CT-Trendbericht Energiecontracting

Längst keine Peanuts mehr

10.06.2007 Effiziente und kostengünstige Energieversorgungskonzepte erfordern heute zum Teil intensive Investitionen in die Anlagentechnik. Kein Pappenstiel, in Anbetracht der Tatsache, dass die Versorgung oft nicht mehr zur Kernkompetenz gehört. Einen Ausweg bietet das Energiecontracting, bei dem Dienstleister die Technik übernehmen und sich ihre Leistung durch Einsparungen bezahlen lassen.

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Alles andere als Peanuts: Wenn es um die energietechnische Optimierung von Prozessanlagen geht, ist das Potenzial auch in den hochentwickelten Industrien in Westeuropa immer noch riesig. Rund 20 bis 30 Prozent der eingesetzten Primärenergieträger ließen sich einsparen, wenn moderne Technologien und Konzepte zur Energieeinsparung, Kraft-Wärme-Kopplung und Anlagenmodernisierung umgesetzt würden – so die Schätzung von Branchenexperten. Und das Haupt-Hindernis scheint angesichts dieser Projektion paradox: Es fehlt das Geld.

Denn ob Chemiewerk, Papierfabrik, Brauerei oder Textilreinigung – die Erzeugung von Dampf, Wärme, Strom oder Druckluft ist in der Regel nur notwendiges Mittel zum Zweck und nie Kernkompetenz. Einmal installiert wird den Anlagen im Verlauf des Gesamtlebenszyklus eines Betriebes nur wenig Beachtung geschenkt. Mit auf lange Sicht gravierenden finanziellen Nachteilen. Ein Blick in die Statistik: Während in den Niederlanden rund 40 Prozent des Stroms aus Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) stammen, sind es in Deutschland lediglich etwa 11 Prozent. Und nach wie vor – so Raimund Luger, Geschäftsführer der Techem Energy Contracting GmbH – geht in Deutschland der Trend zu zentralen fossilen Kraftwerken, während die EU-Kommission die dezentrale Stromerzeugung mit KWK forciert.

Energieeffizienz erfordert Investitionen

Doch inzwischen findet ein Umdenken statt, das seinen Grund in der aktuellen Energiepreisentwicklung hat. In den vergangenen vier Jahren hat sich der Strompreis verdoppelt und der Gaspreis vervierfacht. „Unter den Kunden herrscht ein großer Unmut über die Energiepreise“, stellt Dr. Dirk Bublitz, Handlungsbevollmächtigter Projektentwicklung und Vertrieb für industrielle Energieprojekte bei EnBW Energy Solutions, fest. Die auf Contracting-Lösungen spezialisierte EnBW-Tochter stellte auf dem diesjährigen ESCO-Forum im ZVEI im Rahmen der Hannover Messe seine Leistungen rund um den Energiebezug vor.

