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Lagebericht Großanlagenbau: USA wird zum Chemieanlagenbau-Eldorado

29.04.2014 Licht und Schatten kennzeichnen derzeit die Lage im Anlagenbau: Mit einem Auftragsplus von drei Prozent konnten die Mitgliedsunternehmen der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau im VDMA im vergangenen Jahr den Abwärtstrend stoppen. Doch das Bild ist von Branche zu Branche stark geteilt: Während der Chemieanlagenbau boomt, verzeichnen Kraftwerke und die Stahlbranche deutlich schlechtere Geschäfte. 2012 waren die Bestellungen um 18 Prozent eingebrochen.

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Eine besonders starke Belebung des Anlagenbau-Geschäfts war in den Industrieländern zu verzeichnen, allen voran den USA. Diese setzten sich bei den Bestellungen im vergangenen Jahr sogar vor den langjährigen Abnehmerprimus China. Und auch im laufenden Jahr könnte dies so bleiben, so der VDMA. Treiber ist der anhaltende Schiefergasboom und die dadurch in den USA ausgelösten Projekte in der chemischen Industrie und im Energiesektor.
Der Markt ist auch deshalb für deutsche Anlagenbau-Anbieter von wachsender Bedeutung, weil sich die Aussichten in den Schwellenländern eingetrübt haben: Währungsturbulenzen und Kapitalflucht sorgen dort dafür, dass sich das Investitionsklima verschlechtert.
Aus Westeuropa meldeten die Unternehmen erstmals seit 2008 wieder steigende Bestellungen: „Auch aus den Euro-Krisenländern wurden wieder Großaufträge gemeldet“, freut sich Helmut Knauthe, Sprecher der AGAB und CTO bei Thyssen Krupp Industrial Solutions.

USA wird durch Schiefergas zum wichtigsten Abnehmer
Der Großanlagenbau verzeichnete im vergangenen Jahr aus dem Inland Aufträge in Höhe von 4,5 Mrd. Euro – ein Plus von 15 Prozent. Die Bestellungen aus dem Ausland wuchsen dagegen um 1 Prozent auf 16,7 Mrd. Euro. Neben den USA mit einem Anteil von 12 Prozent waren die Länder China (11 Prozent), Indien (8 Prozent), Saudi-Arabien und Russland (je 6 Prozent) die wichtigsten Abnehmer.
Während der Kraftwerksbau mit Aufträgen in Höhe von knapp 9 Mrd. Euro gegenüber dem schlechten Vorjahr leicht zulegen konnte, stagnierte das im vergangenen Jahr eingebrochene Hütten- und Walzwerksgeschäft bei 2,7 Mrd. Euro. Der Chemieanlagenbau konnte seinen Auftragseingang dagegen wieder deutlich steigern – Bestellungen in Höhe von 3,5 Mrd. Euro waren hier zu verzeichnen.
Für  2014 rechnet die Branche mit einem stagnierenden Auftragseingang, erst in den Jahren 2015 bzw. 2016 soll sich das Geschäft wieder beleben. Einige Unternehmen haben deshalb im vergangenen Jahr Stellen abgebaut oder in Gesellschaften ins Ausland verlagert – die Zahl der  Beschäftigten in Deutschland sank um zwei Prozent. Insgesamt beschäftigte die Branche in Deutschland im Jahr 2013 58.000 Mitarbeiter, im Ausland allerdings zusätzlich 150.000 Personen. „Der Druck zur Internationalisierung steigt weiter, die Kunden verlangen zunehmend die Übernahme der Gesamtverantwortung“, so Knauthe.

Chinesen sind die neuen Koreaner
Starken Druck spüren die Großanlagenbauer derzeit vor allem aus China, während koreanische Wettbewerber in den vergangenen Jahren mit aggressiven Preisen zum Teil offenbar Lehrgeld bezahlt hatten. „Der Druck aus China kommt vor allem auch über die Finanzierung“, ergänzt Dieter Rosenthal vom Walzwerkshersteller SMS Siemag. Die Stahlbranche kämpft derzeit mit Überkapazitäten und einem im wichtigsten Absatzmarkt China gesunkenen Stahlverbrauch.

