Großanlagenbau behauptet sich mit Megaaufträgen

Licht und Schatten

06.04.2016 Mit einem blauen Auge davongekommen – auf diesen kurzen Nenner lässt sich die Bilanz des deutschen Großanlagenbaus für das Jahr 2015 bringen. Mit 19,5 Mrd. Euro lagen die Bestellungen auf dem Niveau des Vorjahres (19,6 Mrd. Euro). Das ist einerseits gut, weil das globale Umfeld außerordentlich schwierig war, andererseits aber schlecht, weil zu wenig Aufträge in mittlerer Größe kommen.

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Jürgen Nowicki, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) im VDMA und Sprecher der Geschäftsleitung der Linde Engineering Division, sieht den deutschen Großanlagenbau robust aufgestellt

„Angesichts des sehr volatilen Umfelds, das von niedrigen Rohstoffpreisen, einer schwachen Weltkonjunktur, starkem Wettbewerbsdruck und einer Vielzahl regionaler Konflikte geprägt ist, werten wir es als Zeichen besonderer Robustheit, dass der Großanlagenbau sich in Summe stabil behaupten konnte“, sagte Jürgen Nowicki, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) im VDMA und Sprecher der Geschäftsleitung der Linde Engineering Division, anlässlich der Veröffentlichung des aktuellen Lageberichts.

Geht man allerdings in die Details des Zahlenwerks, dann wird deutlich, dass das Bild sowohl im Chemieanlagenbau als auch im Kraftwerksmarkt von wenigen Großprojekten – davon zwei Linde-Deals in Russland und mehreren Kraftwerks-Großaufträgen aus Ägypten – geprägt ist. Insgesamt stieg das Ordervolumen aus dem Ausland um 6 % auf 16,9 Mrd. Euro (2014: 15,9 Mrd. Euro). Dagegen hat sich im Chinageschäft der Abwärtstrend verfestigt und auch aus anderen asiatischen Schwellenländern wie etwa Südkorea und Malaysia gingen 2015 weniger Bestellungen ein als im Vorjahr. Auch der europäische Markt zeigte sich schwach.

Mehr Aufträge meldeten die AGAB-Mitglieder dagegen aus Brasilien, Indien, der Türkei und dem Mittleren Osten. Die Aufträge aus den USA haben sich dank anziehender Bestellungen für Gaskraftwerke auf hohem Niveau stabilisiert. Insgesamt nahm die Auslandsnachfrage nach Kraftwerken um 18 % zu. Mit 7,8 Mrd. Euro erreichte das Ordervolumen in diesem wichtigen Segment den höchsten Wert seit 2009.

 

Inland: Bestellungen so niedrig wie seit über 30 Jahren nicht mehr

Die inländische Anlagennachfrage ist 2015 um 29 % auf 2,6 Mrd. Euro (2015: 3,7 Mrd. Euro) zurückgegangen. Erstmals seit mehr als 30 Jahren lag das nominale Auftragsvolumen damit unter der Marke von 3 Mrd. Euro. Der Hauptgrund für diesen Rückgang ist der Zusammenbruch des deutschen Marktes für den Neubau fossiler Kraftwerke. Doch auch in den Prozess- und Grundstoffindustrien werden aufgrund von Überkapazitäten, hohen Energiepreisen und strengen Regulierungsvorschriften derzeit kaum Großprojekte realisiert.

Die Branche hat sich von einem Verkäufermarkt klar zu einem Käufermarkt gedreht, in dem die Auftraggeber in zunehmendem Maße versuchen, Projektrisiken auf die EPC-Auftragnehmer abzuwälzen. Wir müssen deshalb unser Projekt- und Risikomanagement weiter ausbauen“, stellt Nowicki fest. Konkret geht es – so der AGAB-Sprecher – bis hin zu Eigenkapitalbeteiligungen, dem Schließen temporärer Finanzierungslücken und vereinzelt sogar dem Betrieb der Anlage durch den Anlagenbauer.

Dazu kommt, dass sich die Auftraggeber mehr und mehr die Rosinen aus dem Auftragskuchen picken und das Projekt in Engineering-, Beschaffungs- und Montageprojekte aufspalten, wodurch für die Kontraktoren Margen aus dem Beschaffungsprozess entfallen. „Wir sehen einen Trend zum Discount-Engineering – immer mehr Kunden versuchen, uns allein auf den Basic-Engineering-Teil festzulegen“, berichtet Nowicki: „Das versuchen wir zu verhindern.“

Überdies hat die Branche im Einsatz von Industrie 4.0-Technologien einen wichtigen Hebel erkannt, um die Effizienz ihrer Prozesse zu steigern. Dabei ist die Sicht der Branchenmitglieder durchaus unterschiedlich. Geht es den Chemie-EPCs vor allem darum, die Digitalisierung ihrer Engineeringprozesse voran zu treiben und dadurch Kosten im Engineering, in der Logistik und auf der Baustelle zu sparen, berichten Metallurgie-Anlagenbauer von Ansätzen, bei denen die gesamte Wertschöpfungskette im Stahlwerks-Anlagebau und der spätere Betrieb dieser Anlagen am Industrie-4.0-Modell ausgerichtet werden.

Und auch den Ausbau des Service-Geschäftes sehen die Anlagenbauer als probates Mittel, ihr zyklisches Geschäft zu verstetigen. Derzeit liegt der Anteil der Serviceleistungen am Gesamtumsatz im Großanlagenbau bei 16 %. Die Planungen der AGAB-Mitglieder sehen vor, diese Quote bis 2019 im Branchenschnitt auf mehr als 20 % zu steigern.

 

Ausblick 2016: Stabiler Auftragseingang erwartet

Für das laufende Jahr gibt sich der Großanlagenbauverhalten optimistisch. Zwar rechnen die AGAB-Mitglieder angesichts der anhaltend schwachen Investitionsneigung in China, der Rezessionen in Russland und Brasilien, der Vielzahl an regionalen Konflikten sowie dem zunehmenden Wettbewerb aus Asien nicht mit einer grundlegenden Trendwende im Auftragseingang. Dennoch scheint immerhin ein leichter Anstieg der Nachfrage möglich zu sein. Insbesondere der Iran, die USA und Südostasien bieten dem Großanlagenbau interessante Perspektiven. „Der von den Unternehmen  betriebene Ausbau des Servicegeschäfts, eine wachsende Nachfrage nach Betreibermodellen sowie die Nachrüstung bestehender Fabriken mit Industrie-4.0-Techniken versprechen darüber hinaus weltweit steigende Umsätze“, lautet das Fazit von Nowicki. (as)

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Über den Autor

Armin Scheuermann, Chefredakteur CHEMIE TECHNIK
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