Im Forum für Energie-Service und Contracting sind die Aktivitäten des früheren Contracting Forums im ZVEI und dem Bundesverband Privatwirtschaftlicher Energie-Contracting-Unternehmen (Pecu) aufgegangen. „In der Regel sind technische Investitionen notwendig, um die Energieeffizienz eines Betriebes zu steigern“, verdeutlicht Dr. Jobst Klien, Vorsitzender des Forums und Geschäftsführer der Vattenfall Europe Contracting GmbH. Und dazu haben die Contracting-Anbieter interessante Angebote im Portfolio: Vom technischen Anlagenmanagement bis hin zum Full-Service-Contracting reicht die Palette (siehe Textkasten). Allen gemeinsam ist der Ansatz, dass der Prozessbetreiber Aufgaben rund um die Energieerzeugung an einen Dienstleister abgibt und nicht selbst in Maßnahmen zur Effizienzsteigerung investieren muss.
„Wir sehen, dass sich seit 2006 zwar mehr tut, als in den vergangenen sieben Jahren, doch nach wie vor müssen zahlreiche Hürden überwunden werden“, erklärt Dr. Dirk Bublitz. Dazu gehören vor allem lange Vertragslaufzeiten, die entsprechend schwierige Freigabeprozesse für ein Contracting-Projekt zur Folge haben, sowie unklare Randbedingungen seitens der Energie-Wirtschaftspolitik. „Der Trend geht klar zum Energieliefercontracting“, verweist Wim Hahn, Key Account Manager bei swb Services, auf eine weitere Entwicklung. Hahn: „Neu ist, dass die Kunden sich heute bis ins Kleinste dafür interessieren, wo die Einsparpotenziale liegen.“ Und so geraten Maßnahmen wie die Nutzung der Abwärme von Motoren, die Optimierung von Druckluftnetzen und die eigene Stromerzeugung immer stärker in das Bewusstsein der Prozessbetreiber. „Die Kunden sind heute viel besser über Energiethemen informiert“, verdeutlicht Patrick Weber, Vertrieb und Projektentwicklung bei Imtech Contracting.
Und auch die Frage nach dem optimalen Brennstoff für eine Dampf- oder Stromerzeugungsanlage spielt nach dem Öl- und Gaspreisschock der jüngsten Zeit eine wichtige Rolle. Neben Biomasse (Holz) und Bioabfällen werden auch Ersatzbrennstoffe (Müll) sowie Braunkohlestaub verstärkt zur Wärme- und Stromerzeugung eingesetzt. Gerade die Braunkohle ist für mittelständische Unternehmen oft eine interessante Alternative, da der Preis seit Jahren relativ stabil ist. „Die langfristig kalkulierbaren Kosten für die erzeugte Wärmeenergie sind für viele Betriebe ein wichtiges Argument“, erklärt Jens Volker Schulz, Vertriebsvorstand des auf den Einsatz alternativer Brennstoffe spezialisierten Contracting-Anbieters Getec. Fischer: „Sobald wir den Zuschlag für ein Projekt erhalten, lassen wir uns bei unseren Lieferanten langfristig den Preis für den Brennstoff besichern.“
Und gerade diese Besicherung ist bei alternativen Brennstoffen ein enormes Problem – wie das Beispiel der Holzpellets-Heizungen aufzeigt. „Die Kunden erwarten von uns Contractoren gute Möglichkeiten der Brennstoffbeschaffung. Diese Projekte können wir nur zusammen mit den Brennstofflieferanten entwickeln“, verdeutlicht Dr. Dirk Bublitz. Ein Aspekt, der die Contracting-Geber auch vor Probleme stellt. Schließlich sollten diese im Sinne einer optimalen Beratung unabhängig von einer bestimmten Primär-Energieform bleiben.
Dass Braunkohlestaub als Brennstoff derzeit eine Renaissance erlebt, hat auch mit den legislativen Rahmenbedingungen zu tun. Anlagen zur Wärmeerzeugung mit einer Leistung unter 20MW sind derzeit vom Handel mit CO2-Zertifikaten ausgenommen. „Die Politik wird hier irgendwann reagieren und auch die Preise werden mittelfristig anziehen“, meint Jörg Müller vom Vertrieb bei Imtech Consulting und verweist auch auf die zunehmend angespannte Versorgungslage bei Biomasse und Ersatzbrennstoff. Müller: „Langfristig führt an Effizienzsteigerungs-Maßnahmen kein Weg vorbei.“

Kraft-Wärme-Kopplung anstreben

„Die konsequente Nutzung von Kraft-Wärme-Kopplung ist der schnellste Weg, nachhaltig CO2-Emissionen einzusparen“, ist Jobst Klien überzeugt. Doch der schnelle Euro ist mit den Investitionen in der Regel nicht zu verdienen – selbst dann, wenn Strom- und Gaspreise weiter steigen. Amortisationszeiten von ein bis zwei Jahren, wie sie heute oft gefordert werden, lassen sich mit eigenen Investitionen in Energieeffizienz nicht erreichen. Und das wichtigste Argument für die produzierenden Unternehmen bleibt das Geld: „Die garantierten Einsparziele sind das dauerhaft nachvollziehbare Erfolgskriterium für ein Contracting-Projekt“, verdeutlicht Klien.

Fazit: Die steigenden Energiepreise führen zu einer deutlichen Nachfragebelebung beim Energiecontracting. Ein großes Effizienzpotenzial liegt insbesondere in der Kraft-Wärme-Kopplung und der dezentralen Stromerzeugung. Zahlreiche Projekte, auch in Chemieparks, tragen dem Rechnung. Immer häufiger wird heute auch die Frage nach Brennstoff-Alternativen zu Öl und Gas gestellt.

„In der Regel sind technische Investitionen notwendig, um die Energieeffizienz eines Betriebes zu steigern“
Dr. Jobst Klien, Vorsitzender des Forums und Geschäftsführer der Vattenfall Europe Contracting GmbH
„Wir sehen eine steigende Nachfrage nach alternativen Brennstoffen“
Dr. Dirk Bublitz, Projektentwicklung und Vertrieb bei EnBW Energy Solutions
„Die langfristige Preisbindung der erzeugten Wärmeenergie ist für viele Betriebe ein wichtiges Argument“
Volker Schulz, Vertriebsvorstand Getec
„Langfristig führt an Effizienzsteigerungs-Maßnahmen kein Weg vorbei“
Jörg Müller, Vertrieb bei Imtech Consulting

Heftausgabe: Juni 2007

Über den Autor

Armin Scheuermann , Redaktion
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