Für den Chemieanlagenbau sieht die Situation deutlich freundlicher aus. Dieser profitierte im vergangenen Jahr vor allem von Aufträgen in Folge des Schiefergas-Booms in den USA. „Das Auftragsvolumen hat sich 2013 auf eine Milliarde Euro vervierfacht“, berichtet Knauthe. Wermutstropfen ist das gesunkene Bestellvolumen aus dem Inland: „Erstmals seit 2001 übertrafen die ausländischen Direktinvestitionen der Chemie wieder die inländischen“, erläutert Knauthe. Im Inland wurden in diesem Segment Bestellungen in Höhe von 117 Mio. Euro verzeichnet – deutlich weniger als im Rekordjahr 2012 (672 Mio. Euro). Allerdings stiegen die Aufträge aus dem Ausland deutlich an: Mit Buchungen in Höhe von 1,6 Mrd. Euro übertrafen die Bestellungen den bisherigen Spitzenwert aus dem Jahr 1990 um ein Drittel. Das Niveau des Vorjahres wurde verdreifacht.„Die Verschiebung von Investitionen der europäischen Chemieindustrie ist spätestens seit dem vergangenen Jahr in vollem Gange“, stellt der Verband in seinem aktuellen Lagebericht fest. Gleichzeitig steige dadurch allerdings die Verunsicherung der Investoren im Mittleren Osten – dort verzeichnete die Branche rückläufige Bestellungen.

Megaprojekte im Mittleren Osten gehen verloren
Dort hatten den deutschen Chemieanlagen-Anbietern in den vergangenen Jahren vor allem Wettbewerber aus Südkorea stark zugesetzt. Noch vor drei Jahren wurden diese beispielsweise von den Teilnehmern des 1. Engineering Summit als starke Bedrohung gesehen. Anhand der Geschäftsberichte dieser Angreifer ist inzwischen klar, dass Preise und Risiken den Projekten häufig nicht angemessen waren – Abwicklungsprobleme wurden teilweise unterschätzt. „Wir verzeichnen eine sinkende Preisaggressivität sowie eine geringere Risikobereitschaft bei Wettbewerbern aus Südkorea“, berichtet Knauthe. Grund für Entwarnung ist das allerdings nicht – jetzt treten chinesische Anbieter im Mittleren Osten an die Stelle der koreanischen EPCs.
Vor allem im Saudi-Arabien-Geschäft klagen deutsche Anbieter über eine negative Entwicklung: Mit 70 Mio. Euro haben sich die Bestellungen gegenüber 2012 halbiert. Als Grund wird vor allem die gesunkene Turnkey-Kompetenz für Megaprojekte gesehen. Insgesamt sehen die im VDMA organisierten Chemieanlagenbau-Anbieter die kurz- bis mittelfristigen Aussichten für den Chemieanlagenbau sehr positiv.

Engineering Summit
Megatrends, die den Anlagenbau bewegen

Die aktuellen Trends im Anlagenbau sind Thema des 3. Engineering Summit, der von 1. bis 2. Juli 2014 in Mannheim stattfinden wird. Dort berichten beispielsweise Prof. Dr. Aldo Belloni, Vorstand bei Linde, oder Marie-Christine Charrier, CTO bei Technip, darüber, welchen Einfluss die (Neu-) Positionierung auf den Erfolg eines Anlagenbau-Unternehmens hat. Wie die aktuellen Megatrends den deutschen Anlagenbau verändern, wird dort ebenfalls Thema sein, wie die Vision „Anlagenbau 2020″, die von Dr. Peter Weber, Preseident EMEA beo Outotec, vorgestellt werden wird. Aber auch Best Practices, Service als Ertragsquelle sowie Globalisierung aus Sicht mittelständischer Anlagenbauer werden Themen des 3. Engineering Summit sein. Weitere Informationen unter www.engineering-summit.de

Weitere interessante Artikel zum Thema Anlagenbau können Sie hier lesen, und zum Thema Schiefergas sind unter diesem Link Berichte zu finden.

Top3614

Heftausgabe: Mai 2014

Über den Autor

Armin Scheuermann, Redaktion
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