Auftragsvolumen für uns sehr klein. Wir sehen unseren Schwerpunkt in anderen Regionen.

CT: Welche sind dies?

Jungemann: Der Mittlere Osten bleibt hier ein Schwerpunkt. Auf der arabischen Halbinsel wird nach wie vor sehr viel investiert. Aber auch Indonesien und Indien werden immer interessanter für uns. Etwas enttäuscht sind wir von Südamerika – hier hatten wir uns mehr versprochen. In Brasilien macht uns beispielsweise die restriktive Zoll- und Steuerpolitik zu schaffen. Dort können wir eigentlich nur Schlüsselequipment verkaufen.

CT: Welches werden für Sie in naher Zukunft die wichtigsten Erfolgsfaktoren sein?
Jungemann: Unseren Technologievorsprung zu halten und weiter auszubauen und die Abwicklungskompetenz zu erhöhen. Bei Letzterem können wir von den Angreifern aus Korea lernen.

CT: Was versprechen Sie sich vom Anlagenbau-Kongress „Engineering Summit“?

Jungemann: Es ist wichtig, dass sich die Anlagenbau-Unternehmen untereinander öffentlich austauschen und sich der deutsche Anlagenbau gemeinsam mit seinen Interessen aufstellt. Ein Anlagenbau-Kongress wie der Engineering-Summit schafft dazu das richtige Forum.[AS]

Heftausgabe: März 2011

